Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 43 (19.10.1875)
- Date
- 1875-10-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. HerauSgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philipp lon in Bonn. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig Beilagen werden mit 1 Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. Za redaktionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. £. ptziUv»soa in Bonn; hiastchllich de» Bezugs und der Inserate au Saumgärtuer'r Luchdandluutz iaSeipzig. 3»lera>e, welch« bis vouaeritag eingeben. finden iuderrarausiolgea» den Nummer BerüSfichlizunz. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 bis 2«/a Bogen. Preis BiertüEria 3 Mart. Inserate werde» mit 2» Pf. für die Petitzeile oder bereu Raum berechnet. Alle Bnchbaudluagea, Postämter und Zeitung»»Expeditionen nehmen Bestellungen an. 39. Jahrgang. Leipzig, den 19. October 1875. JV? 43. Inhalt. Leitende Artikel: Keine Enttnuthigung! — Die Vision des Jecheskel. I. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Bonn. Bielefeld. Schirwindt (Ostpreußen). — Q esterreich-Ungarn: Nen-Sandec. Pest. Wien. — Nen-Seeland: Aus Neu-Seeland.— Persie n: Teheran. — Rußland: Petersburg. — Amerika: Nerv-Jork. — Feuilleton: Die Sabbatharier in Siebenbürgen. — Aus einem Roman von Galen. — Vermischtes. jCeitcude (Xtbilef. \ Bonn, 13. October. Leine Entmnthignng! Es ist leicht vorauszusetzen, daß bei den gegenwärtig wieder einmal von vielen Seiten von ultramontaner, pietistischer, reactionärer und bisweilen auch radicaler Seite stattfindenden Angriffen auf Juden und Judenthum, und zwar in maßlos bitterer Weise, waches edle und würdige jüdische Herz sich tief ergriffen und entmuthigt fühlt. Wie? fragt es sich, ist dies nun die Frucht jener gerühmten Cultur? ist dies der Ausbau jener Grundsätze des Rechts und der wahren Freiheit, welche das Fundament der neueren Gesellschaft bilden sollten? Lange Zeilen hindurch machte man uns den Vorwurf der Abgeschlossenheit und stellte uns als Aufgabe hm, uns dem Culturleben zu nähern und hinzugeben, dem politischen Leben nach allen seinen Richtungen anzugehören, in Sitte und Erscheinung den Forderungen der Gesellschaft uns anzupaffen, die Volksbildung nach all' ihren Abstufungen uns anzueignen, und in Wissenschaft und Kunst, in Literatur und jeder geistigen Bewegung mitzustreben und mitzuschaffen; man verlangte, daß wir zu diesem Zwecke das Judenthum selbst von mißbräuchlichen und veralteten Formen und Satzungen läutern und feinen Lehr- und Gedankeninhalt, wie seine Geschichte wiffenschaftlich bearbeiten möchten. Und nun dies Alles geschehen, in überraschendem Maße und kurzer Zeit geschehen — hört man nie auf, beginnt man vielmehr immer von Neuem uns zu schmähen, zu kränken, mit Tadel und Schimpf zu überhäufen, die gesammte Maffe der Juden nicht allein für Fehler und üble Handlungen Einzelner verantwortlich zu machen, sondern sie ihr geradezu anzudichten, alles Gute aber und Auszeichnende zu verschweigen, abzuleugnen, oder höchstens Einzelnen zuzuschreiben. Mit einer schrankenlosen Uebertreibungswuth bürdet man uns einen Einfluß, eine Macht auf, die gar nicht existiren und existiren können, und belastet uns mit der Schmach der schädlichen und feindseligsten Ausbeutung jener. Die orthodoxen Juden überhäuft man mit Hohn, wegen ihrer festen Anhänglichkeit an den alten Satzungen, und die einer umgestaltenden Tendenz folgten, sucht man als „Reformjuden" in Mißachtung zu bringen. Wie? könnten wir also ftageu, giebt es Recht ohne Gerechtigkeit? giebt es Aufklärung bei dunkelstem Boruriheil? giebt es Freiheit ohne Selbstständigkeit? Was wollen wir? Wir wollen gleichberechtigte Bürger des Staates, Söhne des Vaterlandes sein; wir wollen nicht im Nachtheil, aber auch nicht im Vortheil sein, keinerlei Vorrecht haben, aber auch keinerlei Unrecht ertragen; wir wollen unsere Religion so behandelt und geachtet sehen, wie es jeder anderen geschieht, nicht mehr und nicht weniger. Dies ist Alles; und Niemand, der irgend billig denkt und prüft, wird uns etwas Anderes Nachweisen können. Wir haben in der Zer- ' streuung durch alle Länder keinerlei reale Gemeinschaft, keine ' Organisation, keine wirkliche Verbindung untereinander; wir i haben in religiöser Beziehung kein Oberhaupt, keine Oberbehörde, ' keine Priesterschast; ein jeder ist in religiöser Beziehung ftei auf - sich selbst gestellt, was will man also von uns? Man überlasse i uns dieser, in unserer Masse noch so jungen Culturbewegung