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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-10-19 · Heft 43 (19.10.1875) · p. Seite 691

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 43 (19.10.1875)
Date
1875-10-19
Page
Seite 691 (sequence 3)
Language
German
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691 so viele Angreifer vom Schauplatz abtreten, daß wir uns in der That vor den neuesten auch nicht zu fürchten haben. Die Vision -es Zecheskel i. Die Mahnung, die Lehre des Herrn nicht vom Munde weichen zu lasten und darin zu sinnen Tag und Nacht, ist, wie die Geschichte unseres Schrislihums erweist, in allen Geschlechtern und Zeitaltern in ergiebigster Weise ausgeführt worden. Die biblische Literatur in ihrer epischen Geschichtserzählung, wie in ihren poetischen und philosophirenden Theilen ist überall einfach, plan und rationell, gleichweit entfernt von der egyptischen Nüchternheit, wie vom orientalischen Schwulst. Nur wenige Stücke in derselben streifen an Mystik in Inhalt unv Ausdruck. Die eigentlichen Schwierigkeiten liegen im Alterthum der Sprache, in der Form vieler Gegenstände und Ereigniffe und in den Veränderungen, welche diese hochbetagten Schriftwerke bis zur Fixirung ihres Wortlautes erfahren mußten. Dennoch liegt es in der Natur der Sache, daß die Zeitalter aus ihrem Geiste und ihrer Richtung heraus mit verschiedentlicher Austastung an die h. Bücher gehen mußten, und die Art der Auslegung im Laufe der Geschichte eine sehr mannichfaltige wurde. Es war dies im Äudenthume um so möglicher, als dastelbe eine bestimmte, kirchlich fanctionirte Interpretation niemals kannte und festhielt. Im Talmud selbst wird uns eine Fülle von Erklärungen dargeboten, welche sich oft aus der fteiesten Behandlung der Texte ergaben. So reihten sich dann später Commentare an Commentare von sehr verschiedenem Geiste und Werthe. In einer Zeit nun, wie die unsrige. wo die Sprachkunde durch die systematische Behandlung der Grammatik und der Lexicographie, sowie durch die vergleichende Sprachforschung, namentlich der Dialecte, so große Fortschritte gemacht, und sich hiermit eine sorgfältigere Kenntniß der Geschichte, der Oertlichkenen und der Naturgegenstände verbunden hat, wo zugleich die rationelle und kritische Forschung durchaus nur die aus jenen Momenten sich ergebende Austastung, Erklärung und Ausdeutung zulaßt, muß bei aller sorgfältigen Beachtung der früheren Exegeten doch das Werk der Auslegung gewissermaßen von neuem Lurchgeführt werden, wenigstens eine gewiffenhafte Revision stattfinden. Diese wird insonders jene schwierigen Stücke und Stellen der h. Schrift betreffen müssen, von denen wir oben gesprochen, und obschon hierin längst bedeutende Schritte gethan sind, wird man doch Anregung und Anleitung auch in dieser Zeitschrift erwarten, um besonders in den weiteren Kreisen des Publicums den Sinn dafür wieder zu wecken und auch auf diese Aufgabe unsrer Zeit aufmerksam zu machen. Zu diesen Stücken gehört sicher die große Bision Jecheskels am Anfänge dieses prophetischen Buches. Sie ist eine der dunkelsten Theile der heiligen Schrift, weniger den Worten als dem Sinne nach. Sie gab daher der Mystik die nächste Veranlassung, sich ein Feld innerhalb des Judenthums zu erwerben. Dies erkannten unsere Weisen sehr bald, und da sie sich dieser Tendenz selbst nicht ganz entziehen konnten, suchten sie ihr einen Damm durch das Verbot deröffentlichen Behandlung dieses Stückes zu setzen. Aber der Anstoß war einmal gegeben; man hatte diese Vision als rras-.n rrar's der Schöpfungsgeschichte als rp'sx-o rrcyiz gegenüber gestellt und eröffnete für beide Len schrankenlosen Strom der mystischen Auslegung. So kam es, daß man jenes Verbot bald auf die mündliche Auslegung beschränkte, die schriftliche aber frei gab, weil man der ersteren eine größere Ueberredungskrafl zuschrieb, während die letztere zu sorgfältiger und kalter Prüfung vorliegt. Allein inan blieb, was den talmurischen Weifen selten geschah, nicht consequenr hierin, indem man diese Vision zur Haphtarah am ersten Tage deS Wochenfestes bestimmte, also die gesammte Volksmasie zum Lesen und Hören dieses dunkeln Stückes und damit auch zum Fragen und Nachdenken über dastelbe anleirete. So haben wir denn auch bei den späteren Commentatoren und Schriftstellern häufige, mehr oder weniger ausführliche Besprechungen und Auslegungen dieser Vision. Maimonides z. L. handelt darüber in seinem Moreh; Aben-Esra schrieb eine Abhandlung darüber; Kimchi und Abarbanel geben eingehende Interpretationen. Und so mögen unsere Leser auch die folgende Besprechung nachsichtig entgegennehmen, wobei wir für specielle Gegenstände auf unfern Commentar im zweiten Bande unseres Bibelwerkes S. 1139 :c. verweisen. 1. Die Berufung der Propheten. Wie man auch Ursprung und Namen des Propheten («-'s:) verschiedentlich erklärt, so steht doch der Begriff desselben in den Büchern der h. Schrift fest. Nicht Weissagungen, nicht Zeichen und Wunder machen nach diesen das Wesen des Prophetenthums aus. sondern die Verkündigung der göttlichen Lehre und des göttlichen Willens. 9ürr die Uebereinstimmung dessen, was der Prophet ausspricht, mit der Gotteslehre selbst gewährt die Bürgschaft für sein Prophetenthum. Im fünften Buche Moses 13, 2 :c. wird Zeichen und Weissagungen eines Propheten die Beweiskraft abgesprochen, sobald er abgöttische Reden führe. Nur der Wahnglaube des Volkes forderte derartige Zeichen für die Glaubhaftigkeit eines Propheten; und noch im Buche Jonah wird dieser Volksglaube ausdrücklich bekämpft, indem gezeigt wird, wie die Weissagung des Propheten über den baldigen Untergang Nineves nicht in Erfüllung ging, obschon er ihn im Aufträge Gottes verkündet habe, es vielmehr Zweck Gottes gewesen sei, Herrscher und Volk von Nineve durch den Propheten zu Reue und Umkehr zu bewegen, und da diese eingetreten, denselben Verzeihung gewährt worden. Der eigentliche Begriff des israelitischen Propheten ist demnach: die Lehre und den Willen Gottes zu verkünden, indem er in unmittelbarem geistigen Zusammenhänge mit 43*

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