Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 38 (14.9.1875)
- Date
- 1875-09-14
- Page
- Seite 607 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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607 „fest zugreifen", und auf Grund statistischen Materials die Geschichte dieser unseligen Periode aufklären und in's rechte Licht stellen sollen. Was die Vertheidigung gegen die Schwarzen und Feudalen betrifft, glauben wir niemals uns mit Plänkeleien begnügt, sondern seit vier Jahrzehnten den Kampf gegen sie mit aller Kraft und Anstrengung geführt zu haben, und zwar ohne jedwede Unterstützung von Seiten der Börsenmänner und Spcculanten; ja nicht selten gegen diese, wie schon in den vierziger Jahren gegen die Indifferenz des Hauses Rothschild für die allgemeinen und die jüdischen Culturverhältnisse. *) Es ist hier hervorzuheben, daß die Emancipation der Juden mit der ganzen Börsen- und Speculationswelt gar nichts zu schaffen hat. Denn was die letztere beschäftigt, durften die Juden zu allen Zeiten betreiben, und bedurften sie hierzu nicht erst der Emancipation. Es wird daher dem Correspondenten nur Dank zu wissen sein, wenn er mit sorgfältigem statistischen Material in der Hand eine gründliche Aufklärung über die jüngst verflossene Periode der Finanz und Industrie vorbereitet und schafft, und diese in einer besonderen Schrift oder einer, jenem Berufszweige gewidmeten Zeitschrift niederlegt. Wir werden dann mit Befriedigung von den Resultaten Kenntniß nehmen. Ja, diese Fluch des ultramontanen und feudalen Judenhasses wird wieder ablausen, und ihre Spuren, die sich höchstens auf der Oberfläche wahrnehmen lassen, werden wieder verschwinden und zwar um so rascher, jemehr die Juden selbst aus dem Erlebten ernste Lehre ziehen, und immer mehr nur auf solidem Boden zu arbeiten und aufzubauen sich bestreben. Das sicherste Gegenmittel liegt in dem Uebermaß und der Schrankenlosigkeit selbst, welche unsre Gegner kundgeben. So etwas kitzelt diejenigen, welche uns abhold sind, kann sie aber nicht zu feindseligen Handlungen bewegen, weil sie fühlen, wie ungerechtfertigt, wie unwahr, wie unsittlich es ist. Dem liberalen Aufbau des Staates aber werden sie keinen Schaden thun. So fanatisch auch die Parteiführer sind, mögen sie sich nicht täuschen: in den Herzen der Menge selbst, die sie zu beherschen glauben, wohnt die Neigung für die liberalen Grundsätze der Gesellschaft, und wenn die Jesuiten wirklich irgendwo zur vollen Herrschaft gekommen sein und die Principien des Syllabus durchzuführen versuchen würden: würde sich dasselbe Volk bald gegen sie erheben und ihren Stecken zerbrechen. t) Mit größter Befriedigung würden wir diesen Vorwurf;u jeder Zeit zurücknehmcn. Aber hat das Haus Rothschild B. der Hochschule für die Wissenschaft des Judcntbums oder einem der Rabbinerseminare, oder einem der Bothe hamidrasch, irgend eine erhebliche Spende gewahrt, um sie begründen und erhalten zu helfen'? Jetzt, den neuen katholischen Universitäten in Frankreich gegenüber, wird es dem Beispiele des Sir Jsaac Goldsmitl, folgen, der ein großes Capital zur Gründung der freien Universität zu London hcrgab, welche seitdem den veralteten Universitäten von Oxford und Cambridge gegenüber so segensreich gewirkt hat? Literarischer Wochenbericht. Bonn, 2. September. Die Erzählungen und Religionssätze der heiligen Schrift. Für die unteren Classen höherer Lehranstalten, bearbeitet von I)r. S. Baeck, Rabbiner an der Synagogengemeinde zu Lissa. Lissa, 187'», Scheibet. Der zweite Theil unter demselben Titel für die mittleren Classen. und als Anhang „die Religionssatze der h. Schrift für die oberen Classen". Man ersieht aus diesen Titeln, daß der Verfasser für die unteren und mittleren Classen der höheren Lehranstalten den Religionsunterricht lediglich in der biblischen Geschichte bestehen und die systematische Religionslehre für die oberen Classen bestimmt lassen will. Zu diesem Ende kehrt er zu der schon früher in ähnlichen Schriften befolgten Methode zurück, jedem Paragraphen der Erzählung eine Auseinandersetzung des in dem historischen Vorgang enthaltenen religiösen Gedankens, oder was von einem solchen an den Bericht angeknüpft werden könne, anzuhängen, mit Hinzufügung von Schriftstellen, die jedoch meist nur den Zahlen nach citirt werden. Man muß voraussetzen, daß dies eigentlich die naturgemäße Behandlung des biblischen Geschichtsunterrichtes sei und von jedem Lehrer befolgt werde. Allein, wer da weiß, wie selten in der großen Masse der Lehrer ein genügender Gedankenreichthum und der lebendige Ausdruck desselben zu finden sind, wird es dem Verfasser Dank wissen, daß er diesem Mangel abzuhelfen sucht. Wenn wir unsre Meinung unumwunden aussprechen sollen, so gestehen wir, daß wir die gedruckte Erzählung der biblischen Geschichten eigentlich für ganz überflüssig halten. Ein Lehrer, der diese nicht selbst seinen Schülern vorzutragen versteht, sollte seinem Berufe entsagen. Denn hierfür ist ihm ja der Stoff reichlich gegeben und da die Verfasser solcher Schriften, auch der unsrige, es stets als Grundsatz aussprechen, die Erzählung müsse sich möglichst an den Ton des biblischen Wortes halten, so ist dem Lehrer auch die Einkleidung gegeben. Die Erzählung der biblischen Geschichten den Schülern gedruckt vorzulegen, halten wir sogar für ganz unstatthaft, weil dadurch jede Frische und Lebendigkeit wegfällt» die auf das kindliche Gemüth den stärksten Eindruck macht. Solche gedruckte Erzählung würden wir daher nur zum Nachlesen gestatten. Deshalb erhält in unsren Augen das vorliegende Buch gerade durch die Zusätze zu jedem Paragraphen über den religiösen Gedankeninhalt seinen eigentlichen Werth. Dennoch bleibt es eine pädagogische Frage, ob für die ganze Dauer des Besuches der unteren und mittleren Classen der Wegfall der systematischen Lehre angemessen sei? An dem Faden der Erzählungen ist naturgemäß die Belehrung in Religion und Moral nur eine zerstreute, von einem Lehrmoment zum anderen überspringende, die wohl das religiöse und sittliche Gefühl zu wecken vermag, aber für das Bewußtsein nur verworren und verwirrend bleibt. Wir meinen daher, daß wenigstens für die mittleren Classen neben der Fortsetzung der biblischen Geschichte eine systematische Religionsunterweisung gegeben werden 38*