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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-09-14 · Heft 38 (14.9.1875) · p. Seite 615

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 38 (14.9.1875)
Date
1875-09-14
Page
Seite 615 (sequence 11)
Language
German
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615 geschichte ves alten Testaments entsprangen, und urgewaltig, wie lein anderes Gemälde, diese großen Worte und Gedanken in Formen wandelten. Goethe sagt von ihnen: „Ohne sie gesehen zu haben, kann man sich keinen anschauenden Begriss machen, was ein Mensch vermag." Die Sixtinische Capelle in Rom ist ein viereckiger Raum, über das Doppelte so lang als breit, und von bedeutender Höhe. Die Fenster, je sechs an den Fangseilen, sind oben gerundet, und über ihnen setzt das glatte Gewölbe der Decke an die Seitenwände an, so daß zwischen je zwei Fenstern ein Zwickel in die Wand verlaust. Diesen weiten Raum mit FrescogemLlden zu süllen, wurde Michelangelo vom Papste Giulio II. berusen, obgleich er bis dahin hauptsächlich als Bildhauer gearbeitet hatte, und sein größestes Malerwerk, Vas er in Concurrenz mit dem berühmten Leonardo da Vinci in Florenz geschaffen hatte, nur ein Carton Grau in Grau gewesen war. Nun sollte er einen großen Raum a! freseo malen, einen Raum, zu welchem die gläubige Gemeinde an ihrem höchsten Festtage in gehobenster Andacht ausblickte, in einer Technik malen, die ihm säst sremd war. Er lehnte das Ansinnen ab, da er es mit Recht als einen Fallstrick seiner Feinde erkannte, die ihm als Bildhauer nicht beikommen konnten. Allein der Papst bestand aus seinen Willen, und Michelangelo unternahm das Werk, lernte rasch das Verfahren von Malern, die er zu seiner Hilfe berufen, die aber so ungenügend nach seinen Zeichnungen arbeiteten, daß er all ihr Vollendetes wieder herunterschlug. Nun machte er sich in völliger Einsamkeit, abzeschloffen von aller Welt, an das ungeheure Werk und vollendete in kaum zwanzig Monaten das gewaltigste Denkmal der Malerei aller Zeilen. Die mannigfachen Darstellungen auf dieser Decke werden zusammengehalten durch ein gemaltes, anscheinend architektonisches Gerüst von eigenthümlicher Composition, welches die einzelnen Bilder umschließt und die Hauptmasten bedeuffam hervorhebt. Schon diese scheinbare Architekwr ist gestützt und geschmückt durch herrliche Gestalten, durch Broncemedaillons, die in den Marmor eingelaffen erscheinen, durch Sklavengestalten und karyatidenartige Figuren, die dem Gesimse zur Stütze dienen und die Blättergewinde tragen. Die Decke wird durch ein Spiegelgewölbe gebildet; der mittlere flache Theit derselben enthalt in einer Reihenfolge größerer und kleinerer Bilder die bedeutendsten Momente der Erschaffung der Welt und des Sündenfalls. Es sind die erhabensten Darstellungen dieses Gegenstandes. Das Wesen des schaffenden Weltgeistes tritt bezwingend vor die Augen des Beschauers. Wenn man den allmächtigen Vater der Welt sich verkörpert denken will, so ist hier der Typus geschaffen, den nichts zu übertreffen vermag. Viele versuchten es, Raphael in seiner Vision des Ezechiel und in seinen Logen des Batican, ohne die Großartigkeit seines Vorbildes zu erreichen. Wie vom Sturmwinde getragen, wie ein furchtbar dahinrollendes Gestirn durch die Lüfte fahrend. erscheint der schaffende Weltgeist, umgeben von Genien, halb ihn tragend, halb von ihm getragen unv von seinem flatternden Gewände umfaßt; es sind die einzelnen Kräfte seines schöpferischen Thuns. So scheidet er aus rem ersten Bilde das Licht von der Finsterniß, weist aus dem zweiten den Himmelskörpern ihre Bahn und schwebt im dritten Bilde über den Wassern. Befehlend die Arme ausgestreckl, mit wehendem Barlhaar, und in ungeheurem Drange des Strebens und Schaffens fährt die Gestalt dahin. Ganz anders erscheint der schaffende Vater, wenn er eem ersten Menschen Leben einhaucht, wie dies in dem folgenden Bilde dargestellt ist. Adam liegt auf einem Berggipfel. Seine äußere Form ist vollendet, schön unv edel gebildet vor allen Geschöpfen lieg: er da; aber es fehlt das Erwachen zum Leben. Da naht wie eine linde Abendwolke ihm der Allzülige; allmächtige Kraft und mildes Erbarmen verschmelzen in seinem Antlitz; die wunderbar schöne Gestalt, von der Cornelius sagt, daß seit Phidias dergleichen nicht gebildet sei, umflosten von einem Gewände, wie aus Nebeln gewoben. Um ihn drängen sich holde Engelschaaren, die das neue Gebilde sehen wollen, dem Schöpfer über die Schulter lugen, oder unter seinem Mantel wie unter einem Zeltdach sich bergen. So naht Gott und streckt dem Menschen seinen Finger entgegen. Wie ein elektrischer Funke wirkt die nahende Berührung; Adam erhebt schlaftrunken den Oberkörper, willenlos dem gewaltigen Zuge folgend, der ihn zum Leben, zur Gottheit zieht. So erhebt ihn Gott vor allen andern Geschöpfen, mit Güte und Erbarmen zieht er ihn zu sich, einen Funken seines eigenen Geistes strömt er in ihm hinüber, und wie eine Blume dem Sonnenglanze folgt, so scheint Adam noch unbewußt der Gottheit zu folgen, die ihn zu sich zieht. Das folgende Gemälde stellt die Erschaffung der Eva dar. Adam liegt an einem Felsen in tiefem Schlaf versunken, zu seinen Füßen steht Gott, der soeben die Eva zum Leben rief. Diese tritt hinter Adam vor, als wenn sie seiner Seile entstiege, ganz im Profil, dem Schöpfer zugewandt, die beiden Arme erhoben, wie dankend für das neue holde Leben, das sie durchstießt, das sie zum ersten Male aufathmen läßt, — eine wunderbar schöne Gestalt. Noch einmal erscheint sie so schön und in großartiger Anmuth in dem folgenden Bilde, dem Sündenfall. Hier steht der Baum der Erkenntniß in der Mitte und scheidet dadurch zwei Bilder, die Sünde und die Strafe. Um den Stamm windet sich die Schlange, die oben in einen sich hinabneigenden Frauenkörper ausgeht, und der Eva den Apfel reicht, während Adam noch zweifelnd steht, ob er eine Frucht pflücken soll. In Eva ist nichts mehr von der zitternden Ehrfurcht des vorigen Bildes; sichere Gedanken, festes Verlangen prägen sich in dem herrlichen Kopse, der Wendung des schönen Halses aus. Wie die Strafe blitzähnlich der Thal folgt, so springt hinter dem Rücken der Schlange auf der andern Seite der Racheengel hervor, der die Gefallenen aus dem Paradiese vertreibt. So sind Schuld und 38*

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