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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-09-28 · Heft 40 (28.9.1875) · p. Seite 652

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 40 (28.9.1875)
Date
1875-09-28
Page
Seite 652 (sequence 12)
Language
German
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652 Region dieser Herren hinabzufieigen, widerspricht mir, und würde auch die verehr!. Redaction dieser Zeitung nicht gestatten. Ein schwarzes Gewölk ruht auf der Orthodoxie Hamburgs — Ihr schlafet darunter: so schlafet weiter! Adolf Ravyn, caud. phil. Vermischtes. In Oran starb vor Kurzem eine Jüdin Rachel Ben Hajim, verw. Tubul, in einem Alter von 110 Jahren. Die „Arch. isr." erzählen bei Gelegenheit von der berühmten Schauspielerin Rachel-Felix Einiges, was nach mehreren Seiten hin charakteristisch ist. In gewissen Regionen hegle man auf's Wärmste den Wunsch, Rachel zur christlichen Kirche überzuführen. Bor Allem bemühte sich die Königin Marie- Amalie (die Gemahlin Ludwig Philipps). Eines Tages bewarb sich Rachel indirect um eine Gunst. Die Königin antwortete: „Ja, wenn Rachel sich bekehrt haben wird." Das Faubourg St. Germain, welches der Tragödin besondere Rücksichten schenkte, die Akademie, unter deren Mitgliedern sie mehrere Freunde zählte, der Erzbischof von Paris, der aus einem Complimente. das ihm Rachel gemacht, die Ueberzeugung ihrer Bekehrung ziehen zu dürfen glaubte, gaben sich viele Mühe, sie in die Kirche einzuführen. Parhe und Pathin waren schon ernannt, nämlich Mad. Rvcamier und Herr von Chateaubriand oder der Herzog von Noailles; die Taufe sollte, im Hause der Mad. Recamier vor sich gehen — aber Rachel wollte dem Glauben ihrer Vater nicht entsagen, und blieb allen Ueberredungen gegenüber verschlossen. Später erneuerte in Wien die Erzherzogin Sophie von Oesterreich die Bemühungen zu demselben Zwecke. Rachel antwortete: „Heute bin ich Jüdin; gehe ich zum Christenthume über, nennt man mich morgen eine getaufte Jüdin. Ich ziehe es vor. einfach Jüdin zu bleiben." Der Cultusbcamtc L. ging eines Sonnabends mit seiner Frau auf der Promenade und hielt deren aufgespannten Sonnenschirm einen Augenblick in der Hand. Das wurde vom Zionswachter, dem Herrn Dbcrrabbiner von Hamburg, sofort denuncirt, der dem nichtsahnenden Culrusbcamlcn eine derbe Strafpredigt hielt, als wenn jener ein wichtiges Gebot übertreten hätte! Bei den jüdischen Bäckern Hamburgs ist jede Semmel mit einem Kofcherzctlclchcn versehen. Ein jüdischer Restaurateur wollte aus ökonomischen Rücksichten seine Semmeln selbst backen lassen und wählte für sie eine etwas andere Fm-on als die gewöhnlichen Kescherscmmeln haben. Äaum hat's der Rabbiner erfahren, ließ er den betreffenden Restaurateur rufen und sagte ihm, er werde feine Restauration affern, wenn er seine Semmeln nicht nach der alten Fae-on backen lassen würde, denn — so motivirte der unfehlbare Rabbi seine Resolution — man könnte sie leicht mit den sog. Rundstücken verwechseln, die von den christlichen Bäckern verkauft werden! Wohl gesprochen, Herr Pater! (In den christlichen Kreisen ist nichts gewöhnlicher, als getaufte Juden, wenn sie ihnen mißfallen „Juden" zu nennen, und schlechte Subjecte, die sich taufen ließen, den Juden auf's Conto zu setzen, dagegen Getaufte, welche ihnen Zusagen, oder die sich vortheilhaft auszeichnen, zu Ehren des Christenthums zu rechnen.) In Wehdem bei Minden unterließ am jüngsten Sedantage die protestantische Geistlichkeit jede gottesdienstliche Feier und selbst das Läuten der Glocken. Die Bürgerschaft, der Kriegerverem voran, ließen sich die Feier des großen Tages nicht nehmen, und luden den Lehrer der jüdischen Gemeinde, Nr. Schreiber ein, die Festrede zu Hallen, eine Aufgabe, welcher dieser zur allgemeinen Befriedigung löste. Die jüdische Gemeinde in München hat neuerlichst einige beträchtliche Legate erhalten. Die Herren B. unv I. Lupschütz vermachten ihr beinahe eine halbe Million Mark zum Zwecke der Errichtung einer jüdischen Alterversorgungsanstalt; und Frau v. Kirsch hinterließ ihr 30,000 Mark zur Unterstützung jüdischer Stürmender an der Universität München. — Einen anderen glänzenden Beweis jüdischer Wohlthätigkeit vernehmen wir aus Kalisch (russisch Polen), wo ein Herr 25,000 Rubel dem Sir MoseS Montefiore zur Bertheilung unter die Armen in Jerusalem zur Verfügung gestellt hat. Nach den officiellen statistischen Nachrichten fanden in F r a n k - furt am Main während des Jahres 1874 einhundertundsieben jüdische Heiralhen statt. Es sind gerade fünfzig Jahre, seitdem im Jahre 1824 ein Gesetz durchging, „daß in Frankfurt während eines Jahres nicht mehr als fünfzehn jüdische Heirathen erlaubt sein sollten, und unter ihnen nur zwei, wo entweder der Gatte oder die Frau Fremde seien." Neun Jahre später — 1833 — beantragte Ur. Bender die Aufhebung dieses Gesetzes; aber Df. Gallus widersetzte sich diesem Verlangen. „Jenes Gesetz", sagte er, „ist eine Befriedigung und Genugthuung für die christliche Bevölkerung; Juden, die in Frankfurt nicht heirathen können, mögen auswandern." Nach langen Verhandlungen wurde das Gesetz endlich aufgehoben, so weit es geborene jüdische Bürger betraf, während fremden Juden die Verheirathung in Frankfurt noch verboten blieb. Jetzt gilt für ganz Deutschland unbedingte Freizügigkeit und Gleichberechtigung! I'empora mnlanlur.

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