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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-10-05 · Heft 41 (5.10.1875) · p. Seite 658

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 41 (5.10.1875)
Date
1875-10-05
Page
Seite 658 (sequence 2)
Language
German
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658 Und dann wäge sorgfältig den Werth und Unwerth dieses Deines innern Lebens, die lichten und die dunkeln Seiten, die Vorzüge und die Mängel ab, und scheue Dich nicht den Jrrthum, den Fehl, ja die Schuld und Sünde zu erkennen, die aus dem innern Gewühle Deiner Seele und in ihrem Zusammenstoß mit der Außenwelt durch Deine Gesinnung und Deine That begangen werden. Was kannst Du ohne solchen Einblick in das innere Seelenleben erwarten, von Dir selbst erwarten? Wie ein Wanderer durch die dunkele Nacht, oder gar wie ein Blinder auf dem ersten besten Wege, der den Stein nicht gewahrt, an welchem er straucheln, die Vertiefung nicht, in welche er stürzen wird, und der es dem Zufall überläßt, ob er am Kreuzwege den rechten Pfad einschlagen unv das Ziel erreichen werde! Dies ist das Bild dessen, der sich auf das äußere Treiben beschränkt und den ernsten Ruf überhort, der ihn aussordert, sich selbst in seinem Innern vor den Richterstuhl der Religion und der von ihr gelehrten und geforderten Sittlichkeit zu stellen. -Ist es denn anders mit der Völkergefchichte und dem ganzen Menschengeschlecht? Wer sich begnügt, auf die Fluch der Tagesereignisie zu blicken, und all' den Schwall von Begebenheiten uno Erscheinungen, die auf der Oberfläche der Geschichte an's Licht getreten — der wird nur wirre, und kein Faden führt ihn durch das Labyrinth der aufgehäuften und immer mehr anschwellenden Daten. Aber blicke nur einwärts! Die Geistesarbeit der ganzen Menschheit, der innere Zusammenhang von Motiv, Gesetz und Ziel, die fortschreitende Entwickelung wird uns verständlich und erkennbar. Humanität, Recht und Wahrheit sind keine bloßen Worte, keine Maske, unter welcher sich das verzerrte Antlitz verberge. Jede That, jedes Ereigniß ist nur ein einzelnes Glied, das seinen Werth hat nach seiner Beziehung zum Ganzen. Durch alle Kämpfe, durch allen Auf- und Niedergang wird das große gemeinsame Werk doch gefördert. Blickst Tu auf die Oberfläche, gewahrst Du es nicht, und das Kriegsgeschrei der Parteien übertönt es in Deinen Ohren — blickst Du einwärts, wird es Dir zur unerschütterlichen Ueberzeugung. Die Derfolgmigsrvuth -er Ultrarnontaneu gegen -ie Juden. Was wir bereits seit einigen Jahren immer wiederholt aussprachen, daß die Ultramontanen zu einem der Hauptmomente in ihrem Kampfe gegen die jetzige Gesellschaft und Cultur die Verfolgung der Juden gemacht haben, liegt jetzt aller Welt klar vor Augen. Sie gehört vollständig zu ihrem Kriegsplane, und das wohlorganisirte Heer ihrer großen und kleinen Blätter hat das Losungswort dazu erhalten. In Berlin wundert man sich jetzt, daß die „Gernranir" eine Reihe der heftigsten Hetzartikel gegen die Juden bringt. Solche Verwunderung ist nur denen gestattet, welche nicht wissen, daß dasselbe Geschäft vorher bereits in Wien, München, Paris, unv von da aus in zahllosen Provinzial- und Localblättern betrieben worden. Die kleinste Ortschaft mit dem kleinsten Blatte wird zu demselben Dienste herangezogen. Man lese z. B. die Correspondenz aus St. Gallen in dieser Nummer. Als schweres Geschütz werden Broschüren von größerm und kleinern Kaliber, wie von Rohlings, Constantin Frantz u. dgl. verwendet. Dabei stützt sich einer auf den anderen, einer citirt den anveren und führt ihn als Autorität an. Dabei ruft man: Widerlegt uns! aber zehnmal widerlegt, rufen sie immer wieder so, und geben sich für unwiderlegt aus, ohne auf irgend eine Entgegnung eingegangen zu fein. Man sieht, alle diese Scribenten sind mit Nutzen bei den Jesuiten in die Schule gegangen. Der Plan ist wohlberechnet, denn sie wissen, daß noch Borrath an Vorurtheil und Mißachtung gegen die Juden genug in den Menschen vorhanden ist, daß die Zeit der Aufklärung und Gerechtigkeit noch eine zu kurze gewesen, um eine von anderthalb Jahrtausenden genährte Feindseligkeit schon ganz aus dem Wege geräumt zu haben. Auf den Judenhaß ist also immerhin zu speculiren. Da es nun eben die Sache der Ultramontanen ist, überall Hader, Unzufriedenheit, Streit unv Haß auszusäen, um in diesem Gewühle unv Parteienkampf sich eine blindergebene Partei zu schaffen und Einfluß und Herrschaft wieder zu erringen, so ist ihnen der Judenhaß ein sehr willkommenes Element. Auch die Methode ist schlau berechnet; ist das Pulver an einem Orte verpufft, bringt man es am anderen aus die Pfanne; ist das grobe Geschütz zum Verstummen gebracht, bringt man das Kleingewehr in's Feuer. Was endlich den eigentlichen Zweck betrifft, das Ziel, das die verborgenen und und bekannten Leiter des ganzen Kampfes dabei vor Augen haben, das hat unser Mitarbeiter „Vom Rheine" in voriger Nummer schlagend dargelegt. Fragt man, warum gerade in diesem Zeitpunkte das Jesuitenblatt in Berlin die Lärmtrommel gegen die Juden rührt: so behaupten wir, daß dies mehr ein Zeichen der Schwäche und Niederlage für diese Partei ist als des Gegentheils. Die Herren sehen ein, daß sie ihr Spiel in Deutschland verloren haben. Sie haben das deussche Reich nicht erschüttert; sie haben den Krieg zwischen Frankreich und Deutschland nicht entzündet; sie haben den Staat und seine Gesetzgebung von dem eingeschlagenen Wege gegen die Uebergriffe der römischen Hierarchie nicht zurückgeschreckt und zurückgehalten; sie haben im Volke, im katholischen Volke nicht den geringsten thatsächlichen Wellenschlag Hervorbringen können, so daß z. B. der Triumphzug des Cultusministers ohne die geringste Störung mitten durch die Provinz ging, die sie als ihre ergebenste ansehen. So sind alle ihre Hoffnungen vereitelt, alle ihre Entwürfe gescheitert, und schon mußten die Bischöfe zu einem neuen Staatsgesetze, dem über die Verwaltung des Kirchenvermögens die Hand bieten. Da greifen sie denn zum Judenhasse, theils um ihren letzten Trumpf auszuspielen,

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