Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 40 (28.9.1875)
- Date
- 1875-09-28
- Page
- Seite 646 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Kapitaler an den Säulen des Hofes von Silber sind, wett die Bestimmung dieses Raumes ist, daß hier der Mensch mit Gott in Verbindung treten, sich zum Göttlichen läutern, von Schuld befreien, zu Gott sich erheben, und dieses Höhenziel vor Augen haben soll. (Schluß folgt.) Literarischer Wochenbericht. Bonn, 6. September. Geschichte der neueren Philosophie von George Henry Lewes, erste Lieferung, Berlin, Oppenheim, 1875. — Vorlesungen über die jüdischen Philosophen des Mittelalters von llr. Moritz Eisler, Hauptschuldirector und Gymnasialreligionslehrer zu Nikolsburg, Wien, 1876, Winter. — Die Menschheit bewegt sich nur im Zickzack vorwärts, wie ein lavirendes Schiff. Was sie mit Eifer verfolgt, gereicht ihr durch das Uebermaß zum Schaden, der wiederum dadurch beseitigt werden soll, daß man sich ganz und gar auf die entgegengesetzte Seite schlägt. Und dies liegt nicht etwa durch Jahrhunderte von einander getrennt, sondern solche Gegensätze rücken in der Zeit oft sehr nahe aneinander. Es versteht sich übrigens dabei von selbst, daß jede Richtung, theils wie sie die vorhergehende corrigirt, theils wie sie sich selbstständig ausarbeitet, sich für die allein richtige, wahre, für diejenige hält, welche die Zukunft beherrscht. Die Geschichte, welche einen so großen Wechsel der Ansichten, Tendenzen und Bestrebungen bietet, bleibt bei dieser Selbstüberschätzung unbeachtet; nur wer vor oder an sich selbst ihn nachdrücklich erfahren hat, erhebt sich darüber hinweg, und erwartet es von der kommenden Zeit anders. Wer die außerordentliche Wichtigkeit kennt, welche im vorigen Jahrhundert der Erörterung metaphysischer und ästhetischer Gegenstände beigelegt ward, und wer die großartigen Schöpfungen der Philosophie bis zum Ende des dritten Jahrzehnts unsres Säculums kennt, der muß erstaunen, wie tief seitdem an sich und besonders in der Achtung der Welt die Philosophie gesunken ist. Denn wenn wir auch einen mindestens ebenso großen Niedergang auf dem Gebiete der Dichtung gewahren, so bleiben wenigstens die Classiker Gegenstand der allgemeinen Verehrung, und die ganze gebildete Welt pilgert zu ihnen wie zu den ewig sprudelnden Quellen des Schönen, Erhabenen und Edlen. Der Philosophie und den Philosophen geht es anders. Der Ursachen zu dieser Erscheinung sind mehrere vorhanden. Aber die Hauptverschulvung liegt darin, daß einerseits die Philosophie zum Pessimismus ausgeartet ist, sie andererseits sich, wie im Mittelalter zur Magd der Theologie, so gegenwärtig zur Magd der Naturwissenschaft gemacht hat. Was sollen die Menschen mir einer Philosophie, welche nichts weiter vermag, als alle Misere des Lebens zu Begriff und System zu machen und den letzten Funken einer höheren Flanime möglichst zu ersticken, den letzten Aufschwung zum Idealen möglichst zu lähmen? Und bietet sie sich dann zum Dienste her, um Reihen von naturwiffenschaftlichen Beobachtungen, die allseits lückenhaft, in der Gesammtheit sich widersprechen, in den Grundlagen einseitig sind, den Mantel der Abgeschloffenheit und der Abstraction zu verleihen, das als einen geschloffenen Ring erscheinen zu laffen, was aus einzelnen Gliedern und Bruchstücken besteht, so kann sie aus eine höhere Achtung nicht rechnen. Aber ebenso gewiß ist es, daß dieser Standpunkt der Philosophie von großem Nachtheil und ein sehr fühlbarer Verlust ist. Die Menschheit kann keinen einzigen ihrer großen 'Gesichtspunkte entbehren. So mangelhaft alles Wiffen und Verständniß ohne die Unterlage der Geschichte ist, so voll Irrungen die menschliche Geisteswelt ohne die umfaffenbe naturwissenschaftliche Forschung war: ebenso unvollständig, einseitig und mit der Zeit zusammenschrumpfend wäre die menschliche Erkenntniß ohne philosophische Anschauung, die schließlich doch nur aus einer höheren Systematisirung hervorgehen kann. Was man auch sagen mag. ^die Philosophie war und bleibt die große Schule des menschlichen Denkens, die Ausbilvungsstätte der Berstandesthätigkeit, die zu ihrer gegenwärtigen Obherrschast ohne jene und ihre angestrengte Geistesübung nicht hatte gelangen können. Andererseits, wenn es wahr ist, daß auch die Philosophie zu einer sichern Beantwortung der großen menschengeschlechtlichen Fragen nicht zu kommen vermag, so erhält sie doch diese Fragen hoch im Bewußtsein der Menschen, stellt sie immer von Neuem in ihrem höchsten Werthe aus und läßt sie nicht vom Secirmeffer, der Retorte und dem Teleskop erdrücken. Wir halten daher es für sehr geboten, die Aufmerksamkeit des höhergebildeten Publikums wieder auf die Philosophie zu lenken, und ihm die Wege zu ebnen, die zu ihren Höhen führen. Dies kann aber zunächst nur durch die Geschichte der Philosophie geschehen, und zwar durch eine populäre. Wir wissen sehr wohl, daß eine populäre Geschichte der Philosophie eine sehr zweideutige Gabe ist. Denn sie kann die Erscheinungen nur von der Oberfläche schöpfen, und soll sie doch scharf und charakteristisch zeichnen. Da kann es auch nicht an vielfachen Irrungen fehlen, an irrigen, vor- und fehlgegriffenen Darstellungen, an sehr subjectivem Er- und Bemessen, und es verfällt sehr leicht der Autor in Seichtigkeit. Andererseits ist ein lebhafter und stylvoller Ausdruck erforderlich, der die Leser anziehen soll. Denn es ist ein grober Jrrthum, daß ein solcher nur mit Oberflächlichkeit verbunden sei, ebenso wie ein schwerfälliger und nüchterner Styl durchaus keine Bürgschaft für das richtige und tiefe Verständniß bietet. Wir haben hier nun die erste Lieferung einer populären Geschichte der neueren Philosophie vorliegen. Lewes, rer berühmte Biograph Göthe's — der, nebenbei bemerkt, auch Treffliches über die Seethiere an der englischen Küste geschrieben — hat eine „Geschichte der Philosophie von Thales bis Coutte" verfaßt, deren erster Theil „die Geschichte der alten Philosophie" uns noch nicht in Händen war. Das erste Heft behandelt „die Periode des Uebergangs", und zwar im ersten Capitel „die