Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-09-28 · Heft 40 (28.9.1875) · p. Seite 650

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 40 (28.9.1875)
Date
1875-09-28
Page
Seite 650 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227014-3227055--33870-3303701
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

650 Was hilft es, daß die trefflichsten Resolutionen zur Hebung der Sabbathfeier, zur Betheiligung der Israeliten an der Gemeindethätigkeit u. s. w. gefaßt wurden, wenn die Bereinigung selbst sich nur so geringer Verbreitung und nur so beschrankten Ei». fluffes erfreut? Der nächste Zweck der „Union" ist, ein Seminar für israelitische Lehrer und Borbeter zu errichten. Für diese sehr löbliche Aufgabe will man in allen größeren Städten Nordamerikas Collecten veranstalten. Jeuilleton. Die Tre«. Erzählung. (Fortsetzung.) Nachdem einige Zeit lang die Nachforschungen des Kriegsgerichts nutzlos geblieben, wußte es sich in erfolgreicher Weise aus der Verlegenheit zu ziehen. Es ließ das Dutzend Juden, die damals in Halle ansässig waren, zusammenholen, und erklärte ihnen, daß sie allesammt so lange im Gefängniß zurückgehalten würden, bis sie den Versteck ihres bezüchtigten Glaubensgenoffen angezeigt hätten, ja man drohte ihnen mit körperlichen Züchtigungen, wenn dies nicht binnen vierundzwanzig Stunden geschehen wäre. Die bedrängten Leute wußten recht wohl, daß die Kriegsmänner, vor denen sie stanren, nicht das geringste Bedenken trügen, ihren Ausspruch zu vollziehen. So schwer es ihnen wurde, standen sie doch nicht langer an, sich der Gewalt zu beugen, und bald befand sich unser Meir im Gewahrsam. Die Procedur des Gerichtes mit ihm war kurz; die gesammelten Notizen über seine Theilnahme an der Ueberrumpelung der Stadt wurden ihm als Anklage vorgelesen; einige derer, die, um sich möglichst rein zu waschen, die Angaben gemacht hatten, wurden mit ihm confrontirt; Leugnen hätte ihm nichts geholfen, sondern nur die Tortur eingebracht. Sein Uriheil wurde gefällt — es lautete auf den Strang. Wir wollen die Gefühle nicht schildern, welche die Seele des Unglücklichen durchwühlten, weniger bei dem Gedanken an das Verhängniß, dem er in zwei Stunden anheimfallen sollte, als an sein Weib und seine Kinder, und das traurige Geschick, das ihrer warten mußte. Und hatte es ihm seine Frau nicht vorausgesagt? hatte sie ihn nicht mit dem Schmerzensschrei des geängstigten Herzens zurückzuhalten gesucht? Hatte er sich nicht aus ihren Armen losgeriffen. als eine Fluth von Thränen stch aus ihren Augen ergoß? In solchen Momenten verlieren die Ideen, von denen der Mann in seiner Vollkraft sich beherrschen, von denen er sein Thun und Lasten bestimmen läßt, ihre Macht und ihren Glanz, und sie erscheinen wie eine Thorheit und Täuschung vor der Stimme des geliebten Weibes, das sie nicht begriffen, und als eitel und nichtig vor den Pflichten des gewöhnlichen Lebens zurückgewiesen hatte. Jetzt ftagte sich Melr selbst, was er, der einfache und verachtete Jude in den Händeln der großen Welt, in den Kämpfen der Mächtigen und Herren gewollt habe, und wo denn die Grenze gewesen, auf welcher seine Pflichten angefangen und aufgehört? ... Er versank in eine tiefe Schwermuth, er fühlte sich verlaffen und vereinsamt in einer Welt des bittersten Haffes. Er gab sich auf . . . Doch die Energie, die seinem Charakter eigen war, das Gefühl der Würde, das in seiner Familie heimisch, richtete ihn wieder auf; und als sein Gemüth erst diesen Rettungsarm ergriffen, kamen ihm die Gedanken und Gefühle zur Hilfe, welche das Judenthum gerade für die unglücklichen Lagen des Lebens in Fülle bereit hält, um Trost und Stärke dem Verzweifelnden einzuflößen. Ergebung in den Willen Gottes, in die Fügungen des Geschickes ist der mächtige Impuls, den die Religion Israels den ihr zugewandten Geistern giebt, und die sie als vie erste und wesentlichste Forderung an ihren Bekenner stellt. Des Gefangenen Seele wandte sich nach oben — Doch die Zeit seines Endes sollte noch nicht gekommen sein. Die Kerkerpforte öffnete sich, und hereinttat jener kaiserliche Officier, dem er in Barby so große Dienste geleistet hatte. Jener glückliche Handstreich hatte ihm große Beförderung gebracht und bedeutenden Einfluß verschafft. An der Spitze des kaiserlichen Heerhaufens, der Halle wiedergenommen, stehend, war ihm das Urtheil des Kriegsgerichts zur Bestätigung vorgelegt worden. War es nun ein Gefühl der Dankbarkeit für Melr, oder der Gedanke, daß er es gewesen, der diesen Mann aus seinen einfachen Verhältnissen in eine so gefährliche Laufbahn gestoßen: er beschloß, Me»r zu sehen und zu sprechen, und wenn er einen genügenden Grund finden könnte, ihn zu retten. Es war ihm bei jenem Vorgang zu sehr ausgefallen, daß Melr jede Belohnung für seinen Dienst und zwar mit Unwillen zurückgewiesen, als daß er ihn nicht für einen außergewöhnlichen Menschen hätte ansehen sollen. Er ließ sich von Meir erzählen, wie dies Alles gekommen und Merr, der seine Lage schnell übersah, gestand ihm seine Beweggründe offen ein. Die Stimme seines eigenen Gewiffens und der Drang, sich bei feinen Landsleuten vom schimpflichen Rufe eines Berräthers zu reinigen, waren seine Triebfedern gewesen. Je einfacher und wahrheitSgetteuer er sprach, desto mehr leuchtete seinem geistvollen Zuhörer'die Richtigkeit seiner Darstellung ein, und dieser war großherzig genug, um den schlichten Mann zu begreifen. Das Ende war, daß der kaiserliche Kriegshauptmann ihm die Freiheit verhieß, wenn er das von ihm ausgestellte Zeugniß zurückgäbe, weil er es zur Unwahrheit gemacht habe, und dieses Papier nicht mehr kaiserliche Anführer irrefuhren sollte. Dazu verstand sich Meir sehr gern. Der Officier ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.