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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-10-19 · Heft 43 (19.10.1875) · p. Seite 700

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 43 (19.10.1875)
Date
1875-10-19
Page
Seite 700 (sequence 12)
Language
German
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700 er seine Tasche aufnahm, um ebenfalls den Wagen zu verlassen, „thut mir eigentlich leid. Da gehl er hin nach seinem dürren Algier und dem fetten Elsaß kehrt er den Rücken. Aber gut, wer nicht hören will, muß fühlen, unv ihm wird der Kummer über seinen französischen Aberwitz auch nicht erspart bleiben. Es giebt einen gerechten Gott im Himmel! Leben Sie wohl, mein Herr!" — Wir acceptiren gern diese Schilderung als Charakteristik der Ansichten der Deutschen und Deutschland nahestehenden Juden. Vermischtes. Der „Königsberger Hartunger Zeitung" geht über die Verhandlungen einer Kreissynode folgender, wie sie ironisch sagt, „herzstärkender" Bericht zu. Än der That mag sich eine Synode mit der betteffenden Frage, wenn sie den Gegenstand als wirklich vorhanden bettachtet, mit Recht beschäftigen, nur die Art, wie sie dieselbe behandelt, ist curios. Der Bericht lautet: „Am 15. Septbr. die Kreissynode Friedland versammelt, aus deren Verhandlungen wir folgende charakteristische Punkte hervorheben : Punkt 3 der Tagesordnung war: Berathung über die seitens des königlichen Consistorii gestellte Proposition: a. An welchen Anzeichen ist eine wachsende Gefahr sittlicher Verwilderung der jetzigen Jugend erkennbar? l>. Welche besonderen Ursachen dieser betrübenden Erscheinung laffen sich mit Grund annehmen? c. Mit welchen Mitteln dürfte sie am wirksamsten zu bekämpfen sein? — Ueber diese 3 Fragen erhebt sich eine lange und lebhafte Discussion. Herr Pfarrer Korsch- Bartenstein führte als Beispiel der sittlichen Verwilderung der Jugend an, daß einige seiner Confirmanden eine halbe Stunde vor ihrer Confirmalion seine sämmtlichen Weinttauben abgepflückt und aufgegeffen haben. Herr Bürgermeister Schulz-Bartenstein erklärte als ein Anzeichen der sittlichen Verwilderung der Jugend, das Beschädigen der Bäume an den Sttaßen und das Ausnehmen der Vogelnester u. s. w. Superintendent Günther-Schippenbeil gab als Ursache dieser betrübenden Erscheinung die „Trennung der Schule von der Kirche" an, wurde aber vom Vorsitzenden in klarer Weise widerlegt. Pfarrer Wiedemann - Auglitten bemerkte, daß „das Strafgesetzbuch", „das Gesetz der Freizügigkeit" und besonders die „Preffe" Schuld sei; auch werden — meint er — die jungen Leute beim Militär verwahrlost, denn die Jünglinge sind sittlicher, so lange sie noch nicht Soldaten gewesen sind. Pfarrer Henschke-St. Johann sprach sich sehr richtig dahin aus, daß das überhand nehmende Hütewesen die Jugend auf dem Lande verwildere, was ihm aber vom Herrn v. Kobylinsky- Wöterkeim bestritten wurde. Dieser Herr sagte wörtlich Folgendes: „Kinder sind auf dem Felde beim Biehhüten besser aufgehoben, als in der Schule. Die Schuld der Verwilderung der Jugend tragen die Lehrer, die nichts von der Religion wissen wollen, was ja daraus zu ersehen, daß sie ihre Schüler nicht mehr zu den Kirchenvisitationen führen. Eine andere wichtigeUrsache der sittlichen Verwilderung derJugend aber ist — die Breitmachung des Judenthums." — Das sind Ansichten eines Repräsentanten der hochwürdigen Kreissynode Friedland. — Nachdem von einigen Geistlichen noch der zweijähriges!- Confirmandcnunterricht als wirksamstes Mittel (!!) gegen die Verwahrlosung der Jugend empfohlen worden, einigte sich die Versammlung zum Abschluß der Discussion auf Vorschlag des Herrn Bositzenden in nachstehendem einstimmigen Zeugniß: „Die Synode halt es für ein dringendes Bevürfniß, daß die Kirchenältesten und die Geistlichen im heiligen Ernste ihrer Hirtenpflicht gedenken, durch die Mittel der Seelsorge die Verlorenen zu suchen und die Zerstreuten zu sammeln." Ein jüdischer Künstler in Brüssel arbeitet gegenwärtig im Aufträge des Königs von Bayern an einer großen Medaille zu Ehren Richard Wagners. Auf der einen Seite befindet sich das Bildniß des Componisten, auf der anderen eine Gruppe Gestalten aus dessen Opern. Sie wird in Gold, Silber und Bronze ausgeprägt. Frage: wird Wagener nun auch eine Brochüre „Das Judenthum in der Medailleurkunst" schreiben? Antwort: Bewahre! Wo ihm gehuldigt wird, da lächelt er wohlwollend; er zürnt und schmäht nur da, wo ein Anderer sich den Ruhmeskranz in der Kunst erworben hat. Wären Mozart und Beethoven auch Juden gewesen, so würde sein berüchtigtes Pamphlet noch einmal so dick und mit verdoppelten Schimpfworten versehen worden sein. Ein Jude, der ihm eine Medaille schneidet, ist für ihn ein lobenswerther Mann. Wir haben hier eine kleine Verwahrung einzulegen. Es kommen uns allzuhäufig ausführliche Berichte über einzelne, bald hier, bald dort gehaltene Predigten zu, die sich dann auch selbstverständlich über dieselben, wie über außergewöhnliche Meisterwerke auslaffen. Es kann Niemandem mehr Vergnügen machen als uns, strebsamen und tüchtigen Kanzelrednern die schuldige Anerkennung angedeihen zu laffen. Aber es ist doch unmöglich, das Publikum über jede Trau-, Grab-, Confirmations-, Einweihungsu. dgl. Predigt mit wortteichen Berichten zu behelligen, und den beschränkten Raum eines Blattes damit zu füllen, noch dazu, da uns in den meisten Fällen der Maßstab fehlt, inwieweit das ausgesprochene Lob nur eine Privatkritik ist. Wir verwahren uns daher, wenn wir solche Berichte zurücklegen, uns andere Motive zuzuschreiben, als die einfachen, unabweislichen Redaclionsgrundsätze.

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