Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 39 (21.9.1875)
- Date
- 1875-09-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Zeitung des Iudenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner vr. Lu-wiz Philipp son in Bonn. Verlag von Baumgartners Buchhandlung iuLcipjiz. Beilagen werden mit 1 Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. 3» redactionellen Anaelegenheiken wende man sich irnDr. C. Philip,son in Bonn; diufichllich deS Bezug» und der SnierateLnSramgärtnkr's LnSdallülnnq inLeipzig. Inseralr, welch« bi» vonnrr»- tag cingeben. finden in der carani/olgen» dea Nununer Berückstchligung. Diese Zeittmg erscheint wöchentlich einmal in 2 viS 2!/2 Bogen. Preis Biertü,äbria 3 Mark. Inserate werden " "" "" die Petitzeile oder deren Alle Buchhandlungen. 39. Jahrgang. Leipzig, den 21. September 1875. JS? 39. Inhalt. Leitende Artikel: Blicke tiefer? — Zum Religionsunterricht an böheren LcdranstaUcn. — Die Svmdolik des moi'ai'ckien HeiligthumS. VN. — Literarischer W o chenberich t: Pest. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. Bonn. Köln. >?eml'ura vor der Höhe. — Frankreich: Paris. — Holland: Amsterdam. — Rumänien: Bukarest. — Feuilleton: Die Treue. «Erzäblunqi. «Fortsetzung). — Vermischte«. Hütende CLxhkd. Bonn, 15. September. Sticke tiefer! Ein linder Hauch weht über den weiten Wasserspiegel, dessen Wellen sich kaum kräuseln. Doch nicht lange währt's und der zum Sturme anschwellende Westwind wühlt Wogen auf, wirst sie zu Bergen empor und schleudert sie in Tiefen hinab. Himmel und Erde scheinen in Kampf. Doch senken wir uns nur einige hundert Meter in den Schooß des Oceans hinab — und Ruhe und Frieden sind um uns her, die Gewässer wallen in einförmiger Majestät dahin, von dem Tosen der Wogen und dem Sturme, der sie durchwühlt, keine Ahnung. Ja, einige tausend Meter tiefer, und das Wasier des Meeres zeigt denselben Wärmegrad unter allen Zonen und Klimaten. Und dem ähnlich ist eS um die Menschennaiur. Was auch die Phantasie an bunten und vielgestaltigen Bildern unsrer Seele vorüberführt, welcher Sturm von Gefühlen, von Antrieben und Leidenschaften durch unser Herz fährt, welcher Kampf von Gedanken, von einander bestreitenden Ansichten, Folgerungen und Entschlüssen der Verstand in unsrem Geiste wie in Schlachtordnung ausführt, einander zersetzen und wieder zusammenbauen läßt — tief unter all’ diesem Gewühle besteht das Ich, das seit dem Erwachen des Bewußtseins still und unentwegt in gleichmäßigem Schritte auf dem Pfade der Entwickelung ununterbrochen schreitet, um sein Dasein zu erhalten, dessen Nothwendigkeit es in sich tragt, um abzuwehren, was es schädigen, was es zu hoch erheben oder zu tief stürzen könnte. Aber dieses Ich ruht auf einem festen Grunde, auf dem es geworden, und von dem es sich nicht trennt — auf Gott? Denn auch hier dieselbe Erscheinung. Was auch die Phantasie für Götzenbilder, Geister, Engel, Heilige aus dieser Gottheit gestalte, wie weit sich auch das Her; in der Furcht und dem Schrecken vor dieser Gottheit, selbst bis zum Morde des eigenen KindeS verirre; wie sehr auch der nach sickern, faßbaren und in den Reihenfolgen der Gedanken sich darstellenden Beweisen verlangende und ringende Verstand sich in seinen Ausgangspunkten, Syllogismen und Zielen verirrt und aus der Gottheit ein nüchternes Weltgebäude, eine eisige Notbwendigkeit, ein unbestimmtes Eines und Alles oder gar eine ewige Materie macht — alles dies ist nur Gewübl auf der Oberfläche des geistigen Oceans, Wogendrang, Kampf der Erde unv des Himmels — blicke tiefer, und Du gewahrst trotz Allem Dein Ich aus dem Felsengrunde der Gottheit, die in dem Selbstgefühl des Menschen dennoch das für immer bleibt, als was die wahre und ewige Lehre sie verkündet hat: der einzige, unendliche Gott in Liebe, Recht und Heiligkeit! Priester und Weise mögen das Haupt schütteln, und ihren Aberglauben und ihren Unglauben als die Beherrscher der Menschen bezeichnen — der Kern alles Gefühls und Bewußtseins der Gottheit verbleibt in jeder Menschenseele tief unten im Grunde, als das. was uns in s Dasein rief, was uns mit seinem Odem beseelte, was uns zu Höherem bestimmte, was uns das Gefühl des Rechts und der Wahrheit und die Liebe einsenkte, was uns leitet, woran wir uns festhalten und immer wieder aufrichten, was über uns ist in uner-