Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 43 (19.10.1875)
- Date
- 1875-10-19
- Page
- Seite 697 (sequence 9)
- Language
- German
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697 I e u i l l e t o n. Die Sabbalharier in Siebenbürgen. Wir haben zur Zeit über die ungefähr 40 SzLkler-Familien in Siebenbürgen berichtet, welche seit einigen Jahrhunderten schon als eine besondere, judaisirende Secte bestanden, Sabbatharier genannt wurden, und sehr heftige Verfolgungen muthig und ausdauernd ertrugen, endlich, als die ungarischen Gesetze es ihnen gestatteten, förmlich zum Judenthume übertraten. Es wird interessiren, über deren gegenwärtigen Zustand etwas zu erfahren. Herr l)r. Adolf Dux beschreibt im „Pester Lloyd" eine Reise nach dem Dorfe Bözöd-Ujfalu, in welchem diese Familien leben, und wir heben, ven Bericht über die Fahrt selbst übergehend, das über diese Leute selbst Gesagte hervor. Herr Dux erzählt: „Der Hof, in welchem wir uns unterhielten, liegt ziemlich hoch am Abhange des Berges und eine lange Treppe, aus flachen Steinen zusammengefügt, führt zu dem Wohnhause hinauf, unter dessen Vordach die kleine Gesellschaft versammelt war. Bon dort aus erblickten wir am äußersten Ende des Dorfes ein neues, weißblinkendes Gebäude, das sich von den übrigen Häusern des Ortes an Größe und Form bedeutend unterschied.') Es war, wie man uns sagt, die Synagoge der neubekehrten Juden, und die Gesellschaft brach auf, um die Szskler Judencolonie zu besuchen, die sich am äußersten Ende des Dorfes befindet. Auf dem Wege dahin erfuhren wir, baß Bözöd-Ujfalu, welches im Ganzen nur 800 Einwohner zählt, dennoch sechs oder sieben Glaubensgenoffenschaften umschließt; denn da sind Katholiken, Reformirte, Unitarier, Griechen (Walachen«, und zwar unirte und nichtunirte, ferner die junge Judengemeinde, und schließlich drei Sabbatharier, die noch nicht zum Judenthum übergetteten sind. Einer aus unserer Gesellschaft war vorausgegangen, um einen der jüdischen Szskler zu holen, damit er uns in die Synagoge führe, und als wir uns dieser näherten, kamen mehrere Mitglieder der neuen Gemeinde herbei, Weiber und Männer, die sich um uns sammelten und uns begleiteten. — Die Weiber unterschieden sich in Nichts von anderen Szöklerinnen, und was die Sprache bettifft, so erwiesen sich auch die Männer als ebenso gute Szökler, wie die übrigen Bewohner des Dorfes; aber in ihrem Aussehen wichen sie doch schon von ihren christlichen Stammesgenoffen ab. Es war ein Wochentag. Die Männer gingen baarfuß und hatten liarisiiya’s an, enge Beinkleider aus dem groben Wollenzeug, welches in den Häusern der Szökler gesponnen und gewoben wird. Da sie weder Weste noch Jacke trugen, so war über dem Hemde das rituelle Kleidungsstück sichtbar, das unter 1) Dieses Gebäude wurde vou Geldern hergestellt, welche man von den Juden in Ungarn gesammelt hatte. dem Namen „Zehngebot" 2) bekannt isi, und den Kopf hatte Jeder von ihnen mit einem runden niedern Filzhut bedeckt, der schwarz sein sollte, aber durch Alter abgenützt und von unentschiedener Farbe war. Ein junger Bursche mit braunem, fast bartlosem Gesicht fiel uns besonders auf; unter dem Filzdeckel stoffen an beiden Schläfen die Ringellocken nieder, die bei den polnischen Juden „Peies" genannt werden, und zwar nicht so künstlich gewunden waren, wie die der Letzteren, aber doch entwickelt genug, um die Physiognomie des Szeklers mit einem Strich in eine jüdische zu verwandeln. Zu diesem äußerlichen Zug gesellte sich noch ein gewisser Ausdruck im Gesicht, den wir das von den Augen ausgesprochne jüdische Glaubensbekenntniß nennen möchten. Wir erinnerten uns dabei an Disraeli, der in einem seiner Romane behauptet, daß die jüdisch - christliche Idee allen Völkern, welche das Christenthum angenommen haben, in der Gesichtsbildung den semitischen Charakter verleihe. Diese Szekler, die seit zwei Jahrhunderten halb und seit einigen Jahren ganz im Judenthum leben, haben nach und nach in der Physiognomie ein Gepräge erhalten, das sie zwar nicht vollständig, aber doch in ziemlich großem Maße zu Juden stempelt. Wir schreiben übrigens diese Wirkung nicht so sehr der speciellen religiösen Idee zu, wie den Verhältnissen, unter welchen die Sabbatharier lebten, der Verfolgung, der sie zwei Jahrhunderte hindurch ausgesetzt waren, der List und Schlauheit, die sie wohl anwenden' mußten, um ihren religiösen Anschauungen gemäß leben zu können. Noch mehr als bei dem erwähnten braunen Burschen ist die jüdische Physiognomie des Koväcs Hermän — ehemals Päl — wahrzunehmen, der, wie es scheint, in der neuen Synagoge die Dienste des Küsters verrichtet. Es ist ein hübscher mittelgroßer Mann von etwa vierzig Jahren mit hellbraunem Bollbart und einem schlauen, aber zugleich gutmüthigen und heitern Ausdruck im Gesicht. — Mil Eifer und nicht ohne Stolz auf seinen Glauben, wie auf sein Amt. öffnet er die Synagoge, um die Gesellschaft darin herumzuführen. Er schiebt den Vorhang von der Bundeslake und zeigt, diese öffnend, drei Heiligeschrift-Rollen, die von verschiedenen jüdischen Gemeinden gespendet wurden. Auf dem Betpult vor der Bundeslade liegt ein mir hebräischen Lettern gedrucktes Gebetbuch in Großquart. — Alles in dieser Synagoge ist von blendender Neuheit; die Wände glänzend weiß, die Betsitze blank, wie eben unter dem Hobel hervorgegangen. Nur einzelnes Decorationswerk ist nach dem naiven ländlichen Geschmack bunt angestrichen. Diese Synagoge wird, wie die Leute erklärten, „nach der Weinlese" von einem Rabbiner aus Ungarn eingeweiht werden, denn die Gemeinde ist zu arm, um sich einen eigenen Rabbiner 2) Der Verfasser meint die Arba-Kanfoth. 43