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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-10-19 · Heft 43 (19.10.1875) · p. Seite 692

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 43 (19.10.1875)
Date
1875-10-19
Page
Seite 692 (sequence 4)
Language
German
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692 Gott durch den göttlichen Geist hierzu befähigt und inspirirt wurde. Mit diesem Begriff stimmen auch die Schriftwerke überein, welche uns von den Propheten überliefert worden. Der Prophet hatte also eine besondere durch den göttlichen Geist erwirkte Bestimmung und Befähigung, die ihn über die anderen Menschen hinausstellte. Hierzu bedurfte er einer besonderen Berufung, und eine solche wird uns von den hervorragendsten Propheten berichtet. Im ersten Buche Moses 28, 10 :c. wird Jacob, da er aus seinem Heimathlande zu seinen Verwandten in Haran zieht, einer Offenbarung gewürdigt, um ihn in der treuen Anhänglichkeit an die abrahamitische Gotteslehre zu befestigen, damit er nicht in die Familienabgötterei verfalle. Zu diesem prophetischen Berufe, dem noch in seinem Leben fernere Acte folgen, wird er durch ein Traumgesicht eingeführt. Er sieht eine Leiter, die auf der Erde steht und in den Himmel ragt, Engel steigen hinauf und herunter und oben ist Gott, der sich ihm offenbart. Die Bedeutung ist einfach: die Gedanken und Gefühle des Menschen steigen zu Gott hinauf, und in Bezug auf diese wird dem prophetischen Menschen von Gott eine Offenbarung, die unmittelbar von diesem in den Geist jenes hinuntersteigt. Der Traum Jacobs soll also diesem, bevor er die Offenbarung erhält, anschaulich machen, was und wie riese sei, eine unmittelbare Verbindung zwischen Gott und Mensch innerhalb des Geistes des letzteren. So versteht es auch Jacob selbst, wie sein Ausruf nach dem Erwachen bezeugt: „Es ist der Ewige an diesem Orte," „dies ist die Pforte des Himmels!" Er weiß jetzt, daß eine unmittelbare Verbindung Gottes mit dem Menschengeiste, eine unmittelbare Einwirkung Gottes auf den Menfchengeift möglich ist, und hat eine solche erfahren. — Was dem Wanderer auf seinem einsamen Nachtlager im freien Felde, das Haupt auf dem Steine, geschehen, das geht gleichfalls in der Einsamkeit der Natur, aber im Lichte des Tages vor den Augen Moses' vor. Je thatsachlicher daS sein sollte, was Moses als Prophet zu verrichten hatte, desto einfacher und bestimmter vollzieht sich auch feine Berufung. Symbolisch ist hier nur das Brennen des Dornbusches, das Moses darum auffallen mußte, weil der Strauch nicht verbrannte. Moses will nach einer natürlichen Ursache dieser Erscheinung suchen (2 Mos. 3, 3), erkennt so, daß eine solche hier nicht stattfindet, und wird hierdurch zur Auffaffung der folgenden Offenbarung als solcher hingeführt. Dies war der Zweck des brennenden Dornstrauchs, und eine weitere Auslegung der symbolischen Bedeutung ist durch das h. Wort selbst nicht gegeben, bleibt also nur dem Midrasch überlasten, der sich besten auch in sehr sinniger Weise bemächtigt hat. Von hier ab ist die Berufung Moses im einfachen klaren Worte gegeben: die Israeliten aus Egypten zu führen, ihnen die Lehre des ewigen unveränderlichen Gottes und des Gesetzes zu verkünden. In eine ganz andere Umgebung versetzt uns die Berufung Samuels l l Sam. 3), in die Zelle, wo der Jüngling, der als Levit im Heiligthume diente und besonders der Person des Hohenpriesters Eli nahe stand, ruhte. Dreimal erging der einfache Aufruf an Samuel, den dieser für einen Ruf Eli's hielt, so daß er zum Lager seines Herrn eilte und nach desten Willen fragte, bis Eli selbst hieraus merkt, daß es ein Ruf vou oben sei, und dem Jüngling befiehlt, dem göttlichen Worte zu lauschen. So kam es denn Samuel zum Bewußtsein, daß er des prophetischen Berufes gewürdigt sei. (Vgl. besonders V. 20. 21.) — Bon dieser Einfachheit der Berufung bei Moses und Samuel, die vorzugsweise in das wirkliche Leben einzugreifen bestimmt waren, werden wir bei den späteren Propheten in das innerste geistige Schauen versetzt. So zunächst bei Jesaias (Cap. 6), dessen Vision an den Traum Jacobs angelehnt werden kann, nur daß sie sachgemäß nunmehr in das Heiligthum verlegt ist. Es konnte jetzt der Vorgang der Offenbarung nicht mehr zweifelhaft sein, doch mußten sich an denselben noch besondere Fragen knüpfen. Es war dies umsomehr der Fall, als der Inhalt deS prophetischen Berufes das Abhalten von Sttafreden, die Verkündigung des göttlichen Sttafgerichts und der durch dieses erwirkten dereinstigen Läuterung und Wiederherstellung sein sollte. Die Frage entstand hier: wie vermag ein sündiger Mensch ein Sendling Gottes des Allerheiligsten zu sein und Sttafreden an seine Mitmenschen zu halten? Die Antwort lautet: Die Gottesbegeisterung des Propheten entsündigt diesen, und sein Beruf selbst heiligt ihn zum Werkzeug Gottes. Dies ist es, was in der Vision des Jesajas ausgesprochen wird. Gott wird als das allerheiligste Wesen verkündet (V. 3). Der Prophet erkennt sich in seiner Sündhaftigkeit (V. 5), Aber durch seine unmittelbare Verbindung mit Gott „weicht seine Schuld und seine Sünde wird versöhnt." (V. 7). Jetzt erst vermag er den prophetischen Beruf auf sich zu nehmen. (V. 8). Diese Vision ist um so großartiger, je majestätischer und einfacher zugleich sie ist. — War diese Frage nunmehr beantwortet, so schloß sich bei der Berufung des Jeremias (Cap. 1) als eine andere die an: woher dem Propheten die Befähigung zu seinen gewaltigen Reden gekommen? Sie war bei Jeremias um so mehr am Platze, als dieser mitten in den Sturur der Parteien, des Krieges und seines ttaurigen Ausgangs gestellt war und deshalb den ihm drohenden Gefahren und den Mächten, die ihm entgegenstanden, gegenüber des unerschütterlichsten Muthes und der ausdauerndsten Kraft bedurfte. Auch hier die Antwort: daß seine Befähigung ihm durch die Bestimmung zu seinem Berufe von Geburt an und durch die unmittelbare Verbindung mit Gott in der Begeisterung gegeben ist. Auch hier dies allegorisirt durch eine Berührung des Mundes des Propheten. Hieran schließen sich sofort zwei kurze einfache Allegorien, welche aussprechen, daß bei Jeremias der Verkündigung die Erfüllung und zwar die Vernichtung des Reiches Juda auf den Fuß folgen Diese kurze Besprechung der verschiedenen Arten, wie die heilige Schrift die Berufung der Propheten darstellt, giebt uns sofort den Auffchluß, daß auch die Vision Jecheskels nichts

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