Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 38 (14.9.1875)
- Date
- 1875-09-14
- Page
- Seite 609 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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609 errichteten Synagoge, Münzstraße 3. Der Prediger an dieser Synagoge — denn die deutsche Predigt ist diejenige Errungenschaft der neueren Zeit, welche auch die orthodoxe Partei angenommen hat — heißt Dr. Singer, ein noch junger Mann. Durch diese neuen Synagogen wird aber auch jenem oft gerügten Uebelstande allmälig abgeholfen, daß zu den hohen Feiertagen provisorische Betsäle in ganz unangemessenen Locrlitäten, vie sonst sehr entgegengesetzten Zwecken dienen, und als Gegenstand der Speculation, errichtet wurden. Vollständig ist dies noch heute nicht zu vermeiden, wie wir bereits früher berichtet haben: allein die einmal eingeschlagene Tendenz mit ihrem günstigen Erfolge wird sich weiterhin Bahn brechen, und das Bedürfniß in allen Stadtvierteln befriedigen. Man braucht darum nicht zu befürchten, daß die großen Synagogen hierdurch an Besuchern verlieren werden. Dafür sorgt schon das immerwährende Wachsthum der Gemeinde und die für die Ortsverhältnisse günstige Lage jener Synagogen. Nürnberg, 2. Sept. «Privatrnitth.) Der Juristentag hat, wie jährlich vor seinem Schluffe, seinen ständigen Ausschuß gewählt, und auch in diesem haben zwei Israeliten Platz gefunden: Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Jaques aus Wien und Justizrath Makower in Berlin. Es hat sicherlich seinen besonderen Werth, wenn Fachgenoffen, wie die Mitglieder des deutschen Juristentages, aus ihrer Mitte die Ehrenämter des Vereines Bekennern unsrer Religion übergeben. Es ist dies eine Würdigung, die uns so für viele ungerechte Anschuldigungen entschädigen mag. Wongrowitz, 26. August. «Privatmitth.) In 9ir. 35 d. Blattes beklagte der Correspodent aus Emcen, daß in der Provinz Posen der hebräische Unterricht vom Stundenpläne gestrichen ist und in der Schule selbst nicht mehr ertheilt wird. Meiner Meinung nach, ist es von großem Vortheile für die jüdische Schule und deren Lehrer, denn welch' aufreibende Thätigkeit ist nicht schon das Lehramt bei 32 wöchentlichen Lehrstunden, wie sie die „allgemeinen Bestimmungen" vorschreiben, und wie viel Zeit nehmen nicht Vorbereitungen für die verschiedenen neu eingesührten Lehrfächer, Physik, Chemie, Naturkunde, Raumlehre u. s. w. in Anspruch. Wenn nun dem jüd. Lehrer noch zugemuthet wird, neben Liesen 32 wöchentlichen Unterrichtsstunden und den Vorbereitungen für dieselben noch 10 bis 12 hebräische Stunden in der Schule zu ertheilen, wie es heute leider noch in den hannoverschen Gemeinden verlangt wird, was für Leistungen können in dem einen oder andern Fache zu Tage gefördert werden? Entweder der Lehrer ruinirt früh seine Gesundheit oder er muß nothgedrungen sein Amt vernachlässigen. Der Lehrermangel würde gewiß durch solche Ueberbürdung der Arbeiten noch viel größere Dimensionen angenommen haben, als er augenblicklich schon vorhanden ist. Welcher Jüngling würde da noch Lust verspüren, sich einem Fache zuzuwenden, welches im günstigsten Falle für circa vierzig Lehrstunden dann blos 300 Thaler ausbringt. Gerade durch das Streichen des hebräischen Unterrichts vom Stundenpläne sind die Gemeinden gezwungen, für einen geordneten und zeitgemäßen Religionsunterricht Sorge zu tragen. Gewöhnlich werden Religionsschulen eingerichtet, wo unter der Leitung von Rabbinern oder tüchtigen Lehrern auch die jüdischen Lehrer verwendet und besonders dafür honorirt werden. Mit Wegfall dieser Nebeneinnahmen könnte und kann kein jüdischer Lehrer existiren. Die Gemeinden bringen gern dieses kleine Geldopfer für die Religionsschule, da ihnen das Recht zusieht, ihre Lehrer sich selbst zu wählen und über die inneren und äußeren Angelegenheiten jener, zu bestimmen. Ueberdies genügte auch nie den Gemeinden der hebräische Unterricht, wie er früher nach dem alten Stundenpläne ertheilt wurde. Die Folge davon war, sie übergaben die Kinder einem „Melamed", einem heruntergekommenen Schuster oder Schneider, welcher sie mit seinem schlechten Jargon erst recht verdarb. Daher ist es ein Glück, daß wir jüdischen Lehrer nicht gezwungen sind, den hebräischen Unterricht zu ertheilen, denn dadurch können wir in unsrer Schule mehr leisten, und erhalten zum Wohle der Schule unsere Gesundheit länger als sonst. Die Gemeinden haben auch den Vortheil, daß eine allzufrühe Pensionirung nicht eintritt. G. Spiewkowski, Lehrer. Bemerkung der Redaction. Wir geben diese Correspondcnz eines bereits lange Zeit im Amte stehenden Lehrers, weil daraus hervorgehl, welche Verwirrung über den fraglichen Gegenstand noch vorhanden ist, und wie sehr er der Klärung bedarf. Der Correspondent geräth mit sich selbst in offenbaren Widerspruch. Er halt die Einreihung des hebräischen Unterrichts für eine Ueberbürdung des Lehrers, und der seine Gesundheit unterliegen muffe, und doch soll derselbe Lehrer an der jüdischen Religionsfchule unterrichten und könne das ihm hieraus zufließende Honorar gar nicht entbehren. Demnach findet die Ueberbürdung dennoch statt, und der Correspondent billigt sie um des Nebenverdienstes willen! Von einer anderen Ueberbürdung scheint er übrigens keine Ahnung zu haben, die uns aber nicht weniger am Herzen liegt, von der Ueberbürdung der Schüler. Zweiunddreißig Lehrstunden, welche doch auch häusliche Arbeiten nach sich ziehen und dann noch zehn bis zwölf Stunden hebräischen Unterricht — das ist eine Ueberbürdung, welche oen Schüler geistig und körperlich zu erdrücken vermag. Der Correspondent irrt aber gänzlich, wenn er meint, daß in der Schule selbst zu den 32 Schulstunden noch 12 für den hebr. Unterricht besonders hinzugefügt werden sollen. Diese Stundenzahl für das Hebräische kann von der Elementarschule nicht gefordert werden. Diese soll keine jüd. Gelehrten ausbilden, sondern nur die Elemente des Hebräischen beibringen, gerade wie für Physik und Raumlehre. Wer sein Kind in diesen letzteren über die Elemente hinausbringen will, muß cs besonders