Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 37 (7.9.1875)
- Date
- 1875-09-07
- Page
- Seite 597 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227052--33814-3303642- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
597 lauge ausbleibst, habe ich so wenig im Hause, daß es uns vor Hunger kaum schützen wird. Was denkst Du denn Dir eigentlich, wohin diese Dinge uns führen sollen? Hältst Du Dich wirklich für berufen, wo die Christen sich mit Feuer und Schwert verfolgen. Dich zwischen ihnen zu stellen und denen zum Sieg zu verhelfen, die Du begünstigst? Du erscheinst mir wie ein Spieler, der sein Höchstes auf eine Karte setzt, und wenn sie umschlägt, Alles verliert. Er weiß es, aber die Spielwuth beherrscht ihn." So und noch lange Zeit flucheten die beißenden Borwürfe aus dem Munde der Frau, die ihrem gepreßten Herzen einmal so recht Lust machte. Merr ließ sie gewähren; er verhielt sich ruhig. Im Grunde fühlte er, daß sie aus ihrem Gesichtspunkte Recht habe. Dem Gedankengange des Mannes, wenn er über das Gewöhnliche hinausgeht, vermag das Weib nicht zu folgen, das mit den Forderungen und Sorgen des Augenblicks beschäftigt ist. Sei ruhig, theure Mirjam," erwiderte er mit sanftem, aber entschiedenem Tone, als er endlich zum Wortekommen konnte. „Ich werde mich vor jeder Gefahr zu schützen wiffen, und stehen wir doch Alle in Gottes Hand. Auch warte nur noch eine Zeit lang, und der Nutzen aus meiner Thätigkeit wird Dir sichtbar werden. In einer Zeit, wo Alle um uns am Gut und Erwerb leiden und verlieren, können wir allein doch nicht verlangen, unversehrt zu bleibeu. Du und die Kinder werden immer vor Nolh gesichert sein. Du weißt selbst, wo ich in der Mauer des Hinteren Kellerraumes einen reichlichen Nothpfennig verborgen habe. Eines aber darfst Du nie vergeffen: ich habe Dein, der Kinder und mein Leben durch einen Berrath an dieser Stadt und an diesem Lande verkauft, und somit muß ich diese Schuld zurückzahlen, theuer zurückzahlen, und kann nicht nach meinem Belieben willkürlich sagen: jetzt ist es genug, jetzt bin ich quill mit euch! Auch wäre dies für uns sehr gefährlich, denn wer sich in einen Dienst begeben, ruft de» heftigsten Zorn über sich, wenn er ihn mit einem Male verläßt. So vertraue mir nur, theures Weib; ein Blick auf diesen Knaben uöchigt mich, die Ehre der Kalonymus wieder herzustellen, daß ich fie ihm rein wie einen blankpolirten Schild übergeben kann." Er umarmte sie trotz ihres Sträubens. Doch an seiner Brust wurde sie weicher gestimmt, Thräuen entrannen ihren Augen, und als er aus dem Zimmer entwichen war, warf sie sich jammernd auf ihr Bett. — Me>r hatte mit dem Gedanken an die Wiedereroberung Halles, dieser Volks- und verkehrsreichen Stadt an der Saale, einen Funken in die Seele des Administrators geworfen, der zur hellen Flamme wurde, als die Kaiserlichen zurückwichen und ihr Hauptcorps gegen die Oder aufgebrochen war. Er ließ Meir zu sich kommen, und besprach sich mit ihm auf's Eingehendste über diese ihm so wichtige Angelegenheit. Es sollte Alles geheim gehalten und durch Ueberraschung ausgeführt werden. Er verschwieg deshalb sein Unternehmen allen seinen Verbündeten und Freunden, um durch die vollendete Thatsache sein gesunkenes Ansehen wieder zu heben. Im offenen Felde hatte er sich nicht zu halten vermocht. Dazu war der von ihm angeworbene Heerhaufen zu klein. Als er sich mit Merr verständigt und ihm die nöthigen Ordres allsgefertigt hatte, entließ er ihn mit großartigen Versprechungen, auf die Me>r freilich nicht viel gab. Dieser kehrte noch einmal nach Hause zurück, um sich mit allem Nöthigen zu versehen, und von den Seinigen sich zu verabschieden. So sehen wir ihn jetzt in die stille Nacht hinauswandern, den Schmerz in seiner Brust, daß sein geliebtes treues Weib mit ihm unzufrieden und nicht einverstanden sei. Ach, auch er hätte gewünscht, niemals aus seinem ftühern stillen Glücke herausgetreten zu sein, in welchem er so beftiedigt gelebt und in Ruhe und Sicherheit sein Brod in Ehren erworben hatte. Aber hatte er dieses heimliche, zweiderttige und gefährliche Wesen aus fteien Stücken gewählt? war es ihm nicht als ein trauriges Geschick aufgedrängt worden, mußte er es nicht bis zu Ende durchzuführen suchen, um mit Ehren daraus hervorzugehen? .. . Die großen Herren, überhaupt Alle, die irgend einen öffentlichen Charakter haben, bilden sich ein, daß sie allein Ehre besitzen und zu vertheidigen haben, und daß die übrige große Masie zu kommen und zu gehen habe, wie es sich für sie gerade macht, höchstens um ihres Erwerbes und Bortheils willen. Aber es ist nicht so. Bis in vie untersten Schichten hinunter hegt jeder Mensch seine eigenrhümliche Ehre, deren Gegenstand mannigfaltigster und oft sonderbarster Art ist. und die beiden Tagelöhner, die da auf der Straße mit ihrem Arbeitszeuge in eiftigem Gespräche nebeneinandergehen, haben ihren Ehrgeiz für sich, und schmähen und verschwören sich gegen den, der ihn verletzt haben soll. Ein so kühner und reicher Geist, wie ihn dieser Jude Meir aus der Familie Kalonymus in sich trug, mußte einen hohen Ehrgeiz nähren, der fteilich nicht darauf ausging, sich in die Reihen der Vornehmen und berühmten Männer zu drängen, sondern den Ruf der Ehrenhaftigkeit und Treue, wohl auch gar großer Gewandtheit und geistiger Ueberlegenheit bei Allen zu hinterlasien, die ihn in dieser seiner Thätigkeit kennen lernten. Er konnte daher diesen Pfad nicht verlaßen, bevor er ihn nicht zu einem gewiffen Abschluß gebracht hätte. Alles dies ging ihm durch Kopf und Herz; aber wie er in dunkler Nacht, doch festen und sichern Schrittes, da er jeden Stein und jeden Baum in der Landschaft kannte, dahineilte, fühlte er auch bald, daß er alle diese Gedanken und Empfindungen von sich abschütteln müffe, denn er hatte einen weiten Weg und am Ziele desselben viel zu schaffen. Er mußte möglichst vor Tagesanbruch die Stadt Querfurt erreichen und durfte dabei nicht den geraden Weg verfolgen, der ihn zweimal über die Saale zu setzen genöthigt hätte, so daß ihn die Fährleute sehen und erkennen mußten, was er vermeiden wollte. Er verblieb daher auf dem linken Saalufer, was einen ziemlichen Umweg bedeutete. Er schritt mächtig aus, und erreichte auch sein Ziel zur gewünschten Zeit. So gut wie unbemerkt kam er zu dem Manne, 37