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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-09-21 · Heft 39 (21.9.1875) · p. Seite 633

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 39 (21.9.1875)
Date
1875-09-21
Page
Seite 633 (sequence 11)
Language
German
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633 diesen ehrgeizigen und habgierigen Männern gar nicht darauf ankommt, Rumänien in den Abgrund zu stürzen, wenn sie sich dadurch nur zu Macht und Reichthum aufschwingen können. Il e u i l Die Treue. Erzählung. (Fortsetzung.) Meir fand bei den Vorstehern der Halloren und deren Oberhaupt, dem Salzgrafen, die beste Aufnahme. Die ganze Bürgerschaft Halles war über das Betragen der Kaiserlichen empört. Nicht allein, daß man die Stadt mit Contributionen und Lasten aller Art überbürdete, daß die Soldaten die Bürger mißhandelten und fast ausplünderten: vor Allem waren die Herzen in ihrem treu evangelischen Sinne auf's Tiefste dadurch verletzt, daß man die Kirchen dem katholischen Cultus zurückgegeben und den evangelischen auf das kleinste Maß beschränkt hatte, immer mit der Aussicht, ihn bald gänzlich aus den Ringmauern Halles zu verbannen. Sich von diesem Joche wieder befreit zu sehen, erhitzte die Gemüther und machte sie zu allen Wagnissen bereit. Die Versammlung der Führer dieses unverdorbenen, kräftigen Völkchens steigerte sich daher bald zu einem fröhlichen Gelage. „Jude," rief man Me>r zu, „da Du einen so wackeren Antheil an unseren Handeln und an unserer Befreiung nimmst, so darfst Du auch nicht mehr anstehen, Speise und Trank mit uns zu theilen, und thust Du das, so sollet Ihr Juden in Zukunft in unserer guten Stadt Halle willkommen sein und aufs Beste behandelt werden!" Mett nahm eine freundliche, aber feste und einigermaßen abwehrende Haltung an, was er bei all seiner Beweglichkeit und Zuvorkommenheit wohl verstand, und sprach: „Was die Herren da in guter Stunde verheißen, das werden sie auch, deß bin ich sicher, in Zukunft halten. Aber sie versprechen es, weil sie gewahren, daß auch wir Juden Treue und Hingebung für die gute Sache unseres Landes üben und das Wohl desselben mit unserem Herzblut erkaufen mögen. Dann aber ist Jedermann berufen, die Religion, in der ihn Gott geboren werden ließ, festzuhalten und zu vertheidigen, nicht aber sie willkürlich und nach den Zeitkäufen zu verändern und ihr Gebot außer Acht zu lassen. Da kann es auch nicht darauf ankommen, ob ich einen Mund voll von Eurer Speise genieße oder nicht, sondern auf Thaten und Handlungen, welche die Ergebenheit und Vaterlandsliebe erweisen. Sehet doch, Ihr und die Kaiserlichen könnet Euch jeden Augenblick an gemeinsamer Tafel zusammen niederlassen — und doch bekämpfet Ihr Euch auf Leben und Tod!" Die Männer schüttelten den Kops, wußten aber nichts zu erwidern. Man verabredete Alles, was zum Gelingen des Unter- Wir Juden konnten freilich daraus nichts Neues erfahren; man hat uns längst die Einsicht, w o wir unsre eigentlichen Feinde zu suchen haben, mit blutiger Schrift ausgezeichnet. l e t o n. nehmens nothwendig erschien, und Mett ging hierbei bis in'S Einzelnste mit fo vieler Umsicht und Genauigkeit zu Werke, daß die Männer, die in ihrer Unbefangenheit glaubten, daß es nur des Zuschlagens zur rechten Stunde bedürfe, sich sehr darüber verwunderten. Dagegen lächelten sie über die Befürchtung Mett's, daß das Geheimniß verrathen werden könnte: in ihrem Stamme gäbe es keinen Verräther! In der folgenden Nacht, genau um die Mitternachtstunde, eilte eine Schaar mit eisenbeschlagenen Stöcken bewaffneter Halloren nach der Saalpforte, und schlugen alsbald die wenigen Wächter an derselben, die sich keines Feindes versahen, nieder. Die Pforte wurde gesprengt, und herein drang der Obrist Bock mit seinen Bewaffneten. Kaum konnten die Halloren verhindert werden in lauten Jubelruf auszubrechen bei dem Anblick ihres Stammesgenoffen, der es in wenigen Jahren in seinem Range so weit gebracht, und jetzt der Befreier seiner Vaterstadt werden sollte. Doch Bock beschwichtigte sie, und ließ ihnen keine Zeit. Sofort drang er nach dem Marktplätze, um die Wache am rochen Thurme, der in der Mitte des Marktes stand, zu überrumpeln. Die Wache von dem herannahenden Tumulte aufmerksam gemacht, leistete einigen Widerstand, wurde aber von der Uebermacht gezwungen, sich zu ergeben. Unter der Leitung von Bürgern sandte nun der Obrist eine Anzahl seiner Soldaten nach den verschiedenen Theilen der Stadt ab, wo noch Kaiserliche im Ouartier lagen, um sie zu Gefangenen zu machen oder sie niederzuhauen. Alles ging glücklich von statten, aber es vergingen doch einige Stunden, bevor seine Leute sich wieder sämmtlich bei dem Obristen gesammelt hatten, und es konnte nicht verhindert werden, daß sich der ganzen Bürgerschaft eine freudige Unruhe bemächtigte, als sie ihre Stadt vom Feinde gereinigt sahen. Dies Alles war nicht nach dem Sinne Meir's, der gewollt hatte, daß man ohne Aufschub von der Saalpforte gegen die ganz nahe liegende Mcritzburg losbrechen sollte. Doch der hochfahrende Nicolaus Bock ließ sich, sobald er das Schwert gezogen, nichts dreinreden, noch dazu von einem verachteten Juden, der nie eine Muskete getragen oder einen Säbel geschwungen. Es hatte daher nicht ausbleiben können, daß die Besatzung der Burg von dem Vorgänge in der Stadt einige Kenntniß erhielt, und deren Commandant die möglichsten Vorkehrungen traf. Da er sich selbst mit seinen zuverlässigsten Männern an das von der Stadt her bedrohte Thor der Burg begab, war auch das Einverständniß vereitelt, welches zwischen den Halloren und einigen aus der Besatzung bestand. 39*

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