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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-10-19 · Heft 43 (19.10.1875) · p. Seite 690

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 43 (19.10.1875)
Date
1875-10-19
Page
Seite 690 (sequence 2)
Language
German
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690 und wir werden zwar in religiöser Beziehung immer Juden bleiben, aber auch das, was sich aus den früheren Zeiten in materiell-socialer Hinsicht uns noch anhaftet, wird allmälig verschwinden. Auf diesem Gange sehen wir uns jedoch immer wieder von hartnäckigen und erbitterten Feinden unvermuthet angegriffen; sie versuchen mit allen möglichen Anstrengungen uns aufzuhalten und wieder zurück zu schleudern; sie entstellen alle unsere Bestrebungen, verdächtigen und brandmarken uns in den Augen unserer Mitbürger, und streuen mit vollen Händen eine Saat des Haffes aus, die, wenn sie auf fruchtbaren Boden fiele, eine Erndte giftiger Früchte hervorbringen müßte. Ist dies nicht entmuthigend? Müßte man nicht an dem glücklichen Gedeihen, an dem wahren Fortschritt des Rechts und der Humanität zweifeln? Müßten wir nicht endlich an uns selbst irre werden? Nimmermehr. Dies wäre eine Schwäche, die gar nicht zu rechtfertigen wäre, für die Gott sei Dank! doch kein haltbarer Grund vorhanden ist! Dies ist ein Gefühl, das den edleren Menschen wohl überkommen kann, das jedoch nur Augenblicke, höchstens Stunden andauern dürfte. Sehen wir uns die Dinge an, wie sie wirklich liegen. Zuerst: wo gehen diese schmählichen Angriffe vor sich? Nicht in den Regierungen, nicht in den Parlamentern, nicht bei den Staats- und städtischen Behörden, nicht im Volke. Bei diesem wie bei jenen geschieht nichts, ist kein Vorgang, keine Handlung aufzuführen, die nur von Weitem den besprochenen Angriffen ähnlich sähe; vielmehr haben wir in jeder Nummer Beweise vom Gegentheil zu berichten, wo nämlich Volk, Behörden, Parlamente und Regierungen solchen Juden, die sich dazu befähigt haben und hinlängliches Vertrauen sich erwarben, öffentliche Wirsamkeit zugewiesen, das Gesetz der Gleichberechtigung ausgeübt und das Verdienstliche, wo es anzutreffen, anerkannt haben. Wo also denn? In einem Theile der Presse, in Tagesblättern. Brochüren und größeren Schriftwerken. Nun ist allerdings die Preffe mächtig und einflußreich und jedenfalls theilweise ein Ausdruck der öffentlichen Meinung. Aber sie ist dies eben nur in beschränktem Maße, innerhalb gewisser Grenzen und Bedingungen. Sie ist immer nur der Ausdruck einer Partei oder Individualität; ja, innerhalb einer Pattei selbst fragt es sich, wie weit sie Sache der Parteiführer, der in der Regel extremen Wühler, oder der gesammten Partei selbst sei? Wir sind z. B. vollkommen berechtigt, die ultramontanen Judenhetzer vom katholischen Volke selbst zu unterscheiden, dem jene ihre Feindseligkeit zwar einzuflößen suchen, aber nicht vermögen. Weiterhin ist die Preffe erst recht vom wirklichen Leben gettennt, und bewegt sich durchaus nicht innerhalb des letzteren. Die allgemeinen Urtheile, welche die Preffe ausspricht, werden vom wirklichen Leben weder gelheilt noch, beachtet. Innerhalb desselben nimmt der Einzelne d i e Stellung ein, die er sich zu verschaffen befähigt ist und versteht. Es werden ihm durch Vorurtheile mancherlei Schwierigkeiten bereitet, die jedoch, wie einmal das moderne Leben geartet ist, nicht unüberwindlich sind. Das wirkliche Leben übt vielmehr über die Preffe eine Controle aus und wo es diese exttavagant, ungerecht und unwahr findet, verwirft es sie. Auf Grund dieser Verhältnisse haben wir alle jene Angriffe nicht ernstlich zu fürchten. Sie gehen von exttemeu Parteien aus, die mit so vielen anderen Institutionen und Patteien, und zwar hochmachtigen, in Hader und Kampf liegen, daß es auf eine, wie wir sind, mehr gar nicht ankommt; sie haben auf das wirkliche Leben keinen nachhaltigen Einfluß, und können daher wohl Vorurtheil und Ungunst in einer Anzahl ihrer Anhänger wieder Hervorrufen oder schärfen — weiter aber nichts. Setzen wir uns daher ruhig darüber hinweg; mögen sie ihre Litanei wiederholen und ausführen: sie werden damit schließlich nur der Langeweile anheimfallen. Dann aber, konnten wir uns einbilden, daß wir die Fortschritte im inner« und äußern Leben, wie sie die Culturbewegung mit sich brachte, ruhig und unangefochten machen könnten? Eine so lange Verfolgung, wie wir sie erfahren haben, läuft nicht mit einem Male ab, verliert nicht plötzlich Motiv und Kraft. Eine Stellung, wie man sie uns angewiesen hatte, wird nicht verlaffen, und eine solche, wie wir sie im modernen Staate nach dessen eigenem Wesen einzunehmen hatten, wird nicht erlangt, ohne daß sich immer wieder einmal der Widerspruch hören ließe. Alle die Parteien, welche die alten Zustände behalten oder zurückkaufen wollen, und diejenigen, welche ihr Gebäude auch den Trümmern der Gesellschaft und der Religion aufzuführen gedenken, müssen von vornherein der Gleichstellung der Juden und dem Bestände des Judenthums feindlich gesinnt sein und bleiben, und wir können daher niemals hoffen, daß sie ihren Parteiruf gegen uns schweigen lassen werden, so lange sie überhaupt noch an die Oeffentlichkeit dringen. Und endlich, weil wir zu ttagen und zu kämpfen durch die Jahrhunderte angewiesen sind, warum dürften wir jetzt beanspruchen , nicht Feinde abzuwehren und uns vertheidigen zu müssen? Erkennen wir vielmehr, daß unsere Widerstandskraft noch nicht erschöpft ist, und andererseits, daß wir doch immer noch Bedeutung besitzen müssen, um unfern Gegnern werth zu scheinen, derartige Anfälle auf uns zu machen und niemals wider uns zu ruhen. Wir sehen daher nicht ab, wie uns alle diese Vorgänge entmuthigen oder gar an der Gerechtigkeit unserer Sache irre machen könnten. Dies wäre eine Empfindelei, die im ernsten und geprüften Manue keinen Platz greifen darf. Allerdings müssen sie uns immer von Neuem anfeuern, unsere Gegner durch die Thal Lügen zu strafen, alte Schäden, die noch an uns haften, und deren Heilung man uns so sehr erschwert, zu beseitigen, und der Gesellschaft, dem Baterlanbe, dem Staate, der Culmr, der Bildung und geistigen Bewegung mit immer gesunderer Kraft, so weit es an uns ist, zu dienen. Unser Stamm hat im laugen Laufe seiner Geschichte so viele Feinde verschwinden sehen, wir selbst in unserer Laufbahn gewahrten

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