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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-09-14 · Heft 38 (14.9.1875) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 38 (14.9.1875)
Date
1875-09-14
Page
Seite 606 (sequence 2)
Language
German
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606 Asiens bis tief nach Nordamerika hinein. Es ist, wie gesagt, eine Nachfluth, von einem künstlich erregten Sturme bewirkt, die sich lediglich auf unsre Häupter ergießen soll. Was wir dagegen zu thun haben? Fest und aufrecht stehen zu bleiben, abzuwehren, was sich abwehren läßt, sonst aber ruhig abzuwarten, bis dieses Wasser sich wieder verlaufen har. Denn da wir es bei dieser Nachfluth nicht mit einem großen Naturereigniß, nicht mit einem nothwendigen Entwickelungsproceß zu thun haben, sondern nur mit einem Parteimanöver, wenn auch im großen Style: so kann das Uebel keine lange Dauer haben; unsre Gegner werden sehr bald das Schlimmste gesagt. Len Ausbruch ihrer leidenschaftlichen Bosheit erschöpft haben, und die augenblicklichen Folgen wieder verschwinden. Glücklicher Weise liegen die Grundsätze des modernen Staates bereits zu fest begründet und baut sich der zesammte Staat auf ihnen auf; noch glücklicher trifft es sich, baß wir trotz aller ultramontaner, feudaler und socialistischer Wühlereien in einer Periode der inneren Ruhe und Festigkeit im Staats- und Volksleben stehen, und am glücklichsten, daß der Verstand und die Gesittung des Volkes allen solchen Hetzereien unzugänglich sind und sich von der Wuth und dem Fanatismus der Parteiführer zu schlimmen Handlungen nicht verleiten lassen. All' die Begeiferung der „Germania", rer „Kreuzzeitung", des „Golos" und res „Univers" mit ihrem ganzen Gefolge wird daher weder die gesetzlichen Verhältnisse der Juden erschüttern, noch Pöbelaufläufe gegen sie bewirken. Allerdings werden diese weitverbreiteten Angriffe einen gewissen Grad von Mißtrauen gegen die Juden erneuern, und ihnen in geselliger und gewerblicher Beziehung mancherlei Schwierigkeiten auffrischen; aber die Zeit wird diese Uebelstände wieder ausgleichen, da sich schließlich die Verhältnisse der Einzelnen nach deren Handlungsweise und Charakler ordnen und zurechtstellen. Dies ist unser Ansicht im Allgemeinen. Der Kunstgriff unsrer Gegner ist sehr leicht zu fassen. Daß unter Len Börsenspeculanten, Gründern und Schwindlern eine Anzahl Juden war und zwar in einem das Bevölkerungsverhältniß übersteigenden Maße, muß zugestanden werden. Unsere Gegner sagen nun: alle Börsenmänner, Gründer und Schwindler waren und sind Juden, und alle Juden sind Börsenmänner, Gründer und Schwindler. Dies ist der Angelpunkt, um welchen sie sich drehen. Zwar müssen selbst sie zugestehen, daß auch Christen unter jenen Leuten waren, aber deren Zahl wird möglichst verringert, und sie werden nur als Verführte hingestellt; man bezeichnet sie als „Judengenoffen", und schlüpft leicht über sie hinweg. Die Juden sind die Urheber alles Uebels. Dann geht man einen Schritt weiter. Die Juden haben Liesen Einfluß durch den Liberalismus erhalten; dieser wird von ihnen beherrscht, und durch ihn ruiniren sie den Staat und die ganze Welt. Dies ist das ganze Lied, daß sie in allen möglichen Variationen singen. Hiermit ist auch >ie Aufgabe gestellt, welche die Redactionen specisisch jüdischer Blätter zu lösen haben: Die Juden gehören der liberalen Partei an, aber der Liberalismus ist das Product der gesummten modernen Culturentwickelung und es ist nur eine Fälschung und lächerliche Uebertreibung, daß die Juden die eigentlichen Führer, Träger und Beherrscher des liberalen Staates seien; unter den Männern der Börse und der Industrie sind auch Juden; aber es ist eine Fälschung und eine lächerliche Uebertreibung, daß die Juden vorzugsweise oder gar allein die verderbliche Richtung hervorgebracht haben, welche Börse und Industrie in der letzten Zeit verfolgten, und eine niederträchtige Verleumdung, welche die gesammte Juvenheit daran betheiligt sehen will. Dies mit allem Nachdruck nachzuweisen und immer wiederholt der öffentlichen Meinung vorzustellen, ist unsre Aufgabe. Weiter erstreckt sie sich nicht. Uns in den ganzen Sumpf der Gründerei und des Schwindels zu versenken, seine Tiefe und seinen Umfang zu bemessen, seine Ursachen und Wirkungen zu erforschen — dies kann uns nimmermehr aufgebürdet werden. Wir sind hierzu weder verpflichtet, noch befähigt. Dies müssen wir mit einigen Worten näher beleuchten. Keine äußerliche Verpflichtung nölhigt uns dazu. Von den jüdischen Borsenmännern und Gründern hat unter hundert kaum einer irgend ein jüdisches Blatt gehalten, kaum zwei haben jemals eines gelesen; solche Bestrebungen lagen ihnen viel zu fern. Wie sollte es daher für uns eine Verbindlichkeit sein, in ihren Nöthen für sie einzmreten? Aber auch die innere Verpflichtung fehlt gänzlich. Die jüdische Presse vertritt nur die gesammte Judenheit. Würde sie Front machen für die Interessen der Börsenmänner und Gründer, selbst nur in dem Bruchtheil, den von denselben Juden ausmachen, so könnte sie nur die Meinung Hervorrufen, daß die Jntereffen der gesammten Juvenheit mit den jenes kleinen Häufleins identisch oder nur verwachsen seien. Dies müssen wir energisch zurückweisen und haben es in der glücklichsten Periode jener Ueberspeculation und des Schwindels in diesem Blatte gethan. — Wir sind aber auch gar nicht dazu befähigt. Die specifisch jüdische Presse und insonders unser Blatt ist vorzugsweise religiös. Die religiösen Interessen des Judenthums stehen ihr in erster Linie. Wenn sie sich mit politischen und socialen Momenten beschäftigt, geschieht dies zuerst theoretisch, weil das Judenthum Politik und Gesellschaft vom religiösen Standpunkte auffaßt, alles Menschliche (Humane) als religiös versteht und eine Trennung zwischen Religion und Gesellschaft zwischen der Versittlichung des Individuums und der der Gesellschaft nicht zuläßt. Alsdann weil die Emancipation der Juden von der Emancipation des Judenthums, die Gleichberechtigung jener von der dieses gar nicht zu trennen ist. Ueber diesen Punkt hinaus darf sie nicht gehen, ohne ihrem Berufe untreu zu werden, ohne ihren religiösen Grundcharakter zu verleugnen und sich in Dinge zu mischen, die gar nicht zu ihrer Cognition gehören. Der Einsender obiger Zuschrift irrt daher vollständig, wenn er meint, daß die jüdischen Organe hinsichtlich der Börsen- und Gründergeschichten sich nicht mit „Plänkeleien" begnügen, sondern

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