Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-10-05 · Heft 41 (5.10.1875) · p. Seite 664

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 41 (5.10.1875)
Date
1875-10-05
Page
Seite 664 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227014-3227056--33885-3303717
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

664 Jude sei. Das Reichsgesetz, welches die Gleichstellung der Juden festgesetzt, kann selbstverständlich keine Administration zwingen, einem Juden ein bestimmtes Amt zu geben. Die preußische Staatsregierung läßt sich von anderen Ansichten leiten als die der thüringischen Fürstenthümer, welchen gemeinsam die Universität Jena zugehörig ist. — Bor einigen Tagen fand hier eine gewisse Aufregung statt, als man an verschiedenen Stellen der Stadt von gleicher Hand angeschrieben fand: „Der Nothstand ist da, das Judenthum ist die Ursache, auf zu den Ministern!" oder derartige Worte. Die „Germania" bemerkte hierzu: Jetzt käme die wahre Stimme des Volkes zum Ausdruck. Unglücklicherweise für dieses Blatt wurde der Urheber entdeckt, und zwar in einem — Wahnsinnigen, der in das Irrenhaus abgeliefert werden mußte. Wir sagen nun nicht, daß der Mann durch das Lesen der „Germania" verrückt geworden, denn so viel Effect auf den Geist können wir diesem Blatte nicht zuschreiben. — Bekanntlich hat das genannte ultramontane Blatt sich darin verrechnet, daß es glaubte, durch seine Artikel gegen die Juden einen gewaltigen Kampf der liberalen Preffe gegen sich heraufzubeschwören, und so einen allgemeinen Lärm hervorzurufen, der ihr recht viele Leser und Abonnenten, überhaupt ein neues Piedestal verschaffen würde. Dies ist zum tiefen Schmerz für sie nicht eingetreten. Zu den wenigen Entgegnungen, die ihr geworden, gehört ein gut geschriebener Artikel in der „Breslauer Zeitung" vom 19. September. Wir halten ihn besonders deshalb für gut geschrieben, weil er ganz einfach und leidenschaftslos gehalten ist. Wir heben daraus folgende Notiz hervor, die jedoch nicht bloß dem ultramontanen Blatte zur Belehrung dienen möge: „Es giebt in ganz Preußen keine zehn jüdischen Redacteure, wohl aber mehr als dreihundert politische Zeitungen und unter Tausenden belletristischer Schriftsteller keine fünfzig Juden." Hinzufügen wollen wir noch, daß die „Germania" einen besonderen Werth darauf legt, daß man ihr in der Bezeichnung „Zur Judenfrage" auch in liberalen Blättern Folge leistet. Wir erinnern daran, daß der ungarische Ministerpräsident, als in voriger Sitzung des dortigen Abgeordnetenhauses ein Mitglied des letzteren von der „Judenfrage" gesprochen hatte, erwiderte: „Es gäbe in Ungarn keine Juvenfrage mehr, nachdem das Gesetz die Juden für Staatsbürger gleich den Bekennern aller anderen Religionen Erklärt hat." Dies findet denn wohl auch in Preußen und im ganzen deutschen Reiche statt. Die Ultramontanen möchten freilich gern das deutsche Reich und alle seine Gesetze in Frage stellen. Berlin, 26. September. Die K. Z. schreibt: Um die Gesetzgebung, betreffend die israelitischen Gemeindeverhaltniffe, fortzuführen, finden jetzt auf Anweisung des Ministers des Innern Erhebungen über die Verhältniffe der Synagogengemeinden und anderer israelitischen Religionsgenoffenschaften statt. —. Der Talmudverein, welcher seit seiner vor 23 Jahren erfolgten Begründung allabendlich seine Mitglieder zum Studium des Talmud versammelt, beging am Sonntag das Fest der Einweihung seiner neuen Lehrräume im eigenen Hause, Neue Friedrichstraße 72. Nach dem Vortrag mehrerer Gesänge hielt der Vorsteher und Schriftführer des Vereins, llr. A. Berliner, eine schwungvoll gehaltene Anrede an das zahlreich versammelte Publicum, in welcher er den Dank aussprach allen den Männern, welche durch ihren Eifer in der Verwaltung oder durch Fundationen dazu beigetragen haben, daß der Verein nunmehr sein eigenes Haus beziehen könne. Hierauf erfolgte die Weiherede von Seiten des Vortragenden Lehrers vr. Hoffmann, die eine allgemeine Befriedigung hervorrief. —. Die städtische Schulbeputation macht bekannt, daß an der 84. Gemeindeschule (für Mädchen), Amalienstr. 4, seit Ostern für die jüdischen Kinder ein besonderer Religionsunterricht von einem jüdischen Lehrer der Schule ertheilt wird, und daß ein Gleiches vom Beginn des Winter-Halbjahres an in der 8. Gemeindeschule (für Knaben), Gipsstraße 23 s, geschehen wird. KrotoschM, 15. September. sPrivatmitth.') Am 2. d. M. verschied in unserer Stadt ein Mann, welcher, obwohl in den letzten Jahren nicht mehr in unserer Mitte wohnend, doch von seiner fruhern Wirksamkeit her die Liebe und Verehrung der hiesigen Einwohner in hohem Maße besaß, Herr Michael Emanuel Cunow, der Begründer und langjährige Leiter unserer jüdischen Gemeindeschule. — Zu einer Zeit, wo in unserer Gemeinde noch Zustände herrschten, von denen sich die jetzige Generation kaum eine Vorstellung zu machen im Stande ist, wo noch religiöse Eiferer die Einrichtung einer „deutschen" Schule als ein dem Himmel mißfälliges Beginnen hinstellen konnten, — hat der Verstorbene allen Anfeindungen, sowie den größten Hindernissen trotzend, das schwierige Werk in die Hand genommen, und es treu und wacker durchgesührt. Sein Charakter war ein streng rechtlicher, und ttotzdem er selbst sehr oft mit der bittersten Noth zu kämpfen hatte, war er doch stets ein Helfer und Berather seinen unbemittelten Schülern. Ohne anmaßend zu sein und ohne sich zu überheben, brachte Cunow die hiesige Gemeindeschule auf eine Stufe, wie keine andere in unserer Provinz. Er wurde in seiner Lehrthätigkeit durch eine außerordentliche pädagogische Begabung, — welche von den zuständigen Behörden häufig in ehrendster Weise anerkannt wurde, — sehr unterstützt, verband mit diesem Vorzüge aber auch, neben reichem Wissen in allen Disciplinen, eine bewundernswerthe Pflichttreue und Ausdauer in seinem schwierigen Berufe. — Dafür wurde aber der Verstorbene, der das Glück hatte, aus der von ihm geleiteten Anstalt eine große Anzahl brauchbarer, sehr tüchtiger Menschen hervorgehen zu sehen, von seinen Schülern ungemein geliebt, und unsere Gemeinde wird das Andenken des Begründers der qu. Anstalt stets in I) Wir geben die folgenden Zeilen ehrenden Andenkens um so eher, als auch wir mit dem Verstorbenen lange Zeit in Verbindung standen, und an ihm stets die Eigenschaften erkannten, welche ihm in der Correspondcnz beigelegt werden. Redaction.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.