Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 42 (12.10.1875)
- Date
- 1875-10-12
- Page
- Seite 674 (sequence 2)
- Language
- German
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ihnen ihr Prophet vorhergesagt, daß in dem Wohle des Staates, dem sie angehörten, auch ihr Wohl enthalten sei. Die Geschichte verzeichnet nicht zwei Acte, durch welche die Juden Verrath oder nur Rachegelüste bekundet hätten. Es ist dies so erstaunenswerth, daß unsre Gegner es nicht begreifen können und uns Haß und Rachegedanken zuschreiben, ohne freilich je den Beweis dafür zu führen. Shylock ist keine jüdische Figur, sondern von Christen fabricirt und zwar aus einem Factum, in welchem ein Christ diese Rolle einem Juden gegenüber gespielt hat. Die Juden haben andere Religionsparteien und ihre Glaubenssätze niemals angegriffen, wenn sie sich nicht vielmehr vertheidigen mußten, und dann nur innerhalb ihres eigensten Kreises. Verleumdung ist es nur, Verleumdung aus niedrigster Leidenschaft, daß die Juden den Kampf gegen die römische Hierarcbie hervorgerufen hätten. — Und dennoch, trotz ihrer Liebe znm Frieden, wurden die Juden zu allen Zeiten in den alten und in den neuen unaufhörlich angefeindet, angegriffen, bekriegt; nur für kurze Perioden gestattete man ihnen Ruhe und Sicherheit; dann erhoben sich neue Verfolgungen und Bedrückung aller Art gegen sie. Keine Religionsgemeinde betet täglich so viel um Frieden, wie die jüdische, und keine wurde weniger darin erhört. — — So muffen wir einen anderen Weg beschreiten, um zum Ziele des Friedens zu gelangen, und zwar: Suche den Frieden zuerst und vor Allem in Dir selbst! Dies ist sogar die erste Bedingung alles Friedens. Dazu genügt aber nicht, daß Du Dich vor schwerer Sünde wahrest, und die begangene reuig wieder gut zu machen trachtest. Vielmehr mußt Du die Wurzel des Unfriedens in Dir angreifen, und die Schrift lehrt es Dich, indem sie als das zehnte Wort aussprach: „Du sollst nicht begehren . . ." Du sollst kein leidenschaftliches Wünschen, Verlangen, Erstreben in Dir aufkommen laffen; Du sollst das rechte Maß des Wollens nicht überschreiten. Du mußt in Deiner Seele das Gleichmaß in allen Trieben und Kräften zu erreichen und zu bewahren suchen, und ebenso jede Unruhe des Geistes, wie jede Steigerung übler Neigungen zu überwinden trachten. Was soll Dir jedes Uebermaß des Ehrgeizes, der Habgier und der Genußsucht? Was soll Dir Neid und Mißgunst und das scharfe Unheil über die Dinge und Personen? Alles dies gereicht Dir zum Unfrieden, zu verzehrender Flamme in Deinem Innern, hindert Dich in weiser und gerechter Thängkeit, und verbittert Dir die Stunden und Tage der doch so flüchtigen Zeit. Beachte dies wohl, denn ohne diesen Frieden in Dir selbst ist der Friede nach außen eitel. Dann aber: Suche den Frieden im Schooße Deiner Familie und mit Deinen Umgebungen! Es ist dies oft eine schwere Arbeit, und verlangt viel Ein- und Nachsicht, viel Schonung und Selbstaufopferung. Aber der Lohn ist desto größer. Allerdings Schwäche und Nachgiebigkeit allein machen es nicht aus, sondern verstärken oft nur die üblen Neigungen und Gewohnheiten rer Anderen. Festigkeit und Stärke am rechten Platze' sind unumgängliche Forderung. Die Hauptsache aber ist: nichts nachzutragen und dem Kleinen nicht den Werth des Großen beizulegen. Mit dem Streitpunkt muß rer Streit ein Ende haben, mit rem Augenblick und Gegenstand der Uneinigkeit muß diese selbst enden und jede bittere Empfindung verschwinden. Schließlich ist sicher: Liebe weckt immer Liebe, Hingebung ruft immer Hingebung hervor. Bist Du so ausgerüstet, fühlst Du Dich sicher, gefestigt, friedhaft in Dir selbst, und ist Dein Haus eine Stätte des Friedens und liebevoller Eintracht — dann kannst Du es im Leben auch aushallen und durchführen; dann wirst Du den Kampf, den Dir das Leben bietet, und dem Tu nicht ausweichen kannst und sollst, bestehen, durchführen und zum Frieden gelangen. Die Feinde und Gegner, die Dir erstehen, wirst Du verschwinden sehen oder die Waffen werden ihren Händen entfallen. Du wirst stets, wo Dir in ehrenvoller Weise der Friede angeboren wird, mit Freuden darnach greifen und nicht aus Haß oder Rache den Kampf fortsetzen wollen, wo er geendet sein könnte. Dies heißt nach dem Sinne unsrer Weisen: „Liebe den Frieden und jage ihm nach!" Brauche ich Dich zu erinnern, mein Leser, daß die Tage, während derer diese Blatter in Deine Hände gelangen, von unsrer Religion bestimmt sind, mit allem Ernste den Frieden zu suchen: den Frieden vor Gott, den Frieden in Dir, den Frieden mit Deinen Nebenmenschen! Verlegenheiten -er christlichen Theologen dem Äu-enthnme gegenüber. Die Zeit ist noch nicht lange vorüber, wo viele christliche Theologen glaubten, die Juden durch die Auslegung mancher, besonders prophetischer Schriflstellen in Verlegenheit zu bringen, ja sogar von der schriftgemäßen Wahrheit der christlichen Dogmen zu überzeugen. Wir nahmen ihnen dies nicht übel; denn wenn sie selbst an diese Auslegung glaubten, so lag es nahe, daß sie ihr eine überzeugende Kraft zutrauten. Bei den Juden jedoch verfehlten sie damit alle Wirkung. Die wandernden Missionäre tischten freilich mancherlei derartige Geschichtchen auf, wo sie selbst „gelehrte Rabbiner" durch ihre Interpretation von Jesajasstellen u. s. w. zum Verstummen gebracht und bekehrt haben wollten. Zufällig waren dies immer ganz obscure Leute in Polen. Jemehr sich die einfache gesunde Schriftauslegung nach den Gesetzen der Sprache und dem Zusammenhänge der Texte Bahn gebrochen und Geltung verschafft hat, destomehr zieht sich jene christlich-typische Interpretation in die Kreise der orthodoxen Theologie zurück, und die Juden werden nicht mehr damit behelligt. Anders verhält es sich mit den unzweideutigen Verlegen-