Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 42 (12.10.1875)
- Date
- 1875-10-12
- Page
- Seite 684 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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684 einige Stunden Vorschub rechnen, da Officiere und Mannschaft mit dem Kamps gegen die Stadt, und die Leute im Lager mit dem Löschen des Feuers beschäftigt waren, so daß die Entweichung Stahlmann's schwerlich vor dem nächsten Morgen bemerkt werden würde; aber sie mußten doch diese Frist auf's Aeußerste benutzen, da sicherlich nach allen Seilen Patrouillen den Flüchtlingen nachjazen würden, deren Fußspuren vielleicht in dem durch den Regen aufgeweichten Boden aufgefunden wurden. So wanderten sie denn weithin nach Westen, und erst nachdem sie mehrere Meilen zurückgelegt, wandten sie sich nach Norden, um den damals sich über das halbe Land ausbreitenden Letzlinger Wald zu erreichen, wo sie jedenfalls geborgen waren. Es gelang ihnen dieses, nachdem sie in einer Erdhöhle, auf die sie gestoßen, einige Stunden nach dem Aufgange der Sonne gerastet hatten. Jetzt aber begann erst der beschwerlichste Theil ihrer Flucht. Sie mußten die Landstraßen und Ortschaften vermeiden, weil sie daselbst auf kaiserliche Reiter und Truppen stoßen konnten, und nur in einem weiten Bogen durften sie hoffen, nach dem nördlichen und östlichen Theile der Altmark gelangen zn können, wohin, wie sie wußten, die Kaiserlichen noch nicht gedrungen waren. Wie oft geriethen sie in einen fast undurchdringlichen Theil des Waldes; wie oft verirrten sie sich und verloren ihre Richtung! Aber, was das Schlimmste war: es fehlte ihnen an Nahrungsmitteln; denn so unversehens hatte sich die Gelegenheit zur Befreiung Stahlmann's geboten, daß Merr sich mit solchen nicht hatte versorgen können. Dabei durften sie nur in ganz entlegenen Menschenwohnungen vorsprechen, und auf solche trafen sie oft Tage lang nicht. Und was fanden sie da vor, außer einem Stück trockenen und schlechten Brodes, noch dazu Meir, der streng an den Vorschriften seiner Religion hing. Jndeß war dieser an solche Strapazen und Entbehrungen gewöhnt, wahrend Stahlmann unter riesen Mühseligkeiten erstaunlich litt. So Lauerte die peinvolle Wanderung, weil sie Stahlmann's wegen oft rasten mußten, lange Zeit, bis sie endlich Tangermünde an der Elbe erreichten, wo sie in völliger Sicherheit waren. Aber was erwartete sie da! Schrecken und Wuth in allen Herzen, ein Schrei des Entsetzens auf allen Lippen — Magdeburg war gefallen, die große reiche Stadt niedergebrannt zu einem Trümmerhaufen, aus welchem nur der Dom, einige Fischerhütten und wenige Häusergruppen hervorragten, viele Tausende durch Schwert und Feuer umgekommen, die Anderen in Jammer und Noch über das Land zerstreut. Die Nachricht hatte sich schnell überall hin verbreitet, und Schmerz und Entrüstung füllten jede Brust. Was vermochte aber alles Geschrei und Rachegelöbniß? Tillh, der freilich in Magdeburg den erhofften Mittelpunkt seiner ferneren Operationen verloren, hatte Pappenheim mit seinen Schaaren zurückgelassen, und war sengend und mordend in ras weimar'sche Land gezogen, um den Herzog für seine der protestantischen Sache geleisteten Dienste zu züchtigen. Von da rückte er in Hessen ein zu gleichem Zwecke. Hier aber war ihm das Ziel gesteckt. Der Schwedenkönig war endlich mit seinem Heer bis nach Tangermünde gelangt. Tillh kehrte deshalb um, und drang bis Wolmirstedt vor. Da er jedoch Verstärkungen nöthig hatte, zog er sich zurück und ging nach Chursachsen, wo er in Merseburg, Naumburg und anderen Orten Lbermüthig hauste und die stärksten Contributionen erhob. Hierdurch bewog er den Churfürstev Johann Georg sich in die Arme Gustav Adolph's zu werfen, und sein Heer von 20,000 Mann mit dem schwedischen zu vereinigen. Die Schlackt bei Leipzig am 17. September 1631 wurde geschlagen, und die Macht Tillh's so gebrochen, daß er nur einige wenige Regimenter aus der Niederlage retten konnte. Mit geringem Widerstande zog der Schwedenkönig siegreich bis Frankfurt und über den Rhein. Als Stahlmann und Meir nach Tangermünde gekommen waren und einige Tage der Erholung gewidmet halten, wollte Stahlmann seinem heranziehenden Könige entgegeneilen, und forderte Meir auf, ihn zu begleiten und in die Dienste des Königs zu treten, wo er ihm die besten Vortheile verhieß. Meir weigerte sich standhaft. Sein Herz war voll Besorgnisse über das Schicksal der Seinigen. Er wollte nicht weiter sich entfernen, sondern, sobald er es sicher vermöchte, zu ihnen zurückkehren. Sich ferner dem Wechsel des Krieges auszusetzen, und einem ftemden Könige sich anzuschließen, lag seiner Neigung fern. Er hatte gethav, was er dem Berhangniß, das in jener Nacht in Barby über ihn gekommen, zu opfern sich bewogen gefühlt. Jetzt schien es ihm genug, und alle Fibern seines Herzens sehnten sich darnach, in die alte bescheidene Lebensbahn zurückzukehren. Er wollte deshalb in der Allmark so lange verbleiben, bis sich das Loos des Landes entschieden habe. Dies währte, wie wir gesehen haben, nur einige Monate, und ehe noch die Schlacht bei Leipzig geschlagen war, eilte er nach der Heimath zurück. Hier empfand er das höchste Glück, als er Frau und Kinder wieder umarmen konnte. Aber in welchem Zustande fand er sie! Eine Schaar der Kaiserlichen hatte Barby noch einmal heimgesucht, gebrandschatzt, geplündert und ausgeraubt. Kaum das nackte Leben hatten die Bewohner gerettet; Hunger und Noch war ihrer Aller Theil. Meir verzagte nicht. Er griff im Vollgefühl des Dankes gegen die Vorsehung, die ihn mit den Seinigen wieder vereinigt hatte, thatkrästig zu, um ihnen wenigstens das Leben zu fristen, bis bessere Tage wiederkehrten. Dies kam schneller als sie gehofft. Stahlmann hatte seines treuen Retters nicht vergessen, und nach einigen Monaten traf ein Bote von ihm ein, der Meir mit einem Belobungs- und Dankschreiben ein, wenn auch mäßiges, doch namhaftes Geldgeschenk als einen kleinen Ersatz für seine Opfer und Verluste überbrachte. Ja, er wiederholte dies später noch zweimal. Jetzt hatte alle Noch ein Ende. Bei dem Geschick und dem Fleiße Meir's blieb es nicht aus, daß mit der Zeit der Wohlstand bei ihm wieder eivlehrte, noch dazu als Kalonymus als ein wackerer und verständiger Gehülfe ihm zur Seite stand. Zwar zog der Krieg, der noch siebenzehn lange