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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-09-28 · Heft 40 (28.9.1875) · p. Seite 643

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 40 (28.9.1875)
Date
1875-09-28
Page
Seite 643 (sequence 3)
Language
German
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643 haben, während doch das Capital, d. i. das baare Geld gegenüber dem Grundbesitz und der unermeßlichen Fülle von Werthgegenständen nur eine geringe Bedeutung hat. Die ganze Industrie aber, der Grundbesitz und die Fülle der Werthgegenstände sind nicht im Besitz der Juden, wenigstens nur zu einem verschwindenden Bruchtheil. — Die Juden sollen die ganze öffentliche Meinung beherrschen und zurechtmachen, weil einige wenige Blätter Juden zu Redacteuren, unv eine größere Zahl Journale Juden zu Correspondenten haben. Man braucht in der Thar die größte Menge von Zeitschriften nur aufzuschlagen unv ihre Aeußerungen über die Juden zu lesen, um vom Gegenrheil überzeugt zu werden. Unter dem allgemeinen Geschrei gegen die Juden von Seiten der Pietisten, Ultramontanen und Reactionäre, wie lau und schwach ist selbst in den liberalen Blättern ihre Vettheidigung, wie erhebt man sich kaum gegen die nichtsnutzigen Sophismen, gegen die Lügenhaftigkeit der Argumente, gegen die Unrichtigkeit der zu Grunde liegenden Ansichten! Einen kraftigern Beweis von der geringen Einwirkung der Juden aus die Tagespreffe kann man gar nicht führen. — Die Juden sollen die Gewerbefreiheil und die Handelsfreiheit herbeigesührt haben, um sie desto bester ausbeuten zu können. Und doch hatten die Juden auch nicht den entferntesten Antheil weder an der Nacht des 4. August 1789, noch an der preußischen Gesetzgebung von 1808, noch an der sg. national-ökonomischen Manchesterpartei— Noch mehr. Auch die ganze Gesetzgebung und die Politik der Staaten soll von den Juden gemacht werden. Weil in den Parlamenten einige wenige Juden sitzen, unter denen hier und da der eine und der andere sich durch Rednergabe und Sachkenntniß hervorthut, weil hier und da, allerdings noch sehr selten, ein Jure unter den Rächen der Krone oder diesen nahe sich befindet, sollen Regierungen und Parlamente ihre Richtung im Ganzen und ihre Gesetze im Einzelnen von den Juden empfangen! Etwas Ungeheuerlicheres ist wohl noch nicht erdacht worden, und verräth, daß man keine Ahnung davon hat, wie Gesetzgebung und Politik aus der ganzen geschichtlichen Entwickelung, aus den Bedürfnisten, Geistesrichtungen und Leidenschaften der Völker herauswachsen! — Aber wir sind gar nicht ausgegangen, die einfältigen und trügerischen Behauptungen der Judenfrester zu widerlegen und wollten nur im Vorübergehen die Thorheit und Unwahrheit derselben, und wie leicht sie zu widerlegen sind, charakterisiren. Unser Zweck ist vielmehr, die seltsame und ungeheuerliche Erscheinung hervorzuheben, daß man überhaupt der Hand voll Juden den großen europäischen Nationen gegenüber einen dominirenden Einfluß zuzuschreiben wagt, und richtig zahllose stumpfe Geister glauben macht. Welche erbärmliche Rolle läßt man die größten und edelsten Nationen spielen, welche Ohnmacht und Geistesverkommenheil theilt man ihnen zu! In Deutschland, wo kaum der 80fte, in Frankreich und Italien, wo jetzt kaum der l OOOste, in Großbritannien, wo kaum der 1200ste Mensch ein Jude ist, soll Alles, Gesetzgebung, Presse, Capital, Industrie, öffentliche Meinung, ja sogar der Culturkampf gegen die ultramontane Hierarchie von Len Juden herrühren und beherrscht werden! Die anderthalbtausendjährige Geistesarbeit aller civilisirten Völker soll von den Juden, die erst seit 50 Jahren aus ihren Ghetti gekommen und in europäischen Sprächen lesen und schreiben gelernt, durchdrungen, modificirt, unterworfen worden sein! Wir glauben nicht, daß eine ähnliche nichtsnutzige Spiegelfechterei jemals in der Geschichte vorgekommen ist. Unsre Enkel werden darüber lachen, und dann sich verwundern, wie dies in einer Zeit möglich gewesen, wo doch so große Werke vollbracht, so große Schöpfungen ausgesührt worden! Arber die gegenwärtige Situation. Vom Rhein, 20. September 187.',. Geehrter Herr Redacteur! Selbst dem ruhigen und von der politischen Schaubühne weit entfernten Beobachter muß die Einstimmigkeit und Heftigkeit auffallen, mit der jetzt die feudalen und die ultramontanen Blätter zugleich den Kampf gegen Juden und Judenthum eröffnet haben. Freilich sind wir Juden diese Feindseligkeit der christlichen Orthodoxie gewöhnt, wir Juden, welche seit Jahrtausenden durch unsere bloße Existenz die Mähr von der alles bezwingenden Macht der christlichen Kirche Lügen strafen, die deshalb von den „Frommen" unerbittlich verfolgt worden sind, und deren Befreiung und kräftige Entfaltung, auf fast allen Lebensgebieten das unwidersprechliche Zeichen für die herbe Niederlage der kirchlichen Fanatiker in der Jetztzeit ist. Aber die Consequenz, die Übereinstimmung, die Hartnäckigkeit und der leidenschaftliche Grimm, mit welchen die Rückschrittsmanner aller Farben und Länder gerade jetzt den umfassenden Feldzug gegen die Juden führen, reuten offenbar aus einen gemeinsamen Plan, auf eine tiefer liegende Absicht hin, die zu verrathen man sich freilich wohl hütet. Die Haltung der Israeliten in dem gegenwärtigen kirchenpolitischen Kampfe kann nicht der Grund für jenes Verfahren sein. Die Römlinge und Pietisten mußten von vornherein sicher sein, die Juden auf der entgegengesetzten Seite zu finden. Haben die letzter» ja immer in ihrer ungeheuren Mehrheit der liberalen Pariei angehört, unv zumal müßte der Jude offenbar wahnsinnig oder ein Berräther sein, der für die auSschließungs- und verfolgungslüsternen kirchlichen Dunkelmänner sich erklären wollte, für Menschen, die ihr Genüge nur in der Ausrottung oder doch sklavischen Entwürdigung Andersgläubiger finden. Aber sonst haben gerade in diesem Streite die Juden sich würdig unv zurückhaltend benommen. Sie sind nicht in die Reihen der Vorkämpfer in Wort oder Schrift getreten. Fast an keiner der zahlreichen! kirchenpolitischen Debatten in Abgeordnetenhaus und Reichstag 40*

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