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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-10-05 · Heft 41 (5.10.1875) · p. Seite 667

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 41 (5.10.1875)
Date
1875-10-05
Page
Seite 667 (sequence 11)
Language
German
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667 Mutter über Land und Orte gehen. Du bist sehr klug und vorsichtig, und doch war in Halle der Strang schon gedreht, der sich um Deinen Hals legen sollte, und nur eine wunderbare Fügung rettete Dich, ich weiß es sehr wohl, wenn ich auch nicht darüber sprach, weil mir die bloße Vorstellung schon das Herz zusammenschnürte. Ueber Dich fteilich habe ich keine Herrschaft mehr, auf mein Bitten und Flehen hörst Du nicht, aber mein Kind gehört mir, ich lasse es nicht von der Stelle und nehme Zs mit mir nach Hause!" „Weißt Du, Mirjam, daß Du die ganze große Stadt mir allen ihren Bewohnern auf Dein Gewisien nimmst? Ohne diese, wie ich sicher weiß, gefahrlose Botschaft, werden die Lebensmittel dort in kurzer Zeit fehlen, und die Stadt muß fallen. Kannst Du dies verantworten wollen?" Diese einfachen, aber schwerwiegenden Worte reizten die Frau nur um so mehr. Mit noch leidenschaftlicherm Tone rief sie: „Auf Deine Prahlereien, Merr, gebe ich gar nichts! Wolle mir doch nicht einreden, daß Du etwas auf den Ausgang dieses blu. tigen Krieges vermögest! Da rücken die furchtbaren Krieger mit ihren zahllosen Geschossen auf die Stadt los und Du willst sie zurückhalten? Sie steigen über die Walle, durchbrechen die Mauern und Thore und stürzen mit Schwert und Feuer über die Einwohner, und Du willst es ihnen wehren? So haben sie es mit großen und kleinen Städten gemacht, und Niemand konnte ihnen Stillstand gebieten. Es ist eine Geißel Gottes, wie es in den heiligen Büchern zu lesen, und ein schwacher Mensch, wie Du bist, bildet sich ein, dem allmächtigen Gotte in den Arm zu fallen, nein! ich laste mein Kind nicht auf dem feurigen Arme Moloch's als Opfer darbringen. Ich verlange mein Kind zurück!" „Mirjam, ich bin der Vater, und habe über mein Kind zu bestimmen!" „Und ich bin die Mutter und habe dastelbe Recht. Oder willst Du Deinen Sohn nach dem Uriheil des weisen Königs in zwei Hälften theilen lasten? Ich habe ihn unter meinem Herzen getragen, ich habe ihn an meiner Mutterbrust ernährt, und so lange meine Augen offenstehen, gebe ich ihn nicht preis. Wir stehen in Gottes Hand, aber wenn uns etwas zustoßen soll, so soll es ihn nur an meiner Seite und in meinen Armen treffen! . . ." Merr sah ein, daß er seine Frau nicht umzustimmen vermöge. Er richtete die dringendsten Bitten noch an sie; er schwor ihr zu, den Knaben nach seiner Rückkehr zu keinerlei Botschaft mehr verwenden zu wollen; er legte ihr dar, daß ihn, wenn er die Vorräthe nicht abliefern könnte, ein schwerer, unersetzlicher Verlust treffen würde — ihr Sohn wog ihr mehr als alles dieses, und er mußte schließlich Kalonymus mit seiner Mutter ziehen lassen. So war seine ganze Combination vereitelt. Stahlmann gefangen, er selbst auf deffen Befreiung angewiesen, der Knabe fort. Konnte er auch das von Stahlmanu ihm übergebene Papier durch den Fährmann an die Adresse gelangen lasten, so konnte doch die nothwendige Verantwortung und Verabredung ihm nicht zugebracht werden, und dabei war das Geheimniß preisgegeben. Alles kam darauf an, daß die Stadt sich noch etwa vierzehn Tage halte, um dem Schwedenkönig Zeit zu gewähren, vollends heranzurücken. Dazu war aber die Aussicht sehr verdunkelt, wenn keine Vorräthe an Munition und Lebensmitteln hineingeschafft würden. Doch, was war zu thun? Er gab die Hoffnung nicht auf, noch irgend ein Auskunftsmittel zu ersinnen. Vor Allem galt es jetzt, so schnell wie möglich auszukundschaften, wohin Stahlmann gebracht worden, und die Mittel aufzufinden, ihn zu befreien. Er weckte den Fährmann, was ihm schwer genug wurde, und wies ihn an, noch einige Tage in der Hütte oder deren Umgebung zu verbleiben. Dann machte er sich auf den Weg.- Was Melr bestimmte. Alles au die Rettung Stahlmann's zu setzen, war nicht bloß die Ueberzeugung, daß dieser der befähigtste, entschiedenste und unermüdlichste unter den Führern des Widerstandes in der Stadl war, sondern auch die tteue Anhänglichkeit, die er ihm persönlich widmete, weil er es war, der in jener verhangnißvollen Stunde den Administrator zu seinen Gunsten umgestimmt hatte, und ihm aller Zeit Berttauen und Achtung in großem Maße bezeugte. So Etwas verpflichtet ein empfindungsvolles Gemüch zu unerschöpflicher Dankbarkeit, zu unbedingter Hingebung. Merr combinirte, daß, da die Kroaten im Ganzen unter dem Befehle Pappenheim's standen, sie den Gefangenen in deffen Lager abgeführt hätten. Pappenheim lag aber im Norden der Stadt, an dem Platze, wo die Neustadt gestanden, jetzt nur noch in einigen Ruinen erkennbar. Er hatte seine Laufgräben von dieser Seite schon bis dicht vor die Stadtwälle vorgeschoben. Merr schlug den Weg dahin in großen Umwegen auf dem linken Elbufer und um die Stadt herum ein, während die Kroaten ihren Gefangenen auf dem rechten Ufer ttansportirt hatten. Er beschloß einen Theil seiner Vorräthe zu opfern, und den Kaiserlichen zuzuführen. Als Viehhändler gekleidet, betrat er das Pappenheim'sche Lager, um dessen Commandanten einen Viehtransport anzubieten. Es war dies immerhin ein verwegener Streich, denn wenn er das Unglück hatte, einem jener Männer zu begezuen, die ihn in Halle gesehen, und von ihm erkannt zu werden, so war er verloren. Dies geschah aber glücklicherweise nicht. Der Lagercommandant nahm seinen Anrag mit Freuden an, denn da das Land umher schon völlig ausgesogen war, konnte solcher Zuzug nur höchst willkommen sein, unv Leute, die sich zu einem solchen erboten, mußte man schonen und gut behandeln. Auch die roheste Gewalt hat ihre Grenzen. Während der Berttag abgeschloffen wurde, fand der schlaue Me»r Gelegenheit nachzuforschen, und erfuhr zu seiner Befriedigung, daß seine Voraussetzung richtig gewesen. Stahlmann befand sich im Lager, in einer Baracke, in welcher er streng bewacht wurde. Auch der Feind wußte den Werch des Mannes zu würdigen und wollte aus deffen Mißgeschick den größtmöglichen Vorthell ziehen. 4t*

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