Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 41 (5.10.1875)
- Date
- 1875-10-05
- Page
- Seite 663 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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663 Literarischer Wochenbericht. Bonn, 17. September (Schluß.) Mehr als wir von der zweiten Lieferung des ersten Werkes die jüdischen Philosophen zu erwarten haben, bietet uns die zweite vorliegende Schrift: „Vorlesungen über die jüdischen Philosophen des Mittelalters von Do. Moritz Eisler". Im Jahre 1870 gab der Verfasser eine Darstellung des jüdischen Aristotelismus, insbesondere des maimonidischen heraus, welche jedoch in jener uuruhevollen Kriegszeit nicht zu uns gelangte. Die vorliegende Schrift will nun der Autor als eine erste Abtheilung zu der früher erschienenen angesehen wissen, indem er jetzt die Systeme Saadias, Bachjas, Jbn Gebirols, Jehuva Halevis und Jbn Esras behandelt. In unserer Zeit, wo der Lehrinhalt des Judenthums wieder in den Vordergrund getreten ist, wo er sich zugleich in ausgesprochener Weise nicht blos den Glaubenslehren der verschiedenen Kirchen, sondern auch einer Reihe Lurchgearbeiteter philosophischer Systeme und einer Menge halbwüchsiger wisienschaftlicher Hypothesen gegenüber sieht, ist eine lichwolle und immer gründlichere Darstellung aller philosophischen Bearbeitungen dieses Lehrinhalts des Judenthums von bedeutender Wichtigkeit. Wir freuen uns daher, daß seit Munk's erfolgreichen Arbeiten auf diesem Gebiete Förderliches geleistet wurde, und zählen die vorliegende Schrift gern hierzu. Läßt sie auch Manches an gründlicher Auffaffung, an lebhafter und correcter Ausdrucksweise Vieles zu wünschen übrig, so wird sie doch Jedem, der sich mit der jüdischen Religions- Philosophie bekannt machen will, unterrichtend in dieselbe erführen, und ihm die Wege zu weiterer und eigener Forschung eröffnen. — Durch derartige Werke wird auch eine andere Frage der Lösung naher gebracht, die uns bereits mehrere Male beschäftigte: was haben die Juden in der Philosophie geleistet? Munk beantwortete dies auffallend in negativer Weise, und widersprach sich selbst hiermit, als er später den Berfaffer der fons vilae aufdeckte, der von außerordentlichem Einfluß auf die christlichen Scholastiker war, sowie durch seine Arbeiten über Maimonides. Wir traten schon damals seiner Autorität entgegen und fanden seitdem Bestätigung genug für unseren Widerspruch. Für die Feinde des jüdischen Stammes war es eine willkommene Gabe, diesem jede Befähigung und jedes Verdienst für die Entwickelung der Philosophie abgesprochen zu sehen. Aber es geschah dies in völlig ungerechtfertigter Weise. Der jüdische Stamm war in seiner ganzen Lebensfülle von seiner Gotteslehre und der aus dieser resultirenden Weltanschauung durchdrungen, und in einer beispiellosen Consequenz arbeitete er diese durch alle seine Jahrtausende durch. Aber das Philosophien, das philosophische Denken, und indem dieses sich systematisch gestaltete, die Philosophie war auf dieser Grundlage stets in ihm vorhanden, lebendig, schöpferisch. Aus den geringen Ueberresten seiner ältesten Literatur in der h. Schrift bezeugen uns dies ras Buch Hiob und der Prediger Salomoni's; spater die alexandrinischen, dann die Reihe der arabisch-spanischen Philosophen, selbst die Kabbalisten, endlich Mendelssohn und seine Nachfolger. Wir haben absichtlich Spinoza in dieser Reihenfolge nicht genannt, weil wir in diesem genialen und epochemachenden Philosophen den Beweis geführt haben, daß der jüdische Stamm wohl befähigt ist, auch Träger der selbstständischsten und entschiedensten Philosophie hervorzubringen. Tie Originalität der jüdischen Philosophie besteht also in der systematischen Durcharbeitung aller philosophischen Fragen auf dem Boden der jüdischen Gotteslehre. Daß sie hierin originell war, beweisen die Alexandriner, die mit dieser Geistesarbeit vorangingen, ehe an christliche und mohammedanische Philosophen zu denken war. Daß sich hierbei die Einen enger an das strikte Wort der heil. Schrift hielten, die Anderen sich weiter davon entfernten, und oft nur noch mehr scheinbar als wirklich damit zusammenhingen, macht ihre Mannichfaltigkeit aus, stört aber den Charakter der ganzen Erscheinung nicht. Gerade in dieser ihrer Richtung liegt eine besondere Wichtigkeit der jüdischen Philosophen noch für unsre Zeit. Man hat nun aus diesen ihren Versuchen, Religion und Philosophie auszugleichen noch den besonderen Vorwurf gezogen, daß sie sich dabei stets an Philosopheme gehalten, die nicht jüdischen Ursprungs waren. Aber man zieht hierbei nicht in Betracht, daß die Philosophie überhaupt eine zusammenhängende Geistesentwickelung ist, in welcher ein Kreis an den anderen sich zu lehnen hat, ein Fortschritt sich stets an den vorhergegangenen schließen muß. Jever Philosoph von Bedeutung steht zunächst auf den Schultern seines Vorgängers, und Spinoza z. B. war eher Cartesianer als Spinozist. Ja, selbst wenn ein Philosoph seinen Vorgänger bekämpft, steht er in einem abhängigen Verhältniß zu ihm. Es kommt bei Würdigung eines Philosophen nur daraus an, ob er nur ein Nachbeter seiner Vorgänger fei, oder in entschiedener Weise die bereits vorhandene Entwickelung nach seiner Art weiter gefordert und anders gestaltet hat. Dies aber wird der Sachkundige den jüdischen Philosophen zugestehen, selbst z. B. in Bezug auf den Aristotelismus. 2^eittuicj d Deutschland. Berlin, 24. Sept. (Privatmitth.) Der Privatdocent Dr. Senator ist zum außerordentlichen Profeffor in der hiesigen medicinischen Facultät ernannt worden. Es ist derselbe, der vor einiger Zeit zum Director der Klinik in Jena designirt war, nur daß die Verhandlungen schließlich abgebrochen wurden, als es der betreffenden thüringischen Behörde bekannt wurde, daß Senator