Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 40 (28.9.1875)
- Date
- 1875-09-28
- Page
- Seite 642 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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642 darum weißt Du, daß Dein Geist über dieses Leben hinaus da ist, und die Lehre Deines Gottes und die Lehre von Deinem Gotte ruft es Dir zu. So mußt Du weiter blicken, über die Grenzen der Erde hinaus, über ihre Werke und Güter, und wohl erwägen, daß dies Alles nur Mittel ist zu dem höheren, zu dem wahren Zweck Deines Daseins. Du weißt, daß Deine Seele unsterblich ist, „eine Leuchte, die der Ewige gezündet", und die er durch alle Prüfungen des Geschickes „zum Lichte des Lebens erzieht". Du kannst es zwar nicht wahruehmen mit Deinem leiblichen Sinn, und führst Du Folgerungen des Verstandes als Beweise dafür an, so vermögen Andere Dir nachzuweisen, daß Deine Schlüffe nur auf Voraussetzungen beruhen. Gegenbeweise kann man Dir auch nicht liefern, aber was als Ueberzeugung Deinem Geiste sich aufdrängt, abschwächen. Darum eben blicke weiter, über die Grenzen des mathematisch und physikalisch zu erkennenden und zu beweisenden, hinaus zu dem, was aus der Tiefe Deines Jchs sich erhebt, was Dein innerstes Wesen Dir vorstellt, was die Weisheit der Vorzeit, geläutert von den Schlacken, welche im Laufe der Zeit und in Perioden der Dunkelheit sich eingemischt, Dir zeiget, die Geistesarbeit der Menschheit bestätigt und Du klar und unzweideutig gewahrest, wenn Du mit Hellem Blick in die Welt Gottes schauest, in der Natur, wie in der Geschichte. Da schauest Du Gott, Geist, Unsterblichkeit — und für diese sollst Du leben! Eine seltsame Erscheinung. Zukünftigen Geschlechtern, soweit sie davon Notiz nehmen werden, was allerdings noch ftaglich ist, wird es sonderbar Vorkommen, wenn sie die vielen, jetzt wieder einmal gegen die Juden geschleuderten Vorwürfe und Anklagen lesen. Worauf gründen sich riese nämlich allesammt? daß man den Juden einen Einfluß, eine Macht, ja eine Herrschaft zuschreibt, die bei näherer Beleuchtung übermäßig, abenteuerlich, ungeheuerlich erscheint! Und wohlgemerkr, sie sollen diese Machtstellung einnehmen nicht etwa in einem Lande, einem Staate, sondern überall, nicht allein da, wo ihre Anzahl verhältnißmäßig groß, sondern auch wo sie gering, ja verschwindend in der Maffe des Volkes ist, vielleicht sogar da, wo ihrer gar keine vorhanden, wie in Spanien, Norwegen, Tyrol und im Innern Rußlands. Doch nein! Es ist eben nur das alte Europa, wo man die Klage über die gewaltige Einwirkung der Juden erhebt. In Nordamerika, wo jetzt verhältnißmäßig so viele Juden wie in Deutschland leben, nämlich unter 30 Millionen nicht ganz 400,000, wie in Deutschland unter 40 Millionen eine halbe, weiß man von dieser jüdischen Herrschaft kein Wort — denn das kleine ultramontane Blättchen, welches seinen Gevattern in der alten Welt nachschwätzt, ist nicht zu rechnen. Dort, wo man sich an die realen Verhältnisse hält, wo man nicht Schatten und Dunstgebilden nachjagt, die ihren Ursprung nur in bitterm Haffe und unüberwindlichen Borurtheilen haben, würde man sich lächerlich machen, einen solchen Aberglauben auszusprechen; ja, man hielte es unter aller Manneswürde, sich selbst, die ganze Nation so herabzusetzen, vor einer Hand voll Menschen sich zu fürchten, und sich als von ihnen beherrscht und unterworfen Larzustellen! In Europa weiß man von dieser Klarsicht und Selbstachtung nichts, sondern läßt sich einen Götzen aufschwindeln, welchem man eine unerhörte Suprematie zuschreibt. Die Juden sollen die europäischen Nationen und Staaten entchri st licht haben — d. h. also die Kirche ihrer 1600-jährigen Obherrschaft beraubt, die christliche Weltanschauung und Ueberzeugung aus den Geistern verdrängt, die Institutionen der Staaten so völlig umgestaltet haben, daß sie des christlichen Charakters entbehren. Und diese ungeheure That sollen einige jüdische Journalisten und Belletristiker vollbracht haben. Zwar Voltaire, Rousseau, Diderot, die Encyklopädisten, Reimarus, David Strauß, Rsnan und die ganze Reihe antichristlicher Autoren von Bedeutung waren weder Juden noch Judenfreunde, noch Judengenoffen. Was wiegen diese aber und eie gesummte wissenschaftliche Kritik, die Naturforscher, die Philosophen, was wiegen diese gegen Börne und Heine, die einzigen und dabei getauften jüdischen Schriftsteller, die man anzusühren weiß, und einige anonyme Zeitungsschreiber! Aber wie im Reiche des Geistes, so auch auf dem materiellen Gebiete. Die Juden haben dem Capital die Herrschaft über die Arbeit verschafft, haben jenes in ihre Hände gebracht, und sich so die Gewalt über die Arbeit angeeignet. Wie lächerlich, und doch von tausend Zungen wiederholt! Daß der gegenwärtige Zustand, das Verhältniß zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aus der ganzen 'bisherigen Entwickelung der menschlichen Gesellschaft, zunächst aus dem Sklaventhume, der Leibeigenschaft und der Ungleichheit der Besitzverhältnisse herausgewachsen, Dingen, an denen die Juden gänzlich schuldlos, an denen sie weder etwas schaffen noch ändern konnten, will man nicht wissen; daß die gesammte Industrie sich so, wie sie ist, durch mannigfache Factoren, durch die Entdeckungen der Wissenschaft, durch die außerordentlich gewachsene Communication aller Erdtheile und den Austausch der Producte aller Nationen, durch die gesteigerten Lebensbedürfnisse und die wachsende Verfeinerung gestaltet hat, will man nicht beachten. Daß die Industrie zu ihrem Material und Aufschwung des Capitals bedarf, aber dieses Capital ebenso ohnmächtig ohne die Industrie ist, ja, daß die Industrie erst die große Vermehrung des Capitals durch enorme Vermehrung der Werthe schafft; daß nicht das Capital die Ueberproduction seitens ver Industrie hervorgerusen, sondern erst diese den Schwindel mit dem Capital herbeigeführt hat, alle diese einfachen Wahrheiten läßt man nicht gelten. Weil es unter den zahllosen Reichen eine Anzahl reicher Juden giebt, sollen die Juden alle Reichthümer in ihrem Besitz