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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-10-12 · Heft 42 (12.10.1875) · p. Seite 675

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 42 (12.10.1875)
Date
1875-10-12
Page
Seite 675 (sequence 3)
Language
German
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675 heilen, in welche der christliche Theologe, den wir selbstverständlich von dem biblischen Kritiker trennen, dem Judenthume gegenüber versetzt ist. Doch sollten wir nicht „dem Judenthume gegenüber" sagen, sondern vielmehr gegenüber der h. Schrift Israels oder dem sogenannten Alten Testament, wie wir der Kürze wegen, ohne ein Zugeständniß damit zu machen, ebenfalls sagen wollen. Denn was das Judenthum nach dem Abschluß des A. T. hervorgebracht hat, dem legt die christliche Theologie keine Autorität bei, außer etwa dem secundären Werthe, den sie den apokryphischen Büchern einräumt. Den Büchern des A. T. hingegen erkennt sie die volle Autorität der göttlichen Offenbarung, des Gotteswortes zu, und bedient sich der Texte aus denselben zum Belege der religiösen Lehren und Vorschriften, zum Ausdruck des göttlichen Willens bei allen theologischen Kundgebungen, besonders auch in der Predigt. Hierin stimmen alle christlichen Kirchen überein. Der Papst recurrirt in seinen Allocutionen auf Stellen des A. T., wenn auch in der durch die Vulgata gefesselten Übertragung, und die protestantische Kirche empfiehlt den Gläubigen das stete und immer wiederholte Lesen des A. T. ganz wie das N. T.; die alttestamentliche Geschichte wird in den christlichen Schulen mit derselben Sorgsalt und Ausführlichkeit gelehrt, wie die neutestamentliche. Wo bleiben aber nun die vielen offenbaren Widersprüche nicht bloß zwischen den A. T. und N. T>, sondern noch mehr zwischen dem Christenthume und den Büchern unsrer h. Schrift? Vor Allem ist es eine mißliche Sache, die nicht blos dem Verstände, sondern auch dem nicht ganz blinden Glauben auferlegt wird, daß eine Offenbarung Gottes, welche in einer vollständigen Gotteslehre und in einem abgeschloffenen Sitten- und socialen Gesetze besteht, und die ausdrücklich vorschreibt: „Du sollst nichts davon thun und nichts hinzufügen", eine zweite, spätere erfordern soll, welche die erstere völlig modificirt, ja aufhebt und in vielfachen Theilen verleugnet — eine zweite, welche sogar gegen die erste geradezu polemisirt, ihr Jrrthümer zuschreibt, und hierbei einige Male Unkenntniß der ersiern beweist, wenigstens in Jrrthum darüber verfällt? Es versteht sich, daß diese Verlegenheit, über welche man nur hinwegschlüpfen, die man aber nicht beseitigen kann, für die biblischen Kritiker, für diejenigen, welche überhaupt keine göttliche Offenbarung anerkennen, an sich nicht besteht; obschon es für diejenigen, welche trotzdem innerhalb des Christenthums noch zu stehen glauben, immerhin schwer fallen muß, zwei (seien es auch menschliche) Autoritäten, nebeneinander anzuerkennen, die so sehr voneinander abweichen. Lessig versuchte bekanntlich in seiner sehr geistreichen „Erziehung des Menschengeschlechts" auf pädagogischem Wege darüber hinwegzukommen; im Grunde jedoch entspricht sein Gedankengang nur einem schulmeisterlichen Schematismus. Dem oberflächlichen Gläubigen wird die außerordentliche Schwierigkeit, die in dieser zweimaligen und überaus verschiedenen Offenbarung Gottes liegt, wenig auffallen, theils weil er von Jugend auf daran gewöhnt 'ist, theils weil er sich mit den einzelnen Schriftstellen begnügt, ohne eine liefere Einsicht in den Zusammenhang und in das Ganze des theologischen Aufbaues zu suchen. Aber dem aufrichtigen und gewiffenhaften Theologen, wenn er sich nicht mit Phrasen zufrieden geben will, wird diese Frage unlösbar, die Verlegenheit, eine Antwort zu finden, unüberwindlich entgegentreten. Gleiches wird ihn begegnen, wenn er in Einzelnheiten eingeht. Er findet z. B. Matthäus 5, 17—19 als einen der ersten und wichtigsten Aussprüche Jesu wörtlich: „Wähnet nicht daß ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzuheben; ich bin nicht gekommen, sie aufzuheben, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich sage ich Euch: Eher wird Himmel und Erde vergehen, als daß ein Buchstabe oder Strichlein vom Gesetze vergehet; eher wird Alles geschehen. Wer irgend um eines dieser Gebote, auch der geringsten, aufhebt, und also die Menschen lehret, der wird der geringste heißen im Himmelreiche; wer aber sie irgend thut und lehret, der wird groß heißen im Himmelreiche." Jesu befiehlt also hier die strengste Aufrechterhaltung des ganzen mosaischen Gesetzes und zwar nicht etwa blos der Hauptgebote, sondern auch „der geringsten". Und dennoch hat ras Christenthum theils schon durch die Apostel, theils in seiner späteren Entwickelung das mosaische Gesetz aufgehoben, und was es davon behielt, z. B. den Sabbath, völlig modficirt, und zwar nicht blos für die Heiden, die sich zu ihm bekannten, sondern auch für die Juden, die sich zu ihm bekehrten! Der biblische Kritiker sieht darin eine geschichtliche Entwickelung, die unumgänglich war, wollte das Christenthum sich in der heidnischen Welt verbreiten und dem Judenthume gegenüber eine selbstständige Stellung einnehmen. Was fängt aber der Theologe, besonders der orthodoxe mit diesem Widerspruche an? Wie will er ihn lösen? wie darüber hinauskommen? Bei gewiffenhafter Prüfung ist er gezwungen, den Ausspruch Jesu selbst zu verleugnen, oder die göttliche Inspiration der Apostel und ihrer Nachfolger über die Jesu zu stellen, und langt hier abermals bei dem Widerspruche der göttlichen Inspiration mit sich selbst an. Wir beschränken uns heute auf die beiden angeführten Punkte, die wir ohne Mühe vermehren können. Es ist nicht unsre Absicht, eine Polemik mit den christlichen Theologen zu beginnen. Aber innerhalb der Bekenner des Judenthums selbst die Ansichten über diese wichtigen Gegenstände aufzuklären und festzustellen, gehört zu unsren Aufgaben. Die Symbolik -es mosaischen Heiligthums. IX. (Schluß.) Es bleiben uns nun noch die Zeuge und an ihnen die Farben übrig. Von den vier Zeugen erscheint das Leder an 42*

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