Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 39 (21.9.1875)
- Date
- 1875-09-21
- Page
- Seite 634 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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634 Der Morgen grauete eben, als Bock mit seiner ganzen Schaar auf die Burg losstürmte. Die Burg lag im völligen Schweigen da, und nichts verrieth, daß die Besatzung hinter diesen hohen und festen Mauern auf den Beinen sei. Bock schwang sich vom Pferde, ergriff eine bereirgehaltene schwere Axt, winkle einigen der verwegensten seiner Genoffen, kletterte über Len Graben, der zufällig bei dem niedrigen Wafferstande der Saale fast wafferlos war, und zerhieb mit wuchtigen Schlägen die Ketten der Zugbrücke, die raffelnd herniederfuhr. Er fühlte sich sicher am Fuße der hohen Mauer, und er und seine Gefährten hieben mit ihren Aexten auf daS eisenbeschlagene Thor, ohne jedoch große Wirkung an ihm hervorzubringen. Ungeduldig wie er war, befahl der Obrist einigen feiner Leute auf das Thor zu schießen, um vielleicht hierdurch einige Riffe und Spalren hervorzubringen. Da geschah es, daß eine Musketenkugel vom Eisenblech des Thores zurückprallte und dem Obristen so unglücklich in die Stirn fuhr, daß er leblos niederstürzte. In demselben Augenblicke wurde aus den beiden runden Thürmen, welche die Brücke flankirten, eine starke Gewehrsalve auf die Truppe diesseits des Grabens gefeuert, welche mehrere Soldaten niederstreckte- Die ganze Schaar wich jammernd zurück, um in den nächsten Straßen Deckung zu suchen. So war das Unternehmen aus die Burg gescheitert. An Stelle des gefallenen Obristen, dessen Leiche seine Stammesgenoffen mit lautem Wehklagen nach dem Hause seiner Verwandten trugen, übernahm der Hauptmann Wanke den Befehl über die Truppen des Administrators. Er ließ sofort rings um die Burg Verschanzungen aufwerfen, um die Besatzung von jedem Ausfall zurückzuhalten und einen regelmäßigen Angriff der Burg zu ermöglichen. Unterdeß hatte die Begierde von dem Unternehmen unmittelbar Kenntniß zu erhalten und bei demselben einzugreifen, den Administrator, Markgrafen Christian Wilhelm, von Magdeburg nach Ouerfurr eilen laffen, und kaum hatte er Kunde von der glücklichen Einnahme der Stadt erhalten, als er die übrigen zwei Corporalschaften seiner Söldner, hundert Reiter und die fünf Geschütze nach Halle führte. Große Freude herrschte daselbst. Die Bürgerschaft brachte ihm die wärmsten Huldigungen entgegen, die mit einem beträchtlichen Geldgeschenk und reichlichen Borräthen für die Truppen verbunden waren. Sofort wurden die Geschütze gegen die Burg aufgepflanzt, und donnerten sie mehrere Tage ununterbrochen auf sie los. Waren nun die Bollwerke und Mauern zu stark, oder die Geschütze zu leicht: es wurde mit aller Anstrengung dennoch nur eine kaum bemerkliche Bresche geschoffen. Trotzdem führte Wanke wiederholt seine Schaaren zum Sturm, und kämpften diese mit großer Tapferkeit. Doch der Sturm wurde jedesmal abgeschlagen und kostete den Belagerern viele Opfer. Man bewarf die Burg mit glühenden Kugeln, die auch eine starke Feuersbrunst in der Burg verursachten. Aber auch da behielt die Besatzung ihre Besonnenheit, warf den stürmenden Feind zurück, und löschte dann den Brand, der einen großen Theil der inneren Gebäude verzehrt hatte. Zum Unglück hatte sich die Nachricht von der Einnahme Halles durch die Truppen des Administrators schnell weithin verbreitet. In Leipzig, um welches gerade starke Heerhaufen versammelt waren, faßten die Anführer der kaiserlichen und kursächsischen Truppen, die Wichtigkeit der Moritzburg begreifend, den Entschluß, der bedrängten Veste zu Hilfe zu kommen. Eine starke Abtheilung der Kaiserlichen, sowie der Kursächsischen setzte sich eiligst in Marsch. Kaum waren sie vor den Thoren von Halle angelangt, als der Administrator, der ebenso schnell von Uebermuth zur Verzagtheit herabsank, wie ihn die Beweglichlichkeit seines Geistes zum Gegentheil verleitete, feine Sache für verloren hielt, und Kopf über, mir Zurücklassung der Geschütze aus der Stadt entwich. Die Feinde jagten ihm nach und zerstreuten den Rest seiner Truppen nach allen Weltgegenden. Der Markgraf selbst entkam mit großer Mühe. Dieser unglückliche Ausgang des so günstig begonnenen Unternehmens kam so schnell, daß die Stadt völlig uberrrascht wurde. Kaum wußte man in dem einen Theile, was im andern vorgegangen. Die beiden Verbündeten schloffen und besetzten alle Thore und ließen Niemanden hinaus. Ein schweres Strafgericht zum abschreckenden Beispiel sollte über die gesammte Bürgerschaft und über alle Einzelnen, die sich an dem Unternehmen des Administrators betheiligt hatten, ergehen. Ein Kriegsgericht aus den kaiserlichen und den kursächsischen Truppen wurde zusammengesetzt, und begann die sorgfältigste Untersuchung. Auch Matr war noch in der Stadt überrascht worden, und fand jeden Ausweg versperrt, jede Flucht unmöglich. Er verbarg sich bei einem ihm sehr befreundeten Glaubensgenoffen, der in einer unscheinbaren Hütte in einer der engsten und entlegensten Gäßchen wohnte. Hier harrte er ängstlich seines Schicksals; denn es konnte nicht ausbleiben, daß die Untersuchung auf ihn, als den Vermittler zwischen dem Administrator und den Halloren führen mußte, und daß man ihn mit möglichster Sorgfalt aufsuchen würde. (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. In einem ihrer Leitartikel „Zur Judenfrage", welche nicht den Juden, sondern nur der „Germania" zur Schmach gereichen (Nr. 203), laßt dieses Blatt von einem „Pfarrer" eine Schrift „von Philippson über den Ezechiel" citiren, in welcher „der Autor klar dargethan, wie für Israel die Stunde der Erlösung geschlagen, wie der Herr nicht ferner seinem Knechte zürnen wolle, wie ja auch fattisch in Oesterreich schon die Emancipation der Juden vollendet sei, wie sie zu den bürgerlichen Aemtern gelangen könnten, und wie dieses „Reich der Erlösung" sich von nun an über alle Staaten verbreiten würde."