Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 42 (12.10.1875)
- Date
- 1875-10-12
- Page
- Seite 683 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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683 Feuilleton. Die Treue. Erzählung. (Schluß.» Die Nacht brach herein, plötzlich breitete sich die Dunkelheit aus, denn schwere Gewitterwolken waren heraufgezogea und wälzten sich über den ganzen Horizont. Im Lager war es still geworren, denn fast alle Truppen waren auf die von Pappenheim aufgeworfenen Berschanzungen und in die bis an den Fuß der Bastionen und Mauern vorgeschobenen Laufgräben beordert. Man hatte in der Stadt die Vorzeichen eines beabsichtigten großen Ausfalls wahrnehmen wollen, und der Feldherr gedachte sich nicht überraschen zu lasten. Er ließ daher auch eine heftige Kanonade gegen die „Hohe Pforte" und deren Umgebung eröffnen und diesmal wurde sie von der Stadt aus, wenn auch nur schwach erwidert. Im Lager waren daher nur die Wachmannschaft, Train- und Fuhrknechte und dergleichen Leute zurückgeblieben. Man wußte zu gut, daß von Norden her den Belagerern nicht die geringste Gefahr drohte, ja nicht einmal eine Belästigung zu befürchten war, und somit konnte der General über alle seine Streitkräfte verfügen. Jetzt erhob sich ein starker Nordwest, der fast bis zuni Sturme anschwoll. Der Donner begann zu rollen, und zwar bald so heftig, daß er fast ununterbrochen hallte. Die Blitze fuhren schnell aufeinander nieder; doch Regen fiel nicht herab. Es war eine furchtbare Scene. Der Donner übertönte das Dröhnen der Geschoffe, das nur die Pausen zwischen den Schlägen des Gewitters ausfüllte; vor den Flammen der Blitze erbleichte das Feuer der Kanonen; und das Heulen des Wirbelwindes begleitete und verstärkte diese riesigen Kundgebungen der Elemente und des menschlichen Haders. Me'ir hatte sich unter ein hervorragendes Zeltdach geflüchtet, und die Unruhe in seinem Gemüthe, die Schwermuth über die Aussichtslosigkeit feiner Absicht symprthisirte mit dem Aufruhr der Natur. Er fühlte sich macht- und hilflos, die Befreiung Stahlmann's in's Werk zu setzen, und sein tiefer Groll fand einen Ausdruck im Zürnen und Wüthen der Elemente. — Plötzlich krachte das Gewölk, daß mau den Boden unter den Füßen zittern fühlte. Ein Blitz fuhr nieder und wenige Augenblicke darauf standen einige Zelte in Flammen. Der Sturm, der gleichsam darauf gewartet zu haben schien, fuhr gewaltig in das auflobernde Feuer und trieb es mit Schnelligkeit über eine ganze Reihe von Zelten und Baracken hin. Lautes Geschrei erhob sich im Lager; die Larmtrommel wurde sofort gerührt; Alles stürzte herbei, um die Flammen zu bewältigen, die immer weiter und weiter rasten. Man warf sich auf die Zelte und Baracken, die der brennenden Zeile am nächsten standen, um sie niederzureißen und dadurch der Feuersbrunst Grenzen zu setzen. Aber auch dies mußte vergeblich sein, da ziemlich die Mitte des Lagers betroffen worden, und der Wind die brennenden Leinwandfetzen und die glühenden Stücke der dürren Balken und Reiser über die Köpfe der Menge hinweg nach den Seilen des Lagers trug. Kaum hatte Metr die hervorbrechende Feuersbrunst wahrgenommen, als ihm schnell der Gedanke kam: dies ist eine Fügung, welche die Rettung des Gefangenen ermöglicht. Alsbald eilte er möglichst unbemerkt nach der Gegend, wo die Baracke stand, in welcher Stahlmann eingeschloffen war und bewacht wurde. Er hatte sich nicht verrechnet: auch die Wache an dem Gefängniß war bei der ungeheuren Gefahr des ganzen Lagers, bei dem wilden Getümmel, das entstanden, bei dem allgemeinen Hilferuf nach der Brandstätte geeilt, und die Hütte, wie ihre ganze Umgebung lag still und vereinsamt. Me>r hatte, während er nach diesem seinem Ziele eilte, auf dem Wege eine Axt ergriffen, die an einem Zelte lag. Sofort wandte er sich nach der Rückseite der Baracke, und in kurzer Zeit hatte er in dem lose gefügten Gebälk ein Loch geschlagen, groß genug, um einen Mann hineinzulasien. Er schlüpfte hindurch und tappte sich durch das Dunkel nach vorn. Dann rief er leise: „Herr Stahlmann! sind Sie da?" — „Wer ruft mich? tönte es aus einer Ecke von einem Lager her. — „Auf, Herr Stahlmann, machen Sie schnell, fort, daß wir aus dem Lager kommen!" — „Wer seid Ihr?" — „Ich bin Me»r, kommen Sie schnell!" — „Ich kann nicht, ich bin gebunden an Händen und Füßen!" — „Dem soll schnell abgeholfen werden," erwiderte Merr, ging der Stimme nach, beugte sich über den auf Stroh liegenden Mann und hatte bald mit einem Mesier, das er in der Tasche bei sich trug, die Stricke durchschnitten, mit welchen der Gefangene gebunden war. Stahlmann sprang in die Höhe. Me,r flüsterte ihm zu: „Im Lager brennt es fürchterlich, die Wachen sind zur Brandstätte geeilt; wir werden entkommen." — Dabei ergriff er den Arm Stahlmann's; bald waren sie ans der Oeffnung heraus. Noch immer brüllte der Donner, fuhren die Blitze zur Erde; aber der Sturm halte aufgehört, und dafür rauschte der Regen in Strömen hernieder. Die beiden Männer schlichen durch die dahinterliegenden Zeltreihen und kletterten über den Wall, mit welchem das Lager umgeben war. Niemand war da, um sie zu bemerken, und Niemand hätte dies auch bei der herrschenden Finslerniß vermocht. Am Fuße des Walles angelangt, suchte sich Me>r bei dem Scheine der Feuersbrunst, die jetzt durch den Regen gehemmt, etwas schwächer zu werden begann, und bei dem Leuchten der Blitze zu orientiren, und schritt dann gen Westen, wo sie nach kurzer Zeit auf ein Gehölz tteffen mußten. Als sie dies erreicht hatten, konnten sie sich vorläufig als gerettet ansehen. Stahlmann fiel in tiefer Erregung Me'ir um den Hals, und sicherte ihm seine ewige Dankbarkeit zu. Me»r aber forderte zur eiligen Fortsetzung ihres Weges auf, denn sie konnten zwar auf 42*