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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-09-21 · Heft 39 (21.9.1875) · p. Seite 624

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 39 (21.9.1875)
Date
1875-09-21
Page
Seite 624 (sequence 2)
Language
German
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624 meßlicher Höhe und doch wieder ganz nahe jedem unsrer Pulsschläge, jedem Klopfen unsres Herzens. Wozu Du Dich auch bekennst, welches Bild oder welchen Begriff von der Gottheit Du in Deinem Gedanken und auf Deinen Lippen trägst: wenn die Freude Dein Herz schwellt, oder wenn der Kummer es zusammenpreßt, in jedem Momente, wo Dein innerstes Ich all' den Ballast einseitiger Gcistesthätigkeit abwirft und sich unmittelbar fühlt, tritt auch die Empfindung und das Bewußtsein der Gottheit in ihm aus allen Schatten und belebt und erfüllt es; dieses Ich faltet die Hände unwillkührlich auch dem Zweifler und Leugner, so ihm, ob er es erkennen will oder nicht, bezeugend, auf welchem Grunde in Wahrheit sein Wesen, d. i. sein Ich, sich aufbaut. Dies ist die Ueberzeugung, welche uns die treue und vorurtheilölose Prüfung aller menschlichen Geistesarbeit, Richtungen, Entwickelung und Erfolge in den Jahrtausenden darbietet, und ebenso die Beobachtung deffen, was um uns an jeder Menschenseelc erfahren wird. Umsomehr ergeht an uns selbst immer wieder der Ruf: Blicke tiefer! Begnüge Dich nicht mit der Unruhe des Tages, mit der Oberfläche der Erscheinungen, mit dem Gedankenstrome Deines Berstanves, mit dem, was Dich gestern bewegte und heute oder morgen Dich bewegen wird. Du fühlst es selbst. Du weißt es, daß unterhalb alles reffen, was Dich ergreift und erschüttert, was Du anstrebst und erkämpfst, was Du heute ersehnst und morgen weit von Dir weg wünschest, noch ein Anderes lebt, das in sich gefestigt und wie für sich besteht, auf bas sich aller jener Wechsel bezieht, das es entgegennimmt und von sich abscheidet, und immer daffelbige durch die Jahre geht. Dahinein mußt Du Dich versenken, um Deiner selbst bewußt zu werden, um zu wiffen, was Du an Dir habest, wie es um Dein wirkliches Selbst beschaffen sei. Hier liegt Dein wahres Wohl, Dein Werth und Unwerth, Deine Kraft und Deine Schwäche, hier auch Deine Zukunft für immer! Zum Religionsunterricht an höheren Lehranstalten. In praktischen Dingen ist es angemeffen, nicht blos zu discutiren, sondern auch einen praktischen Anhalt zu geben, der selbstverständlich nach Ansichten und Umständen zu modificiren ist. Wir stehen daher nicht an, folgenden, uns übersandten Lehrplan ohne weitere Bemerkungen unsererseits zu veröffentlichen. Lyck, 5. September 1575. Nachstehenden Lehrplan haben wir auf Wunsch des hiesigen Gymnasialdirectors ausgearbeitet. Wir verkennen nicht die Mangelhaftigkeit desselben in der Aufstellung der Lehrgegenstände, wie auch die Schwierigkeiten bei der praktischen Durchführung. Allein bei der totalen Unwiffenheit unter vielen Gymnasiasten auf dem hebräischen Gebiete, wie der äußerst beschränkten Stundenzahl für diesen Lehrzweig, die man uns zuwies, konnte weder dem einen noch dem andern Uebel abgeholfen werden. Wir erachten es aber auch allgemein für geboten, anstatt wieder und wieder die Schwierigkeiten hcrvorzukehren und so die Sache in die Länge zu ziehen, die Gelegenheit zur Einführung des jüd. Religionsunterrichts am Gymnasium unter allen Umständen zu ergreifen. Es ist unseres Erachtens schon Gewinn, wenn die jüdischen Gymnasiasten das Bewußtsein haben, auch ihre Religion wird an der Anstalt gelehrt. Wir lassen nun den Lehrplan folgen in der Weise, wie wir ihn zur Zeit abgeliefert haben: Lehrplan für den jüd. Religionsunterricht am Königlichen Gymnasium zu Lyck. Allgemeine Vorbemerkung. Die jüdischen Schüler sämmtlichcr Elasten des hiesigen Gymnasiums gliedern sich in zwei Abtheilungen und zwar: Sexta, Quinta, Quarta als die Unterstufe; Tertia, Secunda, Prima als die Oberstufe. Jede Stufe erhält wöchentlich zwei Religionsstunden. 1) Allgemeines. a) Ziel und Aufgabe des jüdischen Religionsunterrichts. Die Aufgabe des jüdischen Religionsunterrichts ist, den religiösen Sinn und Geist zu wecken und zu beleben in den Herzen unserer Jugend. „Die Kinder sollen eingeführt werden in das Berständniß der h. Schrift in ihrer Ursprache und in das Bekenntniß der Gemeinde, damit sie befähigt werden, die h. Schrift im Urtexte selbstständig zu lesen und am Gottesdienste der Gemeinde regen Antheil nehmen zu können", ferner sollen auch die Kinder einige Kenntniffe aus der Vergangenheit ihrer Glaubensgenoffen- - schaft erhalten. b) Zweige des jüd. Religionsunterrichts sind: Biblische Geschichte, eventuell jüdische Geschichte; Gebete übersetzen verbunden mit Leseübungen; Lesen in der Bibel; systematische Religion. c) An religiösen Memorierstoff sind in's Gedachtniß aufzunehmen: kurze Gebete; die 10 Aussprüche, Psalmen, Stellen aus den Propheten, besonders aus Jesaias mit Auswahl. 2) Die einzelnen Zweige insbesondere. A. Für die Unterstufe. a) Unterricht in der biblischen Geschichte. Der Cursus in der biblischen Geschichte ist dreijährig. In der einen Stunde, erstes Jahr: von der Schöpfung bis Moses Tod (in 28 Abschnitten); zweites Jahr: von der Berufung Josua's bis zum Tode Davivs (in 35 Abschnitten); drittes Jahr: von Salomo's Regierungsantritte bis zum Untergang des Reiches Juda (in 30 längeren Abschnitten). b) In der zweiten Stunde: erstes Jahr: Gebete lesen

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