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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-09-14 · Heft 38 (14.9.1875) · p. Seite 617

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 38 (14.9.1875)
Date
1875-09-14
Page
Seite 617 (sequence 13)
Language
German
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617 Monotheisten, Feinde aller Bilder und Ausdrücke für Gott, welche diesem menschliche Eigenschaften beilegen. Sie glauben an gute und böse Geister, an Auferstehung und jüngstes Gericht; den Messias erwarten sie 6000 Jahre nach Erschaffung der Welt, jedoch halten sie ihn nicht für größer, als Moses. Von den Büchern des alten Testaments haben sie nur den Pentateuch in einer von der unsrigen etwas abweichenden Redaction. Derselbe ist mit althebräischen (sg. samaritanischen) Lettern geschrieben; außerdem besitzen sie aus dem 12. Jahrhundert auch eine Uebersetzung des Pentateuch in ihrer Sprache. Ihre Literatur besteht meistens aus Gebeten und Hymnen. Dreimal im Jahr pilgern sie auf den heil. Berg Garizim, am Fest der ungesäuerten Brode. am Wochen- und am Laubhüttenfest. Sie feiern die sämmtlichen mosaischen Feste; Opfer werden nur am Paffah dargebracht. Doppelehen sind bei den Samaritanern im Fall der Kinderlosigkeit erlaubt; die Leviratsehe haben sie in der Form, daß zwar nicht der Bruder, wohl aber der nächste Freund des Verstorbenen verpflichtet ist, die Wittwe zu heirathen. — (Fortsetzung folgt.) Von der Insel Norderney schreibt man der „Magd. Z." unter dem 25.: „Gestern Vormittag hatte das neunjährige Töchterchen einer zur Kur hier weilenden Familie sich bis an das äußerste Ende einer Buhne am Damenstrande gewagt und war, durch einen Fehltritt wahrscheinlich, in dieSee gestürzt. Es war noch Badezeit und daher befanden sich Herren nicht in der Nähe. Eine junge israelitische Dame aus Berlin hatte aber kaum den Unfall wahrgenommen, als sie mit Todesverachtung sich dem Kinde nachstürzte, ohne jedoch ihren schönen Zweck zu erreichen; auch sie ging unter, da die See an jener Stelle 40 Fuß tief. Inzwischen waren einige Herren und die Stranddiener aufmerksam geworden, und während Erstere die junge Dame noch lebend an's Land brachten, gelang es den Letzteren, mittelst eines Bootes das bereits erstarrte Kind hervorzuholen. Glücklicherweise sind die Wiederbelebungsversuche gelungen und das Kind gerettet. Heute Morgen wurde der jungen Berlinerin ein Ständchen gebracht." Es ist ein sehr beliebter Borwurf, den man den Juden aller Zeiten macht: sie sahen sich als das „auserwählte Volk" an und stellen sich so an die Spitze der Nationen. Jedenfalls gehörte eine große Schatzung des geistigen Werthes dazu, sich in den Verhältniffen, in welchen der jüdische Stamm so viele Jahrhunderte lebte, die Selbstachtung nicht rauben zu taffen. Sehen wir aber uns in der Geschichte um, so bemerken wir kein irgend begabtes Volk, das nicht im stark entwickelten Gefühl seiner Nationalität nicht Aehnliches von sich dachte und sagte. Selbst ein Aristoteles sprach es aus, daß die Hellenen von der Natur selbst zum Herrschen, alle anderen Völker zum Dienen bestimmt seien. Aus Damaskus berichtet Socin, daß die Araber jetzt von einer fanatischen Wuth beherrscht seien, weil sie sich stets für das höchst cultivirte Volk erachteten, und nun doch gewahr wurden, sie müßten sich vor der europäischen Cultur beugen. Ist es ein anderer Geist, der die Franzosen sich als die grande naiiojt. die an der Spitze der Civilisation marschirt, fühlen und preisen läßt? Ist nicht der Glaube in das deutsche Volk eingedrungen, daß ihm, welches in der Geistescultur die höchste Stufe einnehme, auch die politische Herrschaft zustehe? Und ist nicht unter den Slaven, besonders unter den Nationalruffen, die Ansicht verbreitet und zu einem wahren Cultus erhoben, daß die westeuropäische Cultur im "Niedergang begriffen und sie. die Ruffen, bestimmt seien, die Civilisation und die ganze Gesellschaft wieder zu verjüngen? Man sieht also, daß jede stark ausgeprägte Nationalität, die sich eines bedeutenden Inhalts bewußt ist, in denselben Glauben ausläuft. Und wahrlich, der jüdische Stamm hatte Grund genug, ihn in sich auszubilden. Als Moses Mendelssohn, der in Berlin nur als Schutzjude lebte, einst von einem Ausweisungsdecrete bedroht war, wandte er sich an den Marquis d'Argens, einen Freund Friedrich des Großen, und der Marquis, der Mendelssohn sehr hoch schätzte, richtete an den König folgendes Gesuch: „lln Philosophe uiauvais calholique supplie un Philosophe ntauvais proieslant, de donner le privilege ä un Philosophe juif. II v a irop tle Philosophie ilans lout ceci, pour que la raison ne soit pas du cote de la demande.“ („Sin Philosoph, schlechter Katholik, bittet einen Philosophen, schlechten Protestanten, das Privilegium einem jüdischen Philosophen zu geben. Es kommt in allem Diesem zu viel Philosophie vor, als daß nicht die Vernunft auf der Seite des Gesuches wäre.") Der König erfüllte das Gesuch. — Für uns liegt, abgesehen vom historischen Interesse, in dem Schreiben des Marquis noch ein unfreiwilliges und wahrscheinlich unbeabsichtigtes Zugeständniß, das wir nicht unbeachtet lassen mögen. Er nennt sich als Philosoph einen schlechten Katholiken und den König, ebenfalls als Philosoph, einen schlechten Protestanten, läßt aber dieses Beiwort bei dem jüdischen Philosophen weg. Er hatte es auch bei Mendelssohn nicht mit Recht gebrauchen können, da dieser nicht blos in seinem Bekenntniß, sondern auch in ceremonieller Beziehung sich streng an das Judenthum hielt. Dann ist aber hierin das Zugeständniß enthalten, daß die Philosophie sich nicht mit dem kirchlichen Katholicismus und Protestantismus, wohl aber mit dem Judenthume verträgt.

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