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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-10-19 · Heft 43 (19.10.1875) · p. Seite 699

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 43 (19.10.1875)
Date
1875-10-19
Page
Seite 699 (sequence 11)
Language
German
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699 einen orthodoxen Juden vor, der, das Gebetbuch in ver Han und den Gebetriemen nach seinem Ritus vielfach um Hals') und Arm geschlungen, in einer Ecke saß und halblaut vor sich hinflüsternd seine Andacht verrichtete, während ihm gegenüber ein junger Mann Platz genommen, der einen arabischen rothen Fez mir dicker blauer Seidenquaste trug und in den ersten Minuten, so lange der Jude seinem pflichtgemäßen Gebete oblag, sich schweigend verhielt. Ich selbst, nachdem ich mein geringes Handgepäck bei Seite gebracht, ging in dem Laufgang des geräumigen Waggons hin und her, bald aus diesem, bald aus jenem Fenster blickend und im Stillen voll innerm Grolls meine Cigarre rauchend, da Alles, was ich um mich her in der äußern Natur sah, keine Hoffnung auftauchen ließ, daß die sonst so schöne Fahrt über den Thuner See eine angenehme und aussichtsreiche sein werde. Nirgends, weder im Osten noch Westen, war irgend eine Bergspitze klar, den ganzen Horizont verhüllte nach wie vor ein undurchdringlicher eisgrauer Nebel, und sogar in nächster Nähe lag er so dick aus der Landschaft ringsum, daß selbst die Häuser am Wege kaum hinter dem vor ihnen liegenden Schleier zu sehen waren. Mißmuthig, aber mich vollständig in mein Schicksal ergebend, setzte ich mich endlich, nicht weit von den beiden erwähnten Reisegefährten, in eine Ecke, schloß die Augen und gab mich meinem Gedanken hin, die indeß bald auf das lebhaft geführte Gespräch jener beiden Männer zurückgeführt wurden, das sich sofort entspouneu hatte, sobald der Jude seine Andacht beendet, seinen Gebeiriemen abgeschnallt und sorglich in eine abgegriffene Reisetasche gepackt hatte. Dieser Jude, der, wie ich sehr bald aus dem Gespräch entnahm, in Thun ansässig war und dort ein nicht unansehnliches Geschäft betrieb, war ein sehr ruhiger und bedachtsamer Mann und ich hatte alle Ursache, mit seinem Verhalten, dem jüngeren Reisegefährten gegenüber, zufrieden zu sein. Dieser schien seinem ganzen Aussehen nach, den rothen Fez abgerechnet, ein Deutscher, denn sein Haar war blond, sein Auge rein blau und seine Sprache ein vollkommen fehlerfteies Deutsch. Nichtsdestoweniger verrieth seine Lebhaftigkeit, sein rastloses Schwatzen, eine gewiffe französische Beimischung, und wenn ich einige Minuten in Zweifel darüber war, welches Stammes er eigentlich sei, so belehrte mich sehr balv die Fortsetzung des Gesprächs, daß ich einen Elsäsier vor mir habe und zwar einen von jenen jungen Leuten, die das französische, wucherisch sich fortpflanzende Element mit fanatischer Begeisterung in sich ausgenommen haben und es sich zur größten Ehre schätzen, der bisher unbesiegten großen Nation anzugehören und auf ihre endlichen Besieger mit einer wahren Wuth schimpfen zu können. Der junge Mann hatte sich, obgleich er seine deutsche Abstammung durch nichts verleugnen konnte, ein für alle mal für Frankreich entschieden und, entrüstet über die Frechheit der Deutschen, den Franzosen soeben Elsaß und ein Stück von Lothringen abgenommen zu haben — auf verräterische Weise, wie er sagte — glaubte er in dem nunmehr wieder deutschgewordenen Elsaß nicht mehr selig werden zu können und stand im Begriff, sich nach Algier zu begeben, wo er in irgend eine Legion als Kämpfer eintteten wollte, um sich würdig vorzubereiten, in zwei Jahren seinen großen Landsleuten die „geraubten" Grenzländer wieder erobern zu helfen. Das Alles brachte er mit einer Hast und Zungengeläufigkeit ohne Gleichen vor und ließ den Juden gar nicht zu Worte kommen, der augenscheinlich anderer Meinung und entgegengesetzter politischer Gesinnung war, was er denn auch ganz offen durch seine ruhige, vernünftige Erwiderung bestätigte. Ja, es verursachte mir sogar eine große Freude, als ich hörte, wie der so bescheidene Mann den jungen Heißsporn ablrumpfte und ihm ohne Rückhalt sagte, wie er gewiß sei, daß er, rer jetzt so ganz und gar Franzose zu sein strebe, in wenigen Jahren zur Erkenntniß gekommen sein werde, wie man im deutschen Elsaß glücklicher, harmloser und ruhiger leben könne, als im ftanzösischen Algier, und daß er nach diesen wenigen Jahren Kaiser Wilhelm unv seinen großen Rathgeber Bismarck mit ganz andern Augen als jetzt bettachten werde. Als das Gespräch zwischen Beiden so weit gekommen, öffnete ich die Augen, um mit stillem Behagen die Wirkung zu sehen, die diese vernünftige Rede auf den französischen Legionshelden hervorgebracht. Sein sonst hübsches, aber bleiches Gesicht war von innerer Erregung ganz roth geworden; er schüttelte unwillig den Kopf und ließ einige seiner hochtönendsten ftanzösischen Phrasen hören, wobei er, mit einiger Verachtung von dem Juden sich abwendend und die Bemerkung einflechtend, daß er leider sehe, wie er keinen politisch gebildeten Mann vor sich habe, sich plötzlich zu mir wandte und die Frage aussprach, ob ich nicht ganz und gar seiner Meinung sei. „Nein, mein Herr", sagte ich kurz, „ich bin durchaus nicht ihrer Ansicht und stimme ganz und gar der dieses Herrn aus Thun bei. Eine weitere Ausführung meiner Meinung darüber, erlaßen Sie mir gefälligst, denn ich reise nicht, um unterwegs über politische und unfertige Dinge zu sprechen, sondern allein, um mich zu ruhen, zu erholen und mich dabei an Gottes großer Natur zu erfteuen." Bei diesen Worten sah er mich hochmüthig und verwunderungsvoll an und schien einen Theil seiner Verachtung des Juden, der mir fteundlich zunickle, auch auf mich zu übertragen, stand dann plötzlich von seinem Sitz auf, stellte sich, uns den Rücken zukehrend, an ein Fenster, und sah so lange hinaus, bis wir in Thun anlangten, wo er, ohne uns eines Grußes zu würdigen, sogleich auf den fast menschenleeren Perron sprang. „Der arme junge Mann", sagte der Jude zu mir, indem 43* 1) Der Verfasser meint: die Stirn. Redaction.

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