Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 40 (28.9.1875)
- Date
- 1875-09-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung -es Tudenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Jntereffe. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 viS l'j, Bogen. Preis SHertdiä&rift 3 Mark. Inserate werde» mit 2V Pf. für die Petitzeile oder deren Nkaum berechnet. LN« Buchbaadlangen. Postämter und a*;**™—* - — l nehmen HerauSgegeben von Rabbiner vr. Lu-wig Philippen in Bonn. Verlag von Baumgartners Buchhaudlung in Leipzig. An «dactioaellen Tnoelegenheilen wende man stch an vr. i. Philippso« in Bonn; hinsichtlich deS Bezug« und der Inserate an Sa»»gLrt»er', Sechdaudlnuy inLcipzig. Inserate, welche bi« vonarr«- --:—^ent finde» in der tarauf folgen» Beilagen werden mit 1 Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. 38. Jahrgang. Leipzig, den 28. September 1875. JW 40. 3ntmlt. Leitende Artikel: Blicke weiter'. — Eine seltsame Erscheinung. — Ueber die gegenwärtige Situation. — Die Svmbolik des mosaischen Heiligthums. VIII. — Literarischer 33ochenbericht: Bonn. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. Köln. Düsseldorf, Geldern (Niederrhein), Groß-Strehlitz (Schlesien), Potsdam, Aus der Provinz Posen. — Frankreich: Paris. — Persien: Bagdad. — Afrika: Vom Cap der guten Hoffnung. — Amerika: Buffalo. — Feuilleton: Die Treue. (Erzählung). «Fortsetzung). — Entgegnung. — Vermischtes. J3eiteiu)e (ftxti&ef. Bonn, 22. September. Sticke weiter! Der Mensch, jedes Individuum, denkt und handelt, als ob er für immer auf dieser Erde weile. Einen Tag noch vor seinem Tode entwirft er Plane oder spinnt solche weiter, arbeitet an ihrer Verwirklichung, hegt Hoffnungen, und empfindet bitter Täuschungen, die ihn treffen. Wenn auch der Greis in der Legende, der junge Baume pflanzt, antwortet, daß er es für die Enkel thue: so lebte sicherlich in seiner Seele noch die Hoffnung, von den Früchten noch selbst zu genießen. Die Zahl der Jahre unsres Daseins auf Erden ist unbestimmt, unv darum denkt sie sich ein Jeder immer erweitert über das Maß, das er schon erreicht hat. Nicht minder ist es dem Menschen eigenthümlich, daß ihn unbewußt der Dünkel beherrscht, Alles erforschen, begreifen, erklären und wiffen zu können. Da er in der Thal die Grenzen seiner Erkenntniß, wenigstens thatsächlich nicht kennt, halt er es für seine Domäne nichts zuzugestehen, was ihm nicht vollständig er- und bewiesen ist, und daß das nicht sei, was er nicht mit Argumenten belegen könne. So winzig klein das Stück des Universums ist, das er überschaut, so will er nicht blcs das ganze Universum kennen, sondern auch dessen Wesen, Ursprung, Entwickelung und die gesammten Gesetze, nach welchen es besieht. Er wartet kaum ab, daß er den Anfang eines unendlichen Fadens ergriffen hat, um zu wahnen, daß er die ganze Länge desselben unv seine ganze Natur begriffen habe. Obschon er sich sagen muß, daß er nur die Oberfläche und Außenseite eines Gegenstandes zu erfaffen vermöge, meint er doch in dessen Wesen eingedrungen zu sein und es zu verstehen, und zu erklären. In diesen beiden Erscheinungen liegt eine große Wohlthat für den Menschen, ja er kann ihrer gar nicht entbehren. Würde der Mensch das Ende seines Erdendaseins kennen oder würde er dieses gemäß seiner täglichen Erlebniffen immerfort und bestimmend vor Augen haben, so würde seine Thatkraft erlahmen und aller Anstoß zum Schaffen und Arbeiten sich überaus vermindern. Würde ihm stets klar vorschweben, wie beschränkend die Grenzen gezogen sind für seine Erkenntniß, und wie tausendfachen Irrungen seine Wahrnehmungen und Schlußfolgerungen unterworfen sind: die Hand des Forschers würde niedersinken, sein Eifer erkalten, und düstere Schwermuth statt des fteudigen Sttebens den Jüngling wie den Greis beherrschen. Aber um so auftichtiger erwäge den Ruf: Blicke weiter! Sind wir an die Werke und Güter der Erde durch unsre Natur gebunden, vom Schöpfer selbst darauf angewiesen, liegt in ihnen die tteue Erfüllung der Pflicht und die Thätigkeit des Geistes, die zum Odem unsres Lebens gehött: so muffen wir doch darüber Hinausblicken, da sie doch, etwas früher, etwas später für uns enden, wir von ihnen scheiden, als ob sie niemals zu uns gehört. Und doch weißt Du — wie zweifelhaft sie es Dir auch machen wollen — daß Dein Erdendasein nur, mit dem Erzvater zu sprechen, Tage des Aufenthalts, der Pilgerschaft ist: denn Dein Ich begreift es gar nicht, daß Du einmal wieder nicht seiest;