Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 39 (21.9.1875)
- Date
- 1875-09-21
- Page
- Seite 630 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227054--33849-3303679- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
630 auf rem Grabe seiner vor ungefähr einem halben Jahre verstorbenen Gattin, in der einen Hand krampfhaft die Photographie derselben feftgehalten, in der anderen die Pistole. Der Verstorbene besaß einen vorzüglichen Ruf und hatte im jüngsten Kriege das eiserne Kreuz sich erworben. — Ganz abgesehen von diesem höchst bedauerlichen Unglücksfall, kann es dem Beobachter nicht entgehen, wie in der jüngsten Zeit der Selbstmord, der früher unter den Juden nur als eine außergewöhnliche Seltenheit auftrat, auch unter unsren Glaubensgenoffen häufiger wird. In Wien und Berlin brachte der „Krach" mehrere Fälle von Selbstmord auch seitens von Juden im Gefolge, und auch andererseits ist es tief zu bedauern, daß Bekenner unsrer Religion sich öfter als je zu solchen Handlungen hinreißen laffen. Es ist Pflicht, hierauf aufmerksam zu machen, damit Prediger, Lehrer und Erzieher diese Erscheinung ins Auge fassen und, so viel sie es vermögen, ihr entgegenarbeiten. Denn, schließt man die Falle aus, wo überwältigendes körperliches Leiden oder Wahnsinn die selbstmörderische Hand leiten, so liegt der Grund der Selbsttödtung in moralischer Feigheit und in dem Mangel wahrhafter Religiosität, des Zusammenhanges mit Gott, des Vertrauens auf und der Ehrfurcht vor Gott. Sei es ein von der göttlichen Vorsehung bestimmtes Geschick oder die Folgen der Selbstverschuldung: es ist die Bestimmung und Aufgabe des Menschen, sie im ersteren Falle in Gottergebung, im zweiten als Buße und Sühne zu tragen und sich dadurch zu läutern. Sie nicht ertragen können oder wollen, ist ein Ausfluß der Schwäche, ist ein Ueberwiegen selbstischer Gefühle über Vernunft, Gewissen und den von Gott uns eingesenkten Selbsterhaltungstrieb. Aus diesem Gesichtspunkte ist es eine besondere Aufgabe der Religionslehre, frühzeitig in die Herzen der Jugend den vollen Abscheu vor einer solchen That zu senken. Das Wort Gottes N2d-!N rrr befaßt eben so den Selbstmord wie die Tödtung eines Andern! Homburg vor der Höhe, 29. August. (Aus dem „Taunusboten".) Vor einiger Zeit wurde hier eine von dem Unterzeichneten verfaßte, mit vielen Unterschriften bedeckte Petition an die Königl. Regierung zu Wiesbaden abgesandt, die in anständiger nicht verletzender Weise auseinandersetzt, daß die hiesige im Anfänge der fünfziger Jahre von Landgräflicher Landesregierung publicirte jüdische Gemeindeverfaffung dadurch, daß sie der Gemeinde jeden Einfluß auf die Wahl ihres Vorstandes entzogen, «indem sie zwei ständige Obervorsteher, wovon der eine der Rabbiner, ernannte, die der Regierung alle sechs Jahre noch vier andere unständige Vorsteher zur Bestätigung vorzuschlagen haben) — - dazu beigetragen, daß unser Gottesdienst, unsere Religionsschule :c. durchaus nicht den Anforderungen der Jetztzeit entsprechen. Die Petition schließt mit der Bitte: „Königliche Regierung wolle die nöthigen 'gesetzlichen Einleitungen treffen, um unsere bisherige jüdische Gemeindeverfaffung, welche unsere religiöse und materiellen Jntereffen schädigt, aufzuheben, und uns gleichzeitig dieselben Rechte, namentlich das Selbstbestimmungs- und Wahlrecht zu verleihen, wie solche die älteren Provinzen des preuß. Staates schon lange izu ihrem Heile) besitzen." — Run, die Regierung hat gegenüber den unhaltbaren Zuständen ein menschliches Rühren gefühlt und in schönster Weise unserer hiesigen jüdischen Cultusgemeinde einen Weg eröffnet, um zum Ziele zu gelangen. — Sämmtliche, männliche, volljährige und selbstständige Gemeinde- Mitglieder find auf künftigen Dienstag, Vormittag 10 Uhr eingeladen, sich im Gerichtssaal des hiesigen Amtsgebäuves einzufinden, um über die Abänderungen der bisherigen Gemeindeverfaffung, namentlich in Bezug auf die Wahl ihres Vorstandes, unter Leitung eines Regieruvgscommissars, in Berathung zu treten. — Es ist aber auch die höchste Zeit. Kein Budget war zu Stande gekommen, Reclamationen wegen Ueberbürdung mit Steuern und ungerechter Bertheilung von Lasten einerseits, Anklagen wegen Ungehorsam und Störung des Gottesdienstes anderseits, waren beständig an der Tagesordnung. Hierzu kam — zum Lobe unserer Gemeindemitglieder sei es gesagt —, daß kein Mann von Ansehen sich mehr dazu hergab, ein jüngst erledigtes Obervorsteheramt, nach dem bisherigen Wahlmodus, anzunehmen. Bettoffen von diesem großartigen passiven Widerstande, hat die Regierung es für gut und nothig befunden, jetzt in der zwölften Stunde — vor Erlaß eines allgemeinen, den Landständen versprochenen Gesetzes zur Regelung der jüd. Gemeindeverhaltnisse — Hülfe eintteten zu lassen. Wie aber alles Gute seinen Lohn schon in sich selbst ttägt, so werden unser hiesiges Königl. Verwaltungsamt und Königl. Regierung zu Wiesbaden, welche beide seither so sehr mit unseren Angelegenheiten behelligt wurden, bald inne werden, welcher Segen es ist, eine Gemeinde von unnöthgen Fesseln befreit zu haben. Hoffen wir aber auch, daß der schönen Einladung seitens der jüdischen Gemeindemitglieder allgemeine Folge geleistet werde, daß die Berathung eine würdige und in ihrem Ergebnisse — durch pure Annahme der bezüglichen Bestimmungen des preußischen Gesetzes vom 23. Juli 1847 —eine glückliche sei. Louis Lehmann. Homburg vor der Höhe, 5. September. (Privatmitth.) Die erst jüngst besprochene, von Königl. Regierung berufene Versamnilung der israelitischen Cultusgemeinde fand am verflossenen Dienstag bei einer relativ starken Beiheiligung statt. Schon im Anfänge, ehe noch der Regierungscommissar, Herr Polizeidirector Schaffner, die Sitzung eröffnete, schien es, als wenn „die kleine aber einflußreiche Partei" der Sttenggläubigen gewisse Verabredungen miteinander getroffen hätten. Es galt also, gleich beim Beginn der Debatte — nachdem Königlicher Regierung für die Berufung dieser Versammlung der tiefgefühlteste Dank ausgesprochen worden und um derselben gegenüber einen möglichst einmüthigen Beschluß hervorzurufen — den Führer jener Partei an gewisse Erlebnisse zu erinnern, vor Allem aber die feierlichste Versicherung zu geben, daß gegenwärtig Niemand daran dächte, einschneidende Reformen im Cultuswesen einzuführen, ja, daß es