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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-09-14 · Heft 38 (14.9.1875) · p. Seite 616

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 38 (14.9.1875)
Date
1875-09-14
Page
Seite 616 (sequence 12)
Language
German
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616 Strafe in gewaltiger, unbeugsamer Folge dargestellt. Welche Vernichtung auf diesem Bilde! Die dort stolz, blühend und königlich saßen, treibt hier der Racheengel in geknickter Haltung vor sich her. Adam versucht eine bittende, abwehrende Bewegung, Eva kreuzt die Arme vor dem Busen und greift mit der Faust verzweifelnd in das schöne Haar. Eilenden Schrittes ziehen sie ihre jammervolle Straße, dem unabwendbaren Menschenloose entgegen. Es war vorher gesagt, daß die Decke zwischen den sechs Fenstern jeder Langseite in je einem Zwickel in die Seilenwände verlief; dazu tritt an den Schmalseiten je ein Zwickel, so daß deren im Ganzen zwölf die Decke abschließen. Aus diese zwölf Gewölbespitzen hat Michelangelo zwölf gewaltige sitzende Gestalten gemalt, die Propheten und Sibyllen. Sie sollen die Uebermittelung der Gotteslehre an die Menschheit versinnlichen, die Propheten für die Israeliten, die Sibyllen für die Heiden. Trauernd, sinnend, in Begeisterung aufblickend, sitzen diese mächtigen, titanenhaften Wesen da, wie eine Versammlung von Göttern in Würde und Majestät. Sie Alle scheinen die Schmerzen der Welt aus ihren Schultern zu tragen, aber begabt mit der Kraft, Trost und Lehre der sehnenden Menschheit zu spenden. Dabei herrscht die größte Mannigfaltigkeit der Stellungen und des Ausdrucks, ja des Alters. Sacharjah als ruhiger, forschender Greis; Jeremias niedergedrückt, versunken in bitterm, überwältigendem Schmerz; Ezechiel mit raschem Aufblick der freudigen Offenbarung von oben horchend; Daniel, ein holder Jüngling, scheint Worten zu lauschen, die zu ihm aus der Tiefe dringen. So sind auch die großartig strengen und doch schönen Frauengestalten der Sibyllen von reichster Mannigfaltigkeit. Die vier Ecken des Gewölbes sind von vier Gemälden, die Rettungen des Volkes Israel, erfüllt. Es sind: die eherne Schlange in der Wüste, der Tod Goliaths, die Geschichte Esthers und Judith und Holofernes. Auch diese Alle sind von herrlicher Kraft, immer der entscheidende Moment, der alles Frühere und Folgende zusammenschafft, zur Darstellung gewählt, und dabei ist doch, wie bei Judith und David, das Schreckniß der eigentlichen Thal vermieden. Drei und ein halbes Jahrhundert sind über diese Deckengemälde dahingerauscht, der Weihrauch des katholischen Cultus hat an ihrer Verdunkelung und Vernichtung gearbeitet, Staub und Feuchtigkeit haben daran genagt, aber die Kraft und Wärme des Colorits, die Großheit der Formen blicken dennoch siegreich hindurch. So weihen auch wir dem großen Meister ein dankbares Erinnern, der gewaltig wie Keiner die Gestalten unserer Urzeit Larzustellen vermochte. J. C. Vermischtes. Notizen über Palästina und Syrien aus BLdecker. (Fortsetzung.) Von diesen verhältnißmäßig neueren Städten gehen wir zu den ältesten des Landes über. Zunächst Hebron, an welches sich so viele Erinnerungen an Abraham und David knüpfen. Jetzt wohnen unter den 8 bis 10,000 Einwohnern ungefähr 500 Juden. Unterkunft finden die Reisenden in einigen Judenhäusern. In ,einem türkischen Hause zeigt man die Gräber Abner's und Jsboseth's, ohne daß darauf irgend ein Werth zu legen ist. Die Gräberhöhle Machpela darf von keinem Reisenden besucht werden, und es bedurfte eines besonderen Fermans des Sultans, um dem Prinzen von Wales und dem Kronprinzen von Preußen (1862 und 1869) den Zugang zu gestatten. Aus den Berichten ihrer Begleiter haben wir damals in diesem Blatte Auszüge gegeben. — lieber den von der localen Tradition als „Eiche Abrahams" bezeichueten Baum erzählt Bädecker: „Um zur traditionellen Eiche von Mamre (l/2 St.) zu gelangen, läßt man vor der Stadt die Straße nach Jerusalem rechts liegen und reitet auf einem gepflasterten Wege zwischen Mauern, die Weingärten einschließen, nach N.-W. Nach 17 Minuten trifft man rechts einen Brunnen. Nach 5 Min. geht ein Weg rechts ab, und man erblickt die Eiche vor sich; nach 8 Min. geht man durch ein Thor in eine jetzt den Ruffen gehörige Gartenanlage, in welcher gegenwärtig ein Hospitz für russische Pilger gebaut wird. Die Eiche, welche hier als Eiche Abrahams gezeigt wird und schon im 16. Jahrhundert in großer Verehrung stand, ist jedenfalls von bedeutendem Alter. Die Tradition zeigte den Hain von Mamre beim heutigen Rämet el-Chal!l; in der That aber liegt der Platz, an welchem wir stehen, bester dem Städtchen Hebron „gegenüber", als jener. Der Stamm der Eiche hat unten einen Umfang von circa 10 m.; in einer Höhe von ungefähr 6 m. theilt er sich in vier ungeheure Aeste, die zusammen eine majestätische Krone, oben von 95 Schritt Umfang, Im alten S i ch e m, jetzt Nabulus genannt, in dem fruchtbaren Thale zwischen dem Ebal und Garizim, wohnen jetzt unter 13,000 Einwohnern, unter welchen 600 Christen, nur wenige Juden. Dagegen besteht die samaritanische Gemeinde noch aus ungefähr 140 Köpfen, die immer mehr im Aussterben begriffen sind, und an großer Armuth leide». Ihre ftüheren Colonien in Askalon, Gaza, Damas und Kairo find verschwunden. Bekanntlich sind sie der kleine Ueberrest eines Mischvolkes aus affyrischen und medischen Ansiedlern und Ueberbleibseln der Israeliten nach der Zerstörung Samariens (720 vor der gew. Zeitr.) Prof. Socin berichtet über sie: „Ihre Zahl nimmt stetig ab und es mögen jetzt noch etwa 40 bis 50 Familien [vorhanden sein, die in einem besonderen Quartier (S.-W.) wohnen. Was ihren Glauben anbetrifft, so sind die Samaritaner strenge

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