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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-10-12 · Heft 42 (12.10.1875) · p. Seite 677

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 42 (12.10.1875)
Date
1875-10-12
Page
Seite 677 (sequence 5)
Language
German
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dem Leser, wenn er uns einige Aufmerksamkeit geschenkt hat, im Laufe der Auseinandersetzungen selbst die Ueberzeugung von der Wirklichkeit der symbolischen Bedeutung im mosaischen Heiligthume, in dessen Ganzen, wie in seinen Einzelnheiten, immer mehr aufgedrängt hat. Die Anordnungen, die so sorgfältig für alle Punkte getroffen worden, ohne daß für viele derselben an sich ein Motiv gefunden werden könnte — hier, wo weder an Förderung der Pracht, noch an den Zweck architectonischer Schönheit und Kunst zu denken ist, da gerade, was Schmuck, Großartigkeit oder Anmuth und Kunstfertigkeit erweisen konnte, dem Volke unnahbar blieb und zum Theil selbst von den Priestern nicht gesehen wurde, sondern nur vom Hohenpriester einmal im Jahre, wo z. B. die kostbaren inneren Teppiche durch Lederdecken verhüllt waren — diese Anordnungen, lassen keinen Zweifel über eine symbolische Bedeutung zu. Die Andeutungen, welche die h. Schrift selbst bei einigen Einzelnheilen giebt, bestärken uns vollends darin, selbst wenn die theoretische Voraussetzung nicht so ganz und gar dafür spräche. Denn die Lehre Mosis richtet sich überall an den Verstand und das Herz ihres Bekenners; wo dies aber nicht ausreichte, wo Ceremonie und Formen zur Befriedigung des Volksbedürfnisses geschaffen werden mußten, da durfte dies keine willkürliche und zufällige Schöpfung sein, sondern mußten wiederum die innersten Gedanken der Lehre durch Zeichen, die damals Jedem von selbst verständlich waren, zum Ausdruck gebracht werden, und dies ist eben die Symbolik. Kommen wir noch einmal auf ein schlagendes Beispiel zurück. Oft genug und mit den beredtesten Worten hat Moses den Israeliten die Ausführung des geoffenbarten Gesetzes an's Herz gelegt und alle Gründe des Verstandes und des Gemüthes, die einem Volke zugänglich sind, dafür geltend gemacht. Es scheint ihm dies noch nicht zu genügen. Er will sie durch ein äußerliches Zeichen immerfort in der Erinnerung erhalten, daß sie „das Gesetz zu beobachten und alles Gelüste des Herzens und der Augen abzuweisen" hätten. Da knüpft er ihnen eine dunkelblaue Schnur an die vier Ecken ihres Gewandes, und der Anblick dieser soll eben jene Erinnerung in ihnen wecken. Dies ist Symbolik und es ist einfach vorausgesetzt, daß jeder Israelit wußte, diese Schnur, weil sie dunkelblau, erinnert an die Ausführung des göttlichen Gesetzes. Hier zeigt sich aber auch sofort der Unterschied zwischen Symbolik und Mystik. Die erstere will nichts als den vorhandenen bereits gelehrten Gedanken durch ein äußeres Zeichen varstellen, zu Gefühl und Bewußssein bringen. Die Mystik dagegen will geheime Lehren, dem Volke und den Uneingeweihten verborgene, dem Verstände unbegreifbare, den Folgerungen und Schlüffen der Denkkraft und den natürlichen Wahrnehmungen widersprechende Gedanken lehren, und wenn sie zu äußerlicher Darstellung greift, phantastisch ausprägen. Dies ist ein unermeßlicher Unterschied. Die Mystik lag der Lehre Mosis, wi< er es selbst ausspricht (5 Mos. 30, 11 —14) völlig fern, und wo sie später im Judenthume auftritt, ist sie ftemdem Boden entsprossen, und hat stets nur ein parasitisches Leben im Judenthume gehabt. Der einzige Einwand, der noch erhoben werden könnte, wäre: warum gerade der bedeutsamste Theil dieser symbolischen Darstellung im Heiligthume den Augen des Volkes unsichtbar bliebe? Wir haben hierauf zum Theil bereits geantwortet. Er war den Augen, aber nicht dem Wissen des Volkes verborgen. Gerade deshalb wurde die Beschreibung des Heiligthums und aller Riten in demselben so ausführlich in der Thora gegeben, die öffentlich immer wieder verlesen, jedem Israeliten zum Gegenstände seines Sinnens und Forschens empfohlen wurde. Für die Priester verblieb nur die Ausübung der Riten, jeder Israelit aber wußte so gut wie sie, was zu thun sei, Halle es oft besser inne als der Priester und konnte diesen conrrolliren. Andererseits aber sollten wohl die inneren Heiligthümer den Augen des Volkes nicht ausgesetzt sein, theils damit ihm die Bedeutung durch den täglichen Anblick nicht abgestumpft und theils nicht etwa zu götzendienerischer Entartung gereichen würden. Jede gottesdienstliche Ceremonie und Form hat das Schicksal, daß sehr leicht die Form für das Wesen genommen wird und daraus die Formheiligkeit mit allem ihrem Unwesen entspringt. Die wahre Bedeutung und echte Innerlichkeit gehl dem großen Haufen verloren und lebt nur in einzelnen theils erleuchteten Geistern, theils in wahrhaft frommen Gemüthern fort. Priester und ihr Anhang benutzen dies, um ihre eigennützigen Zwecke zu fördern, und gerathen bald selbst in diese Stumpfheit hinein. So schwindet die echte symbolische Bedeutung, dem gesammten Ritus verleiben sich ganz andere und verkehrte Vorstellungen ein, bis rer ganze Aufbau, weil längst unterwühlt, zusammenbricht. Dieser natürliche und unausbleibliche Gang erfüllte sich auch am mosaischen Opferritus, und die Propheten und Psalmisten donnern bereits gegen die Entartung in einem Maße als ob sie dessen ganzen Bestand verurtheilien. In die Wahl gestellt zwischen religiöse Erkennlniß und sittlicher Reinheit auf der einen, und entsittlichende Formheiligkeit auf der anderen Seite, zögern sie nicht zu Gunsten der ersteren die zweite mit den härtesten Ausdrücken zu verurtheilen. Man lese z. B. nur das erste Capitel Jesajas. In der That aber hielten sie das Heiligthum und den Opferritus auftecht, sobald es möglich wäre, in denselben die reine Gotteslehre und lautere Sittlichkeit zur Herrschaft, gewissermaßen zur Ausstrahlung aus diesem Mittelpunkte zu bringen. Die erste Bedingung bei der Aufsuchung der symbolischen Bedeutung ist nun, daß eben keine mystischen Gedanken gefunden werden, sondern daß dieselben Lehren, welche in der eigentlichen Lehre und dem Gesetze gegeben sind, sich auch hier im Ganzen, wie im Einzelnen wieder finden. Die zweite Bedingung besieht darin, daß jede Willkür in der Deutung vermieden werde, und man lieber diese zu finden aufgebe, als eine solche aufzustellen, die sonst keinen erweisbaren Anhaltspunkt besitzt, und nicht durch die Thatsachen an dem auszudeutenden Gegenstände

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