Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 37 (7.9.1875)
- Date
- 1875-09-07
- Page
- Seite 595 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227052--33812-3303640- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
selben und ein unparteiisches Uriheil selbst in der liberalen Preffe zu berichten haben, so gestatten Sie mir wohl mit einigen Worten auf eine rühmliche Ausnahme zu verweisen. Im Feuilleton der „Neuen freuen Presse" vom 25. d. findet fich ein solcher Aufsatz unter dem Titel „das Iudenthum im modernen Staate", unterzeichnet C. v. W. Die „N. fr. Pr." nimmt in Beziehung auf Religion einen sehr radikalen Standpunkt ein, und nicht selten finden sich in ihr Auslassungen, welche das religiöse Gefühl auch des freisinnigen Lesers tief verletzen. Um so weniger ist demnach der vorliegende Aufsatz als aus irgend einer religiösen Borliebe entstanden anzunehmen, wie dem auch einige unbedeutendere factische Irrthümer verrathen, daß er aus einer nicht jüdischen Feder geflossen. Der Autor sucht die Factoren auf, durch welche es dem Judenthume möglich war, sich durch so viele Jahrhunderte res Druckes und der Verfolgung zu erhalten, in einer besser gearteten Gesellschaft sich der Cultur hinzugeben, und dieser so bedeutende merkantilische, künstlerische und wissenschaftliche Elemente zuzuführen. Er findet diese Factoren in der Dogmenfreiheit, welche neben dem einengendsten Gesetze für das Leben dem Geiste die freie Forschung gewährte, in der Unvermischtheit der Race und in dem Mangel aller priesterlichen Autorität. Hierzu haben sich nuu als wirksamer Factor die Borurtheile gesellt, welche dem Juden in allen seinen Bestrebungen von Kindheit an entgegentraten und die ihm, wollte er in irgend einem Berufe vorwärts kommen, die größten Anstrengungen nothwendig machten, so daß die Spannkraft des jüdischen Geistes stets eine frische und erhöhte blieb. Dies steigerte sich denn auch oft zu einem vorwiegenden Ehrgeize. Man dürfe den Juden durchaus keine unmäßige Habgier zuschreiben, sondern viel öfter einen irregeleiteten Ehrgeiz. In politischer Beziehung ständen die Juden ihrer Natur nach auf dem conservativen Boden, besonders auf dem monarchischen. Eine starke Regierung sichere sie vor den Excefsen ihrer nie rastenden Feinde, und sie selbst stützten sich zu sehr auf das historische Recht, als daß sie sich von diesem entfernen sollten. Andererseits haben sie ihre ganze Stellung den liberalen Grundsätzen des liberalen Staates zu verdanken, und nur von ihnen haben sie den Bestand ihrer Verhältnisse zu erhoffen. Die Masse der Juden befinde sich daher stets auf der conservativ liberalen Seite. In Galizien wie in Böhmen seien sie daher vor Allem verfassungstreu und der slavischen Bevölkerung gegenüber deutsch gesinnt. Es heißt hier wörtlich: „In Deutschland, in England, in Frankreich, in den Niederlanden, überall, wo das öffentliche Leben und die Staatsversaffung von dem Vernunftrechte durchtrankt sind, zählen die Juden zu den eifrigsten Patrioten, und die Stammesverschiedenheit ist für sie entfernt kein Hinderniß, sich aus voller Seele mit der Nation zu identificiren, freudig die größten Opfer für das Land zu bringen, das ihr rechtes und echtes Vaterland geworden. Bei uns in Oesterreich, specieller in Böhmen und Galizien, wo die Hauptmasse derselben wohnt, trifft das umsomehr zu, als in beiden Kronländern die dortigen slavische Racen, eben weil sie der humanistischen Bildung weniger theilhafrig sind, als die deutschen, judenfeindlich im innersten Wesen, den scharfblickenden Söhnen des alten Bundes eine traurige Existenz schaffen würden, gelänge es je, sie von den Rechtszuständen der Gesammtmonarchie loszutrennen. Wie schlecht und corrumpirt das Deutsch sei, das der galizische Jude kauderwälscht, sein praktischer Verstand sagt ihm roch, gleichwie dem böhmischen Glaubensgenossen, daß eine der großen Weltsprachen, wie die deutsche, für seine Kinder im Leben und im Beruf von unendlich größerem Werth und Nutzen sei, als Czechisch oder Polnisch. Nicht nur Brodh kämpft gegen den Alles polonisirenden galizischen Landesschulrath um seine deutschen Schulen, selbst aus den kleinsten Judengemeinden Galiziens dringt bis nach Wien das lebhafte Gesuch um Unterstützung ihres Strebens, deutsche Trivialschulen im Sinne unseres Schulgesetzes zu errichten, Bittgesuche, denen bedauerlicherweise bisher allzu wenig Berücksichtigung geschenkt wurde. Mehr zu beklagen ist. daß auch von Seite der Regierung — selbst zur Bach'schen Unificirungs- und Germanisirungsepoche, wo doch der Versuch so nahe lag — ein Ferment zur Geltendmachung der österreichischen Staatseinheil, wie das, welches in den 500,000 galizischen Juden ganz bereit vorliegt, völlig mißachtet blieb. Abgesehen von der finsteren, bornirten Secte der Chassidim ist unter den galizischen Juden das lebhafte Streben erwacht, Oesterreicher zu sein, nur Oesterreicher, wie ihre Glaubensgenossen in den deutschen Erblanden; aber man erlaubt es ihnen nicht unter der Herrschaft der allgemeinen Staatsverfassung." Frankreich. Pariö, 20. August. (Privatmitth.) Das Augustheft der monatlichen Bülletins der Alliance enthält außer vielfachen Schulnachrichten nichts Erfteuliches. Das Eentralcvmitö hat eines ihrer würdigsten Mitglieder durch den Tod des Oberrabrabbinen von Ferrara, Jsaac Ascoli, der über 40 Jahre das Rabbinat dieser ansehnlichen Gemeinde Italiens belleidet hat, verloren. — Nach den Correspondenzen aus Rumänien sind bereits die meisten Hoffnungen, die an den Handelsvertrag mit Oester. reich-Ungarn geknüpft worden, durch die Interpretation des rumänischen Ministeriums als vereitelt anzusehen, da einerseits die Benefizien des Vertrages betreffs der ländlichen Gemeinden ausdrücklich ausgenommen worden, andererseits jevem der contrahirenden Staaten das Recht, polizeiliche Maßregeln nach Belieben zu treffen, Vorbehalten worden. Hierdurch wird es der rumänischen Regierung leicht, den österreichisch-ungarischen Unterthanen in Rumänien jede Ausübung eines Rechtes vorzuenthalten. Der rumänische Minister hat in der Deputirtenkammer dessen auch gar kein Hehl gemacht. Man sieht, daß der Graf Andrassy um erwarteter Handelsvortheile willen die Rechte der österreichischungarischen Unterthanen geopfert hat. Da er wußte, daß hier-