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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-09-21 · Heft 39 (21.9.1875) · p. Seite 631

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 39 (21.9.1875)
Date
1875-09-21
Page
Seite 631 (sequence 9)
Language
German
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631 sogar Niemanden, der überhaupt einen derartigen Einfluß ausüben könnte, in den Sinn käme als Candidat eines Vorsteheramtes für die nächste Wahlperiode (von 6 Jahren) aufzutreten. >» Der Gemeindefrieden, die Gemeindeeinheit ginge über Alles. Dennoch ward von anderer Seite, wie erwartet, der alte § 2 der Hamburger Verordnung sehr energisch in Schutz genommen, der gewissermaßen eine Bürgschaft gebildet hätte, daß nur vermögende, angesehene, unabhängige und fromme Männer an die Spitze der Gemeinde kommen könnten. Wer aber gebe Bürgschaft, daß nicht in einigen Jahren die Gemeinde bei Selbstausübung des Wahlrechts einen Vorstand wählen könnte, der die Uebertretung der wichtigsten Religionsgesetze dulden würde. Hierauf scharfe Entgegnung unter Betonung, daß nicht allein beim „Reichen" Unabhängigkeit, Verstand und Religion zu finden sei — und einige Unruhe in der Versammlung; doch wurden die Grenzen des parlamentarischen Anstandes nicht verletzt. Ein weitergehender Antrag, daß die Versammlung den Wunsch aussprechen solle, auch die anderen noch gültigen Paragraphen des preußischen Gesetzes (namentlich was die Thäügkeit der Repräsentanten, ihr Veto und ihr Geldbewilligungsrecht dem Vorstande gegenüber betrifft), ebenfalls für uns in Kraft treten zu lassen, fand leider nicht den Beifall des geehrten Herrn Vorsitzenden, und hierdurch auch nicht die nöthige Unterstützung der Versammlung. Herr Polizeidirector Schaffner stellte nun die Frage: „Ist die Versammlung der Ansicht, daß der verlesene $ 2 der landgr.- hessischen Verordnung vom 2l. Juni 1853 durch die ebenfalls verlesenen §§ 41, 42 und 43 des preußischen Gesetzes vom 23. Juli 1847 ersetzt werden soll?" Ein allgemeiner lauter lfast jubelnd klingender) „Ja"-Ruf war die Antwort. Auf die Gegenprobe : ob Jemand hiergegen Einspruch erheben wolle, meldet sich Niemand mehr zum Worte. So ist denn nach einem langer als zwanzigjährigen, mit Schrift und Worte geführtem Kampfe, dasjenige erreicht, was die Grundbedingung jeder Corporation ausmacht: Die israelitische Cultusgemeinde zu Homburg kann sich die Männer ihres Vertrauens wieder selbst wählen. Wenn auch noch nicht ganz, so ist doch ein großer Theil des Selbstbestimmungsrechts wieder errungen. Den „Culturkampf" aber weiter zu führen, kann man nunmehr getrost Len Schulen, zumal den höheren, in welchen schon der zehnte bis elfte Schüler der jüdischen Confession angehört, überlassen. „Und in diesem Zeichen werden wir siegen!" _ Louis Lehmann. 1) Schon aus dem einfachen Grunde, weit man denkenden Christen und Juden gegenüber nicht die Verantwortlichkeit tragen will, an der Spitze einer Gemeinde zu stehen, wo noch die alten unästbetiseben Formen und Gebrauche unangetastet bleiben sollen. Auch ist ja diejenige Lcstimmung der landgräflichen Verordnung noch in Kraft geblieben, welche unseren strenggläubigen Rabbinern die ausschließliche und endgültige Entscheidung in allen religiösen Fragen zuerkcrmt. Und;u dem: aus wen sich stützen? Aus die vielen Lauen und Indifferenten etwa?'. Frankreich. Paris, 9. September. lPrivatmitth.» Wenn Jemand noch zweifeln sollte, wie weit der Klerus und die Jesuiten in Frankreich bereits gekommen sind, und wie lies sich Gallien vor Rom beugt, so könnte er es aus dem bemessen, was er jene wagen sieht. In diesen Tagen trat der „Monde", das Organ der päpstlichen Nunciatur in Paris, bereits mit der Forderung hervor, daß in echt katholischen Staaten, also in Frankreich, die Inquisition wieder hergestcllt werden müsse; sie sei ein Recht der katholischen Kirche, welche zum Schutze des Seelenheiles auch eine weltliche Macht von Gott erhalten habe, um innerhalb ihrer Heerde jeden Widerspruch gegen die Glaubenssätze zu bestrafen und auszurotten. Alle Welt steht hier verdutzt vor dieser Kundgebung, deren Ausfluß nicht zweifelhaft ist. Man fragt sich: wollen die Jesuiten wirklich soweit gehen, oder fordern sie nur so viel, um etwas weniger, aber doch schon sehr viel;n erhalten? Wir wollen diese Frage nicht erörtern: für uns ist sie nur ein Zeichen, bis;n welchen Borposten die Feinde der Gesellschaft bereits vorgerückt sind — in Frankreich die Inquisition fordern, und nicht sofort ekrasirt werden! Zweierlei läßt sich hieran beobachten: zuerst, wie energisch die Jesuiten jede günstige Constellation zu benutzen und auszubcuten verstehen. Wie ungeschickt und indolent erscheinen dagegen die zerfahrenen liberalen Parteien, die einen solchen Feind durch einige Phrasen und Spottreden beseitigen oder Niederhalten zu können wähnen! Sie trösten sich mit dem Gemeinspruch vom Bogen, der zu stark gespannt werde, von „allzuscharf macht schartig", und hossen auf die Massen, die ihnen unterdeß weggesischt worden. Alsdann steht man allmälg ein, daß, als die Jesuiten mit und seit der Verkündigung des Syllabus unv noch mehr seit 1870 in schroffster Weise auftraten und zum Kampfe riesen, alle ihre Batterien demaskirten, jede Zurückhaltung von sich warfen, sie durchaus nicht so dumm waren, wie die verblüfften Liberalen es meinten, die von der Majestät der modernen Gesellschaft zu sehr erfüllt waren, um es Jemandem zuzutrauen, daß er es wagen werde, diese Majestät zu verletzen und ihr zu trotzen. Schon vor vielen Jahren ward es in diesem Blatte ausgesprochen, daß die katholische Hierarchie eingesehen, sie grabe sich mit Zugeständnissen an die moderne Welt ihr eigenes Grab, da sie dadurch ihren Boden im Volke immer mehr verliere. Um ihr zukünftiges Dasein zu retten, mußte sie den Kampf beginnen und wollte sie dies, so mußte sie ihn entschieden und im vollsten Umfange, mit noch mehr als mittelalterlichem Geiste, mit vollendetem und abgeschlossenem System unternehmen. Dazu gehört auch die Inquisition. Die Art, wie der „Monde" dieselbe vertheidigt, kann nur den Unkundigen überraschen. In diesem Blatte wurde es bei der Besprechung des bekannnten Werkes von Bischof Hesele — der doch nicht einmal dem Jesuitenorden angehört — auseinandergesetzt.') Die 1) S. Nr. öl. 187:;. Nr. 1. 2. LS74. 30

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