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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-10-05 · Heft 41 (5.10.1875) · p. Seite 661

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 41 (5.10.1875)
Date
1875-10-05
Page
Seite 661 (sequence 5)
Language
German
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661 Beitrage freilich, welche die „Germania" in ihren Hetzartikeln bringt, find diejenigen über die Frequenz der höheren Lehranstalten durch jüdische Schüler, und — bezeichnend genug — macht die hohe Ziffer der letzteren dem Blatte Kopfschmerzen. — Droht ja doch der Verdummung und Verfinsterung durch fie Gefahr. — Um den eben gekennzeichneten Vorwürfen mehr Relief zu geben, muffen einige, bei jeder ähnlichen Gelegenheit paradirende, vor fast 100 Zähren erfolgten Aussprüche von Kant und Fichte herhalten, welche nur beweisen, daß auch große Männer nicht frei von Vorurtheil sind, und die wir um so ruhiger ad acia legen können, als die ganze Entwickelung unseres Jahrhunderts gegen sie zeugt. — Bringt man bei Schopenhauer den Misanthropen in Anschlag, besten Pessimismus überall nur die Schattenseiten der Menschennatur gewahr wird, so läßt sich gegen das Citat aus ihm nichts sagen, zumal selbst Fichte, Hegel und andere bedeutende Männer sich von dem Frankfurter Philosophen Ehrentitel wie „consuse Schwätzer" u. dgl. müssen gefallen lasten. Zum Schluß beruft sich die „Germania" aus zwei gefeierte Namen der Jetztzeit, muß jedoch, — und nichts illustrirt treffender den Krebsgang des schwarzen Blattes — dreißig Jahre in ihrer Entwickelung zurückgehn, um überhaupt nur oberflächliche Fühlung mit ihren Tendenzen bei ihnen zu finden; sie appellirt, den bekannten Satz aus den Kopf stellend, von den bester unterrichteten Bismarck und Döllinger an die schlecht unterrichteten. — Die Summe von Bosheit, Ignoranz und absichtlicher Verdrehung an den Pranger zu stellen, aus welchen der Hauptinhalt der Germrniaartikel besteht, würde hier zu weit führen; die nachfolgenden statistischen Erhebungen üben die beste Kritik und sprechen eindringlicher als bogenlange Widerlegungen. — Gestatten Sie mir jedoch vorher noch einige Bemerkungen. Die „Germania" klagt die Juden der Hauptschuld an dem Culturkampfe an, während diese sich in ihrer Allgemeinheit die strengste Reserve im entbrannten Streite aufgelegt haben, und der Abgeordnete Laster, der hervarragendfte unter den jüdischen Vertretern und daher am meisten berechtigt im Namen seiner Glaubens¬ und Stammesgencffen zu sprechen, sich gegen die Ausnahmegesetze erklärt hat. Irre ich nicht, so brachte die „Germania" damals sogar unter warmer Anerkennung den stenographischen Wortlaut von Laster S Rede. Alle gegen ihre Partei gerichteten ernsten und humoristischen Angriffe werden von dem Blatte ohne jede Prüfung und oft genug wider besseres Wissen den Juden in die Schuhe geschoben. So hat u. A. ein rohes und mit Recht verurtheiltes Gedicht, welches in einem obskuren Witzblatte „Rumor" erschienen war, ihr wiederholt Veranlassung zu den infamsten Angriffen und pöbelhaften Schimpfereien auf die Juden gegeben. Es ist mir nicht gelungen, den Verfasser des Gedichts herauszufinden, wohl aber steht fest, daß die Redacteure des „Rumor", A. Hops, und der „Freien Presse" als dessen Beilage das Witzblatt erscheint, Assessor a. D. Mölle, Sohn des Geh. Oberfinanzrath Mölle, Christen sind, und sie die Schuld an der Veröffentlichung des Gedichts tragen. Dieser Umstand wird aber einfach von der „Germania" todtgeschwiegen; handelt es sich ja für ihre Partei nur darum, den ihr von der Regierung entwundenen Einfluß durch krampfhafte Anstrengung auf anderem Gebiete wieder zu gewinnen, indem sie an die niedrigsten Leidenschaften appellirt. — Ich komme nun zum Hauptzweck meines Schreibens, zu den Ergebnissen, welche ich auf statistischem Gebiete unter Benutzung der vorzüglichsten Quellen gewonnen habe. — Zuerst die Antwort aus Herrn vr. Glagau's Behauptung, daß 00 pCt. der Gründer von 1870/73 Juden sind. „Der Berliner Courszettel zählt circa 310 hier und auswärts in den letzten Jahren gegründete Industrie-Gesellschaften, bei denen am meisten gesündigt worden ist. Es ist mir gelungen, für 297 Gesellschaften mit 363,121,000 Thlr. Nominalcapital, (also für fast alle» aus den Eintragungen in's Handelsregister, den Prospeclen und aus dem Saling'schen Werke das Material zusammenzutragen. Nehmen wir statt 297 rund 300 Gesellschaften und statt 363,121,000 Thlr. rund 365 Million Thaler Capital, dann betragen die Gründungen: 1» Jüv. Häuser nach der Zahl 23 pCt., nach dem Werth 16 pCt. 2) Christl. - - - - 40 - - - - 42 - 3) Gemeinschaft!. Gründungen jüv. und christl. Häuser 37 - - - - 42 - 100 pCt. l 00 pCt. Vcrtheilr man die letzte Kategorie je zur Hälfte auf die beiden ersten, so kommen auf die Juden 41,50 pCt. und 37 pCt. Christen 58,50 - - 63 - 100 pCt. 100 pCt. Trotz wiederholter Sichtung und Prüfung des Materials sind geringe Ungenauigkeiten in meiner Arbeit möglich, sie können aber keineswegs das Gesammtresultat nennenswerch alteriren. Wie Sie sehen, hatte ich in meiner ersten Schätzung 160 pCt.) viel zu hoch gegriffen, und bleibt die Gründungsthätigkeit jüdischer Banquiers gegen die ihrer christlichen Concurrenten zurück, wenn man — wie einzig richtig — die Zahl der Banquiers als Basis annimmt, und nicht wie mit puerilem Kniff die „Germania" thun möchte, die Seelenzahl der einzelnen Confessionen. — Letztere hat sich n. Ä. nicht entblörct, den Juden ihren vermeintlichen Kinderreichthum und starke Vermehrung vorzuwerfen und statistische Angaben aus Oesterreich gebracht, die mir augenblicklich nicht zur Hand sind. Meine Quellen erstrecken sich nur auf den Zeitraum von 1851/57 und ergeben hier nur eine jährliche Vermehrung der Juden in Oesterreich von 1,96 pCt. Es handelt sich aber für uns nicht um Oesterreich, sondern um Deutschland und speciell um Preußen. Nun ergeben die amtlichen statistischen Erhebungen über die Vermehrung der einzelnen Confessionen in Preußen ein Resultat, über welches Sie nicht minder erstaunt sein werden, als ich.

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