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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-10-19 · Heft 43 (19.10.1875) · p. Seite 695

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 43 (19.10.1875)
Date
1875-10-19
Page
Seite 695 (sequence 7)
Language
German
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695 wollte, wurde er von mehreren Fanatikern thätlich mißhandelt; in der Synagoge erhob sich ein heftiger Tumult, und nur die Sicherheitswache konnte die Ruhe wieder Herstellen. Am meisten lärmten die fremden jüdischen Wunderanbeter, Lenen die Behörde das Wallfahrten nach Neu-Saudec endlich energisch verbieten sollte. Pest, 3. October. Am 28. v. M. trat hier unter den gesetzlichen Ceremonien ein activer Officier, Lieutenant Johann Fischer aus Wien, zum Äudeuthume über. Wien, 6. October. (Privatmitth.) Ich erinnere mich, daß erst vor kurzer Zeit wieder in einem Leitartikel d. Bl. der Zustand übermäßiger Bewaffnung, in welchem sich sämmtliche Staaten Europas befinden, als einer der Barbarismen bezeichnet ward, in welchen wir noch stecken. Es gehört daher zu den höchsten Culturmomenten, die europäische Gesellschaft daraus zu befteien, und so den ungeheuren Consum an Geld und Arbeitskräften für einen ganz unproductiven Zweck zu vermindern. Sie gestatten mir daher wohl, auch an dieser Stelle auf eine jüngste Erscheinung aufmerksam zu machen, die nach diesem Ziele hin vorbereiten will, und zwar um so eher, als sie von einem sehr verehrten Glaubensgenoffen ausgeht. Es liegt nämlich nahe, daß es nur auf eine Verständigung der europäischen Staaten ankommt, um gleichmäßig den Friedensbestand der Heere allseitig in gleichem Berhälmiß herabzumindern. Denn daß man des stehenden Militärs noch lange nicht wird entbehren können, zeigen zahlreiche Vorgänge auch in der nordamerikanischen Union bis auf die letzten Tage. Wie aber diese Verständigung herbeiführen? Dies ist die ganze Schwierigkeit. Herr br. Adolph Fischhos hat nun in der „N. fr. Pr." zwei Artikel veröffentlicht, in welchen er zuerst erweist, daß die Diplomatie nicht diejenige Instanz ist, von welcher wir die Durchführung ein erfolchen Verständigung zu erwarten hatten; als dann, daß kein Parlament in seiner Jsolirtheit im Stande sei, die Herabminderung des Präsenzstandes zu fordern oder gar zu erwirken, da dies die Entwaffnung und Hülfslosigkeit des eigenen Staates den anderen Mächten gegenüber herbeiführen hieße. Das einzige Mittel, um zu dem ersehnten Ziele zu gelangen, sei, daß die Parlamente der europäischen Staaten durch Delegirte, zuerst in fteien Zusammenkünften, dann durch Mandatare hierüber verhandelten und eine Verständigung über die gleichmäßige Art der Abrüstung und alle dahin zielenden Fragen zu Stande brächten. Fischhof widerlegt in seinen Artikeln alle gegen seinen Vorschlag zu erhebenden Einwänve, und fordert die österreichisch-ungarischen Delegirten auf, die Initiative zu ergreifen, und an die übrigen Parlamente die Aufforderung zu Zusammenkünften sä Iioe zu richten. Niemand, auch die Startsregierungen nicht, können hierin auch nur im Entferntesten einen revolutionären, oder selbst nur einen oppositionellen Schritt erblicken, da es ja nur darauf ankommt, den Weg anzubahnen, um zu dem auch den Regierungen erwünschten Ziele zu kommen, und einem Bedürfniß abzuhelfen, welches für die finanzielle Lage der Staaten immer dringender wird. Der Gedanke scheint zu zünden, denn, wie ich höre, wird der Gemeinderath von Wien an die Mitglieder des Reichsrathes eine Aufforderung richten, jenen in die reiflichste Erwägung zu ziehen. Es gilt also, für diesen, alle Staaten gleichmäßig angehenden Zweck eine Verständigung der Parlamente herbeizuführen. Wie immer ist auch diesmal die zweckmäßigste Idee die einfachste und naheliegendste, deren Auffindung und Aussprache aber ein um so größeres Verdienst ist, weil nur für eine solche die Verwirklichung zu erwarten steht. Wie«, 6. October. < Privatmitth.) Das religiöse Bedürfniß, das in einer großen Anzahl unserer Glaubensgenoffen nur für die drei Hohen Festtage erwacht, sucht sich bisweilen in eigenthümlicher Weise zu befriedigen. Wie in früheren Jahren, hat sich hier die Privatspeculation der Sache bemächtigt und alle möglichen und unmöglichen verfügbaren Localitaten zu diesem Zwecke gemiethet. So sehr wir dies bedauern, so können wir uns doch unter den gegebenen Umständen nicht helfen. Dieser Uebelstaud ist in allen großen Gemeinden, wo der Fremdenzufluß sehr stark ist, vorhanden. Im Laufe der Jahre genügen die bestehenden Bethäuser. ES kommt sogar oft vor, daß auch diese halb leer sind, und für drei Tage im Jahre kann man doch nicht Synagogen bauen. Eines allerdings könnte und müßte der Vorstand thun, die Sache selbst in die Hand nehmen. Es dürften sich denn doch hier zahlreiche, zu dem Zwecke paffende Localitäten finden, wo der Anstand gewahrt werden konnte. Es kann auch nicht von finanziellen Opfern die Rede sein, da der Vorstand mindestens mit Privatpersonen, die ein Geschäft daraus machen, concurriren könnte, da doch eben der Vorstand nicht als ultimo ratio den Gewinn hat. Es mag übrigens hervorgehoben werden, daß das provisorische Betlocal im Musikvereinssaale, welches vom Vorstande geleitet wird, jährlich einen lleberschuß giebt. Der „Volksfreund", Organ des Cardinals Rauscher, spricht, seitdem ein Wechsel in der Revactiou eingetreten ist, nur selten von den Juden. Allerdings, wenn es vorkommt, geschieht es nicht in wohlwollender Absicht. Das ultramontan-feudale „Vaterland" veröffentlichte am ersten Tage Rosch haschana an leitender Stelle einen Artikel unter dem Titel ‘Wi n:*ar: osi. In demselben macht es den Juden den Borwurf, daß sie die christlichen Feste verhöhnen; fordert den jüdischen Vorstand auf, dahin zu wirken, das dies nicht mehr geschehe (als wenn die jüdischen Schriftsteller den Vorstand um Rath ftagen würden, was sie schreiben sollen», und drohet, falls dieser Appell keine Folgen haben sollte, Repreffalien zu gebrauchen. Als Beweis, daß Juden christliche Feste verhöhnen, citirt das Blatt einen Artikel, der vor Jahren über das Weihnachtsfest in der „N. fr. Pr." stand, der notorisch von einem Christen, Kürnberger, geschrieben wurde. Die Drohung schreckt uns auch nicht, denn, wenn das „Vaterland" etwas gegen Juden und Judenthum weiß, schweigt es nicht.

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