Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 41 (5.10.1875)
- Date
- 1875-10-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Zeitung -es Judenlhums. Em unparteiisches Organ für alles Wische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philipp so N in Bonn. Verlag von Bmungärtuer's Buchhandlung in Leipzig. Beilagen werden mit 1 Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 diS 2«/, Bogen. Preis Bierteliäbrig 2 Mark. Inserate werden mit 20 Pf. für die Petitzeile oder deren Rau« berechnet. Alle Buchbandlunzen, Postämter und Zeitung-«Expeditionen nehme» Bestellungen an. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. i. JJqilippfoJi in Bonn; hiufichtlich de-Bezug» und der Inserate an Laumgärtner', Luchdaudluag inLeipzig. Inserate, welche diS vonuer,- tng eingeben, finden indrr darauffolgenden Nuuuaer Berücksichtigung. 39. Jahrgang. Leipzig, den 5. October 1875. JV? 41. Inhalt. Leitende Artikel: Blicke einwärts! — Die Judcnvcrfolqunq der Ultramontancn gegen die Juden. — Berichtigung falscher Angaben über die Juden. — Literarischer Wochenbericht: Bonn. (Schluß.) — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. Krotofchin. — Holland: Haag. — Schweiz: Vom Bodcnfee. — Persien: Aus Persien. — Feuilleton: Die Treue. (Erzablnng). IV. — Correspond enz: Düsseldorf. — Der Componist A. W. Berlijn. — Nachtrag: Soldau, Malchin. -CeifceiiSe (3Cxh,^ef. Bonn, 29. September. Sticke einwärts! Die Unruhe ist der Antheil der Menschheit und des Menschen. Wer in die Geschichte der Vergangenheit und der Gegenwart schaut, erblickt die Völker aller Orten und Zeiten in steter Bewegung und Ausregung. Bald gilt es die Macht nach außen zu erweitern oder die Selbstständigkeit und Freiheit zu vertheidigen, Anderen ein Joch aufzuerlegen oder das eigene abzuschütteln; bald innere Kämpfe auszufechten, Parteien zur Herrschaft zu bringen oder niererzudrücken, gültige Grundsätze zu beseitigen und andere an deren Stelle zu setzen, oder es ist lediglich eine Personenfrage, wer regieren solle unter denen, welche die oberste Gewalt beanspruchen; bald endlich ist es die Entwickelung der geistigen und materiellen Momente, welche die Leidenschaften und deren Kampf hervorruft. Alles Dies läßt Staaten und Nationen und zwar fast die ganze Menschheit niemals zur Ruhe kommen, giebt ihnen unaufhörlich Stoff für die augenblickliche Bewegung, Zeitfragen, welche die höchste Aufmerksamkeit und die stärksten Anstrengungen erfordern. Und ergeht es dem einzelnen Menschen anders? Es find nicht blos die täglichen Mühen zur Befriedigung der täglichen Bedürfniffe, die ihn einnehmen oder mehr oder weniger belasten. Ob Jemand hock» oder niedrig gestellt, in einem größern oder kleinern Kreise lebt und wirkt, überall und für Jeden spielt sich daffelbe ab, Sorgen, Kränkungen, Verluste, Siechthum und das ganze Heer niedrer und höherer Leidenschaften lasten ihn selten und nur auf kurze Zeit zur Ruhe kommen. Die Pflichten,' die er, sei es stündlich, sei es in seltenem Fällen, zu erfüllen hat, sind so zahlreich und schwer, und die Kämpfe mit sich selbst und mit Anderen, welche um diese Pflichterfüllung gelagert sind, sind so heftig, daß alle seine Geisteskräfte dadurch beansprucht werden. Wir wiffen sehr wohl, daß diese Lebenseinrichtung für den Menschen eine durchaus nothwendige, natürliche und woblthätige ist. Kräfte, die nicht geübt werden, sind so gut wie nicht vorhanden; die Energie einer Kraft ist nur zu erlangen, wenn sie immerfort in Thätigkeit erhalten, zu Anstrengungen gezwungen wird. Stillstand, dauernde Ruhe erdrückt die Mächtigkeit und die Befähigung selbst. Ohne diese beständige Bewegung würde keine Entwickelung erzielt, und so die Aufgabe der Menschheit wie des Menschen ungelöst bleiben. Die bedeutendste Kraftentfaltung kann nur durch außergewöhnliche Lage, durch äußerste Anstrengung, durch die größten Opfer hervorgerufen werden. Um so mehr ergeht der Ruf an Dich: Blicke einwärts! Begnüge Dich nicht mit dem, was Du täglich um Dich sichest, was Dir begegnet, was Du thust, und was Du erreichst. Schaue einwärts nach den Beweggründen Deines Wollens und Thuns, nach den Gedanken, von denen Du Dich leiten läßt, nach den Zwecken, die Du verfolgst; forsche nach den Gefühlen, die Dich beherrschen, nach den Leidenschaften, denen Du Dich hingiebst, und so nach Allem, was in Deinem Innern vor sich geht und oft so sehr verschieden ist von dem Schein, von welchem Du I selbst Dich blenden lassest, und von der äußeren Erscheinung.