Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 39 (21.9.1875)
- Date
- 1875-09-21
- Page
- Seite 635 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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635 Alles dies ist von dem Herrn „Pfarrer" erlogen, und dieses harte Wort sind wir zu gebrauchen berechtigt, da er weiterhin das Buch in Händen gehabt zu haben behauptet. Wir haben niemals eine besondere Schrift über den Propheten Ezechiel veröffentlicht, und haben nirgens derartige Gedanken und in solchem Gewände ausgesprochen. ES ist nickt unsre Art, biblische und besonders prophetische Worte heuchlerisch auf profane Gegenstände anzuwenden. Wir überlasten dies der „Germania" und ihrer Rotte. Notizen über Palästina und Syrien aus Bädecker. (Fortsetzung.) D a m a s c u s ist mit der früheren Geschichte Israels mehrfach verknüpft; aus dem Dunkel der Vergesienheit trat es für uns im Jahre 1840, wo die berüchtigte Blutbeschuldigung zum ersten Male im Oriente von derartigen Christen unter französischem Schutze angezettelt wurde. Besonders in Damascus ist der arabische und der christliche Fanatismus sehr stark und hat schon wiederholt zu den scheußlichsten Exceffen gegen die christlche Bevölkerung geführt, woran selbstverständlich die Juden keinen Antheil hatten, sondern vielen Christen Schutz und Beistand gewährten. Die Stadt zerfällt in verschiedene Quartiere; das jüdische Quartier liegt bei der „geraden Straße" (die Derb el-Mustakim" heißt), und zwar im südöstlichen Theil der Stadt. Nördlich davon dehnt sich das große Christenviertel aus; die übrigen Quartiere sind muslemisch. Jedes Quartier ist in mehrere Viertel getheilt. und jedes dieser des Nachts mit einem Thore verschlossen. Die Juden sind in Damascus meistens ■ von alter Zeit her angesessen, und nicht neuerdings eingewandert wie die in Palästina; sie halten sich zu den Sephardim und haben 10 Synagogen. Ihre Schule ist von der Alliance isracl. gestiftet. Im Jahre 1840 schätzte man die Zahl der Einwohner auf 111,552, worunter 5000 Juden und 11,000 Christen. Die Stadt wird durch einen Magistrat verwaltet, in welchem auch einige Juden und Christen sitzen. — In den einzelnen syrischen Städten leben nur wenige Juden zerstreut. So in Tripolis unter 24,000 Einwohnern nur 60 Juden mit einer Synagoge. — Turaner oder Semiten? Abermals neigt eine Hypothese, die lange Zeit bei den Assyrologen in Geltung stand, ihr welkes Haupt in den Staub, die Behauptung nämlich, daß die assyrische Cultur und Kunst von einem turanischen Urvolke herrühre, welches durch Semiten verdrängt worden. Halövy hat im .lournal asiatique in einer gründlichen und ausführlichen Abhandlung nachgewiesen, daß gar keine Beweise dafür, aber sehr schwerwiegende dagegen vorhanden sind. Daß z. B. keine einzige Spur eines turanischen Stammes in den Ortsnamen zu finden ist, und daß die sg. akademische Schrift nichts als eine iviographische derselben Sprache ist. Alles dies wird durch die umfänglichen Funde des Engländers George Smith, die dieser von seinen jüngsten Expeditionen 187:; und 1574 z. B. über 3000 Inschriften mitgebracht hat. nachdrücklich bestätigt. iS. Assyrian Discovcries: an Account of Exploration* and Discovcries on Ihe Site of Niniveh, during 1873 and 1874. ßy r.eorge Smitli. London, 1875). Die Assyrologen sind daher genvthigt, das mythische Turanervolk in Assyrien zu streichen. Allerdings, bei der enormen Ausdehnung der assyrischen Kunst in Architectur und Plastik, die sich immer mehr vor unseren Augen erschließt, und welche nöthigt, die griechische Kunst in ihren Anfängen und Impulsen aus die assyrische zurückzuführen, muß der bekannte Schematismus der Racen seine beliebte Behauptung, daß die Semiten durchaus keinen Kunstsinn und keine civilisatorische Initiative besäßen mit dicken Strichen beseitigen. Noch dicker fallen diese Striche aus für die nicht minder beliebte Behauptung, die Semiten seien Monotheisten, die Arier Pantheisten. Denn gerade durch die Funde des Herrn Smith erweitert sich auch unser Einblick in die Mythologie und die Religion der Assyrer, und da kann weder ursprünglich noch später von Monotheismus die Rede sein, sondern vom gröbsten Polytheismus. Findet sich im Sagenstoffe manchmal ein Anklang an die Bibel, so hat die Aus- und Durcharbeitung desselben vielmehr Berwandtschaft mit der indischen Welt. — Wir freuen uns, auf diese Weise noch den Zusammenbruch von Hypothesen zu erleben, die wir von Anfang an consequent bekämpft haben. Ans dem jüngst in Freiburg (Breisgau) abgehaltenen Katbolikencongreß hielt der streitbare Bischof Ketteler von Main; eine famose Rede über — die Freiheit. Der Kirchenfürst schwärmt für die Freiheit; sie ist ihm die eigentliche Lebenslust des Menschen, und durch sie allein gedeihen die Völker und die Individuen. Aber allein die wahre Freiheit ist Lies, während die falsche zum Verderben und Untergang führt. Ter beredte Mann ließ denn auch in keinem Zweifel, was die falsche Freiheit sei. Die Glaubens¬ und Gewissensfreiheit ist nach ihm die sinnloseste, die Preßfreiheit die gefährlichste, die Gewerbesreiheit die verderblichste, die Freiheit der Gesetzgebung seitens des Volkes durch seine Regierung und Vertretung die unberechtigste und nachtheiligste, da allein das canonische Recht und der Wille des Papstes, der Bischöfe und Capläne die Völker beherrschen dürfe. Man sieht, von dem, was man gewöhnlich Freiheit nennt, blieb bei den Abzügen, die der Bischof för nothwendig erachtete, nicht viel übrig, nämlick nur — die einzige Freiheit, in der römisch-katholischen Kirche nach deren strengsten Forderungen zu leben und zu sterben! Dies ist denn auch nach Herrn Ketteler die wahre Freiheit.