Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 38 (14.9.1875)
- Date
- 1875-09-14
- Page
- Seite 610 (sequence 6)
- Language
- German
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610 und über die Elementarschule hinaus unterrichten lassen. Dasselbe gilt für das Hebräische. Ein wöchentlicher hebräischer Unterricht in der Elementarschule von 4 bis 5, Stunden ist daher für die Grenzen der Elementarschule ausreichend, und daß für jüdische Schüler dieser Unterricht mindestens die Bedeutung von Physik und Raumlehre hat, wird "Niemand bestreiten. Es kommt also darauf an, diesen Unterricht dem Lehrplan angemessen einzuverleiben. Hierin liegt aber ein großer pädagogischer Werth. Was das Grundübel in den jüdischen Religionsschulen überall ist, besteht in der durch die Freiwilligkeit bewirkten gar nicht zu verhindernden Schulversäumniß, so daß eine strenge Ordnung und hiermit ein regelmäßiger Fortgang und ein günstiger Erfolg des Unterrichtes gar nicht oder nur bei wenigen Schülern zu erzielen ist. Diese Mangelhaftigkeit wird sowohl bewirkt als erhöht dadurch, daß der von der Schule ausgeschlossene hebräische Unterricht von den Schülern und zugleich von vielen Ellern als nebensächlich, mehr als Last denn als Bedürfniß angesehen und deshalb vernachlässigt wird, während er, sobald er in den regelmäßigen Schulplan eingereiht ist, seine volle Bedeutung besitzt. Wir meinen sogar, daß die jüdische Confessionsschule, wenn der hebräische Unterricht aus ihr ausgeschieden ist. ihren eigentlichen Werth, ihre confessionelle Bedeutung verloren hat, und gerade dehalb nicht wenige Gemeinden in der Provinz Posen sich der Simultanschule zuneigen. Müssen sie einmal für die religiöse Ausbildung ihrer Kinder noch besondere Sorge und Opfer tragen, wozu noch, sagen sie, die Last einer besonderen Elementarschule auf unsren Schultern? Hinsichtlich des Religionsunterrichtes in den höheren Lehranstalten liegen die Verhältnisse anders, und haben wir uns hierüber jüngst ausgesprochen. Schirwindt, 2. September. «Privatmitth.j Die hiesige Gemeinde befindet sich in einer argen Bedrängniß und hat ihre Zuflucht zu einem Aufruf an die Wohlthätigkeit der Glaubensgenossen genommen. Es heißt darin: „In Anlaß der Zeitverhältniffe sind die wohlhabenden Mitglieder der hiesigen Synagogengemcinde durch Verziehen aus derselben geschieden und haben ihr ein, vor 12 Jahren zu Cultuszwecken angekaufleS Grundstück, dessen zwei Gebäude jetzt höchst reparaturbedürftig, mit einer Hypothekenschulv von 900 Thalern hinterlassen. Diese Schuld ist gekündigt. Die Kosten der Gebäude- Instandsetzung beziffern sich außerdem auf mehrere Hundert Thaler. Letztere müssen sogleich, die 900 Thaler aber bis zum 1. October d. I. beschafft werden. Die Verlegenheit wegen Beschaffung dieser Gelder ist groß; den zeitigen 22, meistens sehr armen Mitgliedern ist sie rein unmöglich und die Gemeinde befindet sich in der Roth, ihr Gotteshaus zu verlieren, wenn nicht bald Hülfe kommt. In Anbetracht dieser Verhältnisse hat das Königliche hohe Oberpräsidium zu Königsberg mittelst Rescripts vom 29. v. M. uns die Abhaltung einer Collecte bei den Glaubensgenossen gestattet." Die Richtigkeit dieser Angaben wird ausdrücklich vom Magistrate bezeugt. Die Sendungen werden an den ersten Vorsteher, Herrn I. Silbermann, erbeten. Oesterreich-Ungarn. Pest, 29. August. (Privatmitth.) Bekanntlich wurde nach den Organisationsvorschlägen des ungarisch-jüdischen Congresses das ganze Kronland für die jüdischen Gemeinden in Districte getheilt, deren Präsidenten von Zeit zu Zeit eine Versammlung abhalten, um den Bericht der israelitischen Landeskanzlei entgegenzunehmen, Decharge zu ertheilen und über Anträge zu beschließen. Eine solche Versammlung fand nach zweijähriger Unterbrechung am 26. d. M. statt. Der Bericht der Landeskanzlei wurde vorgetragen, und der letzteren der protocollarische Dank für ihre eifrige Wirksamkeit votirt. Hierauf wurden die Eomitös gewählt. Mittags 12 Uhr wurden die Districtspräsitenten vom Herrn Cultusminister Aug. T r 6 f o r t empfangen. Herr Nr. Joseph Ligeti gab der Freude der Versammlung darüber Ausdruck, daß die Inangriffnahme des Baues der Rabbinerbildungsanstalt nunmehr zur That geworden. Herr Minister Tr «fort erwiderte, er hoffe mit Bestimmtheit, daß das Rabbinerseminar mit Beginn des nächsten Schuljahres eröffnet werden wird. Ferner legte der Minister den Districtspräsibenten die Verbesserung der Lage der Lehrer in gewissen Gemeinden an's Herz, worauf jedoch Sr. Epcellen; vorgestellt wurde, daß in den meisten Fortschrittsgemeinden die Lehrer noch nie zu einer Klage Anlaß halten, daß ferner in den meisten Fällen, wo solche Klagen dennoch vorgekommen sind, den Lehrern die nöthige Abhülfe gewährt wurde, und daß daher begründete und in suspenso sich befindende Klagefälle nur aus solchen Gemeinden vorliegen können, die sich der Competenz der Congreßorgane nicht unterwerfen. Der in der Deputation anwesende Präses der israelitischen Landeskanzlei, Herr Martin Schweiger, erwähnte, daß in der Landeskanzlei an einem Memorandum gearbeitet wird, in welchem die Uebelstände genau dargelegt und zur Abhülfe derselben die nöthigen Anträge gestellt sein werden. Der Herr Minister versprach das Memorandum seinerzeit einer genaueren Prüfung zu unterziehen, worauf die Deputation sich entfernte, um sich zum Herrn Ministerpräsidenten Baron Bela Wenckheim zu begeben, der dieselbe um 1 Uhr empfing. Auf die Ansprache des Herrn Ilr. Joseph Ligeti, in welcher derselbe bat, daß Se. Excellenz vorkommenden Falles die Seminarangelegenheit seiner Unterstützung theilhaftig werden lassen möge, erklärte sich der Herr Ministerpräsident hierzu bereit, da er die Bildung ungarischer Rabbiner im Interesse des Landes nur willkommen heißen könne. Von hier aus begab sich die Deputation zum Minister des Innern, Herrn Koloman Tißa, der sich im gleichen Sinne, wie der Herr Ministerpräsident, auSsprach. Herr v. Tißa erklärte, daß kein Patriot der Errichtung l des Rabbinerseminars hindernd in den Weg treten könne, nur