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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-10-05 · Heft 41 (5.10.1875) · p. Seite 659

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 41 (5.10.1875)
Date
1875-10-05
Page
Seite 659 (sequence 3)
Language
German
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659' theils um ihrer racheschnaubenden Wuth Luft zu schaffen. Nun, auch dieses Manöver wird sich als erfolglos erweisen. Haben sie Vas katholische Volk nicht irre leiten können zu gesetzwidrigen Handlungen, so hört doch das protestantische Volk noch weniger auf sie, und ihr Ansehen ist diesem so verdächtig, daß es auf ihr Geschrei wenig hört. Die gesetzliche Stellung der Juden ist aber keine zufällige, keine aus den Launen irgend eines gesetzgeberischen Factors hervorgegangen, sondern allmälig aus den unerschütterlich gewordenen Grundsätzen des modernen Staates emporgewachsene und mit allen staatlichen Institutionen so idenüficirte, daß die Denunciationen ultramontaner Blätter nichts daran ändern werden. Im Uebrigen, bietet denn dieses Verfahren der Ultramontanen etwas Neues? ist es nicht die consequente Fortsetzung dessen, was sie zu allen Zeiten getrieben? Gehört nicht die Judenverfolgung gleichsam zu ihrem Handwerk? Schon die ersten Concilien machten die Judenverfolgung zu ihrem immer wiederkehrenden Thema. Wer verlangte von den Fürsten immer neue Ausschließungs¬ und Bedrückungsgesetze? Warum waren stets diejenigen Herrscher am grausamsten gegen die Juden, welche zugleich die bigottesten, von den römischen Priestern am meisten beherrschten waren? Wo haben wir die Männer zu suchen, welche die Ausrottung der Juden zu ihrem Lebensberufe machten und predigend durch Italien und Deutschland zogen, um überall den Brand gegen die Juden zu entzünden? Von wem rührten die Fabeln her von den entweihten und blutenden Hostien u. vgl., die an unzähligen Orten zu den gräßlichsten Niedcrinetzelungen der Juden verwendet wurden? Bon wem wurden die Tribunale der Inquisition aufgerichtet, um zahllose Juden auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen? Dies und unendlich viele andere Facten sind allesammt geschichtlich. Jetzt, wo die Ultramontanen das mittelalterliche System der römischen Hierarchie nicht allein wieder auf die Tagesordnung, sondern zum vollendeten Abschluß gebracht haben, wie sollten sie da nicht auch ihren alten, stets beschrittenen Pfad der Judenverfolgung wieder einschlagen? Wer sollte dies nicht geradezu erwartet haben? Da sie alle ihre alten Streitelemente unverhohlen und mit offenem Visir wieder aus der Rüstkammer hervorgeholt haben, warum sollten sie die Judenverfolgung darin zurücklaffen, von welcher sie immerhin einigen Profit sich versprechen könnten?! Man sieht, wir beschäftigen uns nur mit dem Thalsächlichen. Wir beabsichtigen durchaus nicht, uns mit der „Germania" in einen speciellen Streit einzulaffen. Diesen Gefallen thun wir ihr nicht, um für die Fortsetzung ihrer Schmähartikel immer neuen Stoff oder Anhaltspunkte zu erlangen, an denen sie ihre bekannten Künste und Kniffe anbringen könnte. Freut es uns doch, daß die liberale Presse mit geringer Ausnahme gar keine Notiz von den Judenartikeln des ultramontanen Blattes nimmt. Hätte die liberale Presse dies immer gethan, wie wir es anzurathen uns ertaubten: so würde die „Germania" viel weniger bekannt und gelesen sein, als sie es ist. Diese Leute erhallen erst dadurch Gewicht, daß man ihnen ein solches beilegt, daß man sie beachtet und bespricht oder gar widerlegt. Die „Germania" ist in ihren Artikeln gegen die Juden doch nur Abklatsch von dem, was andere ultramontane Blätter seil Jahren vorgebracht haben. Sie übertrifft sie nur in der Frechheit, mit der sie ihren Inhalt als etwas Nagelneues, Kühnes und Muthiges und nebenbei als unwiderleglich und erfolgreich darzustellen sucht. Die grenzenlose Uebertreibung des kleinsten Facmms trägt sie auch auf den Werth und die Kraft ihrer Darstellungsweise über, um so dem schwachsinnigern Theil ihrer Leser sich nicht blos als den Verfechter der Wahrheit, sondern auch als Triumphator zu insinuiren. Sie sammelt Citate aus Schriftstellern des vorigen Jahrhunderts, welche nach damaligen Zuständen und in dem bekannten Schematismus der Gelehrten über die Juden urtheilten, sowie aus einigen neueren Schriftstellern, denen allen sie von ihrem Standpunkte aus zurufen müßte: „Apnge, Saiana! Ihr seid Männer des Jrrthums, des Wahnes, Söhne des Teufels!" Käme es der „Germania" auf Logik an, so müßte sie ja auch die Urtheile dieser Männer über die Juden für Unwahrheit und Lüge erklären. Nun, wir könnten aus einer viel größern Zahl von Schriftstellern älterer und neuerer Zeit die günstigsten Urtheile citiren, selbst aus den Reihen katholischer Geistlichen, die freilich vor den Augen der „Germania" als solche schlecht bestehen. Am meisten spreizt sie sich mit statistischen Angaben. Wie unsicher diese, namentlich aus früherer Zeit, an sich und um wie viel unsicherer in den daraus gezogenen Schlüssen sind, wäre auf's Leichteste zu erweisen.') Was sie nun eigentlich erweisen will, gehört gänzlich in die Classe alter und veralteter Rügen und Borwürfe. Die Juden als Betrüger, Wucherer, jeder harten Arbeit abhold zu brandmarken, dazu gehört weder Originalität noch eine besondere Krastanstrengung. Das thun die Judenfresser schon seit Jahrhunderten. Freilich muß sie zugeben, um doch die Maske der Billigkeit noch etwas Vorhalten zu können, daß auch Christen betrügen und wuchern — aber es kommt doch nur auf die Wendung an, die man seinen Sächelchen zu geben versteht. Die paar Christen sind nicht von Belang, aber, giebt man zu verstehen, alle Juden sind Betrüger und Wucherer. Zum Beweise führt man dieses und jenes Geschichtchen eines „Pfarrers" und „Bauern" oder auch eines „Gutsbesitzers" an. Mehr noch. Die „Germania" würde ja ihren Principien und denen ihrer ganzen Secte ungetreu werden, wollte sie nicht eine förmliche Inquisition gegen die Juden etabliren. Sie!) Wir wollen nur ein Beispiel anführcn. Es sollen in Galizien aus eine jüdische Ehe l0, auf eine christliche 4 Kinder kommen, und dies ist der „G." genug, um über die unerhörte Fruchtbarkeit aller Juden zu klagen. Es ist aber bekannt, und oft genug erwidert worden, daß in Galizien die größere Zahl der jüdischen Eben, hur nach jüdischem Ritus vollzogen, bei den Standesämtern gar nicht angemeldet wird. Die offieielle Statistik beachtet dies nicht, und berechnet die Gesammtzahl der Kinder nur nach standesamtlich notirten Ehen. Hiermit fällt das ganze Bauwerk zusammen. Die preuß. Statistik zeigt vielmehr, daß die Juden um einen kleinen Procentsatz weniger Kinder erzeugen als die Christen. 41

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