Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 43 (19.10.1875)
- Date
- 1875-10-19
- Page
- Seite 698 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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halten zu können. Die rituelle Schlachtung des Viehs und Geflügels besorgen sie im Markt Erdö--Szt.-György, und mit all ihren religiösen Anliegen wenden sie sich, wie uns eine alte Szökler Jüdin erklärte, an den dortigen „püspük“ (Bischof), worunter sie Len Rabbiner verstand. Nachdem wir die Synagoge im Innern besichtigt hatten, wollte der Führer die Frauen - Gallerte öffnen, zu welcher eine Treppe an der Außenwand des Gebäudes hinanführt; allein der Schlüssel wollte nicht pariren, und so führte er dann die Gesellschaft in ein Haus, wo er derselben das rituelle Frauenbad zeigte. — Diese Szsklerinnen unterwerfen sich eben allen rituellen Gebräuchen der frommen Jüdinnen und lasten sich sogar, wie jene alte Frau erklärte, das Kopfhaar kurz schneiden. Auch die kleine hübsche Brünette hat dies gethan, die uns als das Weib des braunen Burschen mit den „Peies" bezeichnet wurde. Sie hatte, wie die anderen Converlitinnen alle, den Kopf mit einem großen Tuch umwunden, so daß nicht ein Härchen hervorblicken konnte. Ehe wir weiter gingen, mußten wir noch, der Einladung jener alten SzLklerin folgend, in die nahe Wohnung derselben einlreten. Ihr Mann, eine wahrhaft patriarchalische Gestalt mit langem Bart, lag fieberkrank im Bette, und kaum hatte er einen der eimretenden Geistlichen erblickt, als er diesen angelegentlichst fragte, wie ihm die jüdischen Predigten gefallen, die er ihm geliehen. — Es konnte dabei nur von einem in ungarischer Sprache erschienenen Buch die Rede sein; denn ein anderes können diese jüdischen Szekler nicht lesen, noch verstehen. Die Gebetbücher der Aelteren unter ihnen sind natürlich ungarisch, und zwar geschrieben, da die Sabbatharier, als nicht erlaubte Secte, ihre Gebetbücher nicht drucken laffen durften. Es sind solid in Leder gebundene Bücher, die sich von Generation zu Generation in einer Familie vererbten, und worunter manche noch aus der Zeit stammen, in welcher die Secte der Sabbatharier entstanden :st. So hatten wir eines in Händen, auf deffen Schlußblatt geschrieben stand: ..Keszült 1608 Sz. Andres haväl>an“ (Fertig geworden 1008 im Monate des H. Andreas — November,.— Den Inhalt dieser Bücher bildeten Uebersetzungen von Psalmen und Gesängen zum Lobe des Sabbath, die von Simon Pechy, dem Stifter der Secte herrühren sollen. Die jüngeren unter den Juden gewordenen Sabbalharieren, die bereits nolhdürftig Hebräisch lesen gelernt haben, bedienen sich gedruckter hebräischer Gebete, denen die ungarische Uebersetzung beigefügt ist. Daher sind bereits einzelne unter den sorgfältig bewahrten geschriebenen Sabbatharier-Büchern von den Besitzern aus Händen gegeben worden, und so gelangte unter Anderem eines vor Kurzem in den Besitz der Akademie." „Aus der Wohnung des kranken alten Mannes, an deren Thürpfosten die vorgeschriebene kleine Pergamentrolle befestigt war, begaben wir uns nach dem Friedhof der neuen jüdischen Gemeinde, der sich auf dem Bergabhange in einem großen Obstgarten befindet, und aus zwei, durch einen breiten Zwischenraum getrennten Abtheilungen für die Männer und die Frauen besteht. Die Gräber der Letzteren sind mit keinerlei Denkzeichen versehen; in der Abtheilung für Männer aber sahen wir einen auf beiden schmalen Seiten mit je einem flachen Stein abgeschlosienen Grabhügel, und einer dieser Steine war mit einer Inschrift in ungarischer Sprache versehen. An der Spitze derselben ist in hebräischen Lettern der Name: „Abraham Kive" zu lesen. Der Meister, der den von der Natur gelieferten Grabstein ein wenig zurecht geformt und die Inschrift mit primitiver Kunst eingemeißelt hatte, kam bald herbei. Es ist ebenfalls ein Szökler, der die hebräischen Lettern lesen und schreiben gelernt hat, einen Bart und „Peies" trug, wie seine Genosien, barfuß ging, wie sie, und den Kopf ebenfalls mit einem alten kleinen Filzhut bedeckt hatte. Er wohnt am Fuße des Abhangs, unweit vom Friedhof, und zeigte uns in seinem Hof mehrere Grabsteine, die er unter der Arbeit hatte. Auf einem war die Inschrift fertig, und als Einer von uns fragte, wie viel er dafür bekomme, sagte ec, daß ihm die betteffende Familie zum Entgelt seinen Acker gepflügt habe." „Die eben beschriebene Synagoge ist übrigens das einzige Zeichen ihrer Constituirung zu einer Religionsgemeinde. Alle eigentlichen Organe einer solchen fehlen ihnen. Sie haben weder einen Rabbiner noch einen Lehrer; nur ein armer jüdischer Knabe aus irgend einem Nachbardorf lehrt die Kleinen in der SzSkler- Judengemeinde Hebräisch lesen und erhält dafür jeden Tag in einem andern Hause die Kost." Aus einem Roman von Galen. Bei der schmählichen Art, wie in der jüngsten Zeit in vielen belletristischen Producten, die freilich so schnell verschwinden, wie sie kommen, die Juden zu Carricaturen, Sündenböcken und Prügelknaben verwendet werden, ist es wohl gestattet, ein Beispiel anderer Art nicht mit Stillschweigen zu übergehen. Der bewährte Romanschriftsteller Philipp Galen hat jüngst bei Otto Janke (Berlin, 1876) einen Roman „Der Einsiedler vom Abendberg" erscheinen laffen. Er läßt einen Arzt nach alter Gewohnheit zum Sommeraufenthalt nach rer Schweiz reisen. Unterwegs hat derselbe ein kleines Begegniß, das in feiner Einfachheit, und da die betreffenden Personen im Roman selbst gar nicht wieder erscheinen, aus dem wirklichen Leben genommen ist. Der Mann reist zu früh im Jahre, und läßt sich von dem nebeligen Wetter nicht zurückhalten, von Bern nach Jnterlaken zu fahren. Er erzählt nun: Das hatten die in Bern weilenden und aus gutes Wetter wartenden Reisenden auch so gut wie ich gewußt, und so kam es, daß nur wenige Personen meine Gefährten waren, denn in dem Waggon, welchen ich zufällig gewählt, fand ich nur