Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 40 (28.9.1875)
- Date
- 1875-09-28
- Page
- Seite 651 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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651 warnte ihn noch nachdrücklich, und darauf wurde er in seine Heimath entlaffen. In damaliger Zeit war die Verbindung zwischen Stadt und Land noch eine sehr geringe. Das Gerücht von der Gefahr, welche über dem Haupte Mei'r's geschwebt, war noch nicht bis zu seinem Hause gedrungen, als er daselbst anlangte. Seine Frau gab sich mit dem Scheitern seines Unternehmens zufrieden, um so mehr, als er sich lange Zeit hindurch still zu Hause hielt und seinem Erwerbe allein nachging. Als ihr die Kunde später zufällig doch wurde, sah sie den Vorgang als eine glückliche Fügung an, durch welche ihr Mann ihr und ihren Kindern zurückgegeben worden, und in diesem Sinne besprach sie ihn mit Merr. Jndeß erging es unsrem Helden nicht zum Besten. Es herrschte eine traurige Zeit im ganzen Lande. Die Streiszüge der streitenden Heere hörten immer nur auf kurze Zeit auf. Alles verarmte. Jedermann beschränkte sich auf das Unentbehrlichste. Ja, die ländliche Bevölkerung unterließ es allmälig, den Boden mehr zu bearbeiten, als zu ihrem eigenen eingeschränkten Bedarf nöthig war, nicht allein, weil sie glaubte, daß die Soldaten Alles, was mehr vorhanden wäre, doch nur rauben würden, sondern, weil Armuth und Elend sicherer vor den Mißhandlungen der barbarischen Kriegshorden machten als Besitz und Vorrathe. Ihre und der Ihrigen Person war vor rohen Gewaltthätigkeiten geschützt, wenn eben gar nichts bei ihnen zu holen nnd zu erbeuten war. So mochte denn Meir sich anstrengen und abarbeiten wie er wollte, er konnte nicht einmal das tägliche Brod erwerben, und der kleine Schatz, den er aus besseren Tagen zurückgelegt, wurde aufgezehrt. Noch und Entbehrung stellten sich in seinem Hause ein, und fast in Verzweiflung sah er selbst die Gesundheit seiner Frau und Kinder darunter bedroht. Jetzt war die Zeit gekommen, wo im Rache des Kaisers zu Wien und der katholischen Liga zu München beschlossen wurde, mit dem Aufwande aller Kräfte das Erzstift Magdeburg ganz zu unterwerfen, den Trotz der reichen Handelsstadt zu brechen, und diese aus einem Bollwerk des Protestantismus zu einem solchen der katholischen und kaiserlichen Herrschaft in Norddeutschland zu machen. Die kaiserlichen Heere unter dem Befehle Tilly's zogen der festen Elbstadt immer mehr zu, schlossen sie von allen Seiten ein, und allmälig vorrückenv, die weithin sich ausdehenden Verschanzungen nach und nach einnehmend, bildeten sie einen ehernen Ring um Magdeburg, der immer weniger Zufuhr und Unterstützung für die hartbedrängte Stadt gestattete. Zwar hatte der Schwedenkönig ein kleines Truppencorps, einen General und einige Summen Geldes geschickt, sowie wiederholt seine baldige Ankunft mit einem starken Heere verheißen, und dadurch den Muth der Bürgerschaft aufrecht erhalten — aber die ersteren waren doch ungenügend, den starken Feind auf die Dauer zurückzuhallen, und Gustav Adolph, der an der Oder focht und dev Widerspruch Brandenburgs zu überwinden hatte, nahete noch' immer nicht. Längere Zeit bevor die Lage der Stadt eine so bedrohliche geworden und es von Tag zu Tag immer mehr ward, hatte der schwedische Abgesandte Stahlmann die Verbindung mit unsrem Me>r wieder anzuknüpfen gesucht, sowohl, um ihn zu kleinen geheimen Missionen, als besonders zur Herbeischaffung von Lebensmitteln, Munition u. dgl. zu verwenden. Meir widerstand der Versuchung. Als aber Stahlmann selbst bei ihm erschien, mit beredten Worten seine patriotischen Gefühle in Anspruch nahm, und ihm zugleich von jedem gelieferten Vorrath einen bestimmten, mäßigen und gerechten Gewinn zusicherte, vermochte Meir seinen Thätigkeitstrieb nicht mehr zu unterdrücken. Mangel und Noch der Seinigen aus der einen Seite, patriotisches Verdienst und ein genügender Unterhalt auf der anderen Seite, dieser Gegensatz mußte ihm jeden Zweifel benehmen. Zwar wollte seine Frau nichts davon wissen; sie sah ihren Mann, den Vater und Ernährer ihrer Kinder in die höchsten Gefahren sich stürzen, denen er doch einmal unterliegen mußte, und wollte lieber noch mehr der Entbehrungen ertragen, als ihn und sich solchem Schicksale preisgeben. Doch Meir's Entschluß stand schon fest, und mit sanftem Tone, aber unerschütterlich, kündigte er ihn seiner treuen Gattin an. Sofort ging er mit aller Energie ans Werk, und mit einer Kühnheit und zugleich Vorsicht verfuhr er in den mannigfaltigsten Sendungen, daß er zu den erfolgreichsten, wenn auch unbekannten Bertheidigern der Stadt gehörte, sich das unbedingteste Vertrauen erwarb, wobei er zugleich die Wohlfahrt seines Hauses wieder erstehen sah. Bei einer solchen Veranlassung fanden wir ihn, zum ersten Male von seinem ältesten Knaben begleitet, am User der Elbe, wo ihn das persönliche Erscheinen Stahlmann's überraschte, und die Gesangennehmung dieses einflußreichen Mannes in die nessle Bekümmerniß versetzte. (Fortsetzung folgt.) Entgegnung. Rostock, 31. August. Einige Freunde des Oberrabbiners Stern in Hamburg haben versucht, meine Correspondenz in dieser Zeitung durch Schmähungen und Schimpfreden in den bekannten jüdischen Schmutzblättern zu widerlegen. Ich sage „Freunde", müßte aber sagen: von ihm abhängige Leute. Die Thalsachen haben sie nicht widerlegt, Thatsachen haben sie nicht herangebracht. Nun, meine Herren, schreien hilft nicht, sondern mit Facten widerlegen, t) In die 1) Die Beschützer des Herrn Stern scheinen an den von mir angeführten Thatsachen noch nicht genug zu haben. Hier noch einige wenige, und dann seien wir mit Herrn Stern zu Endet vkur im Vorbeigehen sei bemerkt, daß Herr Stern seine Anhänger auch mit dem erschwerenden Gebote beglückt hat, daß die Cohanim nicht bloß aus den Hausern zu gehen haben, wo eine jüdische, sondern auch wo eine nichtjüdische Leiche sich befindet. Doch lieber folgende Anekdötchen: 40