Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 36 (31.8.1875)
- Date
- 1875-08-31
- Page
- Seite 582 (sequence 12)
- Language
- German
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582 Me>r brachte Frau und Kinder heimlich aus der Stadt und über die Grenze nach dem kleinen, von der Kriegsfurie noch nicht berührten Städtchen, wo seine Schwiegereltern wohnten, und übergab ihnen alles werthvolle bewegliche Gut, das er mit sich hatte nehmen können. "Stoer er blieb selbst nicht dort, obschon er da, wenig gekannt, wie er war, ungestört hätte weilen können. Er nahm Abschied von den Seinen, und richtete geradezu seinen Weg nach Magdeburg. Hier begab er sich in das große Haus am Neumarkt, welches der Markgraf Christian Wilhelm bewohnte, und erbat sich bei diesem eine Audienz. Unerschrocken trat er vor den Administrator, und berichtete ihm urit einfachen und klaren Worten den ganzen Vorgang. Er komme, sagte er, die ihm zukommende Strafe zu verbüßen. Christian Wilhelm war ein aufbrausender Mann, und als er Len vor sich sah, welchem er nach deffen eigenem Geständniß den Verlust von Stadt und Burg Barby und seiner dortigen Besatzung zu verdanken hatte, schimpfte er ihn einen Hochverräter, speite ihn an, schlug ihn mit einem Stocke und ließ ihn in ein scheußliches Gefängniß werfen. Aber die Redseligkeit und Unentschlosienheit des Markgrafen ließ ihn bald den Rath seiner Freunde über den seltsamen Vorgang einholen, besonders des Bürgermeisters Otto Gericke und des schwedischen Abgesandten Stahlmann. Diese bewogen ihn, den Gefangenen ihnen vorführen zu lasien. Me>r hatte sich in seiner Haltung, in der männlichen Fasiung, die er sich zu bewahren gewußt, nicht verändert. Er erzählte feine Geschichte noch einmal, bestand ein Kreuzfeuer von Fragen ohne Zögern und Schwanken, und der Ton der Wahrhaftigkeit klang jenen einsichtsvollen und erfahrenen Männern aus jedem seiner Worte so sehr heraus, daß sie ihn für schuldlos erklärten. Sie befragten ihn über die Stärke, Stellung und Beschaffenheit des Feindes, und er stand nicht an, ihnen den vollsten und bestimmtesten Aufschluß zu geben, indem er offen versprach, daß er Alles, was dem Lande zum Nutzen gereiche, thun werde, um sein unfreiwilliges Vergehen an diesem zu sühnen. Er rieth von jedem Kampfe im offenen Felde, zu welchem der Administrator sich geneigt fühlte, abzustehen, da die Waffenrüstung und Disciplin der Kaiserlichen sie weit überlegen mache; hingegen alle Schanzen, Redouten und Forts in der Umgegend stark zu besetzen und kräftig zu vertheidigen, da es jenen bis jetzt an Geschütz fehle, und wenn sie keine Fortschritte machen könnten, sich bald wieder zurückziehen müßten. Dann solle man sie mit aller Krast verfolgen und Halle wiederzugewinnen suchen, besonders aber die Moritzburg, ohne deren Besitz die Stadt keinen dauernden Stützpunkt zu bieten vermöge. Seine Zuhörer waren erstaunt über die Einsicht und das Verständniß der Dinge bei einem so einfachen Manne, und stimmten darin überein, Me>r in ihre Dienste zu nehmen, und seine Gewandtheit und Kenntniß der Landschaft zu benutzen. Me>r wies jedoch jeden Lohn von sich ab und wollte einen solchen erst in Empfang nehmen, wenn das ganze Land glücklich von den Feinden befreit sein würde. Da lag freilich eine noch längere Zeit vor ihnen, als die hier versammelten Männer ahnen konnten. Me>r hatte nur allzuhäufig Gelegenheit Dienste zu leisten, und trug für seinen Theil dazu bei, den nächsten Kriegslaufen für die Landschaft eine günstige Wendung zu schaffen. Wir wollen es offen gestehen, er stand nicht an, das Ansehen hierzu zu benutzen, welches er bei den Kaiserlichen besaß. Nach Barby kehrte er erst zurück, als der Feind abgezogen war. Der Rath der Stadt Magdeburg hatte Me>r einen Freibrief ausgestellt und der Administrator unterzeichnet, worin Me>r von aller Schuld freigesprochen und seine Treue und Hingebung für die gemeine Sache höchlichst belobt wurde. Diesen Brief legte er den Rathsherren von Barby vor, die ihn auch der versammelten Bürgerschaft vorlesen ließen. So konnte Me>r mit seiner Familie wieder nach seiner Vaterstadt zurückkehren und unangefochten daselbst leben. Aber das alte Vertrauen stellte sich nicht wieder ein; man scheute sich vor ihm, hielt ihn im besten Falle für zweideutig und eine unheimliche Natur. Dies mußte er sich gefallen lasten. «Fortsetzung folgt.) Di-. Samuel Mayer. Nekrolog. Samuel Mayer wurde geboren zu Hechingen den 3. Jan. 1807, in einer Zeit, wo die Israeliten, um unbehelligt ihrem Erwerb nachgehen zu können, noch des besonderen „Hochfürstlichen Schutzes" bedurften. Es mochten die frühe zu Tage getretenen geistigen Fähigkeiten des Knaben die nicht mit Glücksgütern besonders gesegneten Eltern bestimmt haben, denselben dem Studium zu widmen. Er ttat zunächst in die von der Familie Kaulla gestiftete Talmud-Schule (in der „Münz") ein. Mayer erhielt nebenbei von Privatlehrern noch Unterricht in der lateinischen und französischen Sprache. Im Frühjahr 1823, also 16 Jahre alt, begab er sich nach Mannheim zum Einttitt in das Lyceum und zum Besuche des dortigen Bet-Hamidrasch, und im Frühjahr 1826 bezog er die Universität Würzburg, wo er neben den gewöhnlichen Vorlesungen an der Hochschule, die talmudischen Borträge des Oberrabbiners Abraham Bing, besuchte. Drei Jahre verweilte er in Würzburg und mochte die reizende Umgebung der schonen Mainstadt in ihm auch die poetische Ader geweckt haben. Er erzählte später wenigstens gerne im Kreise junger Zöglinge, welche er in den Versformen unterwies, wie er einst in Würzburg einem Profeffor gegenüber, dem er seine poetischen Versuche zur Beurtheilung übergab und von diesem wegen einiger Verstöße gegen die Metrik getadelt wurde, sich entschuldigend äußerte, Schiller habe es ebenso gemacht, und darauf von dem Lehrer die Antwort erhielt, wenn Sie einmal dichten können, wie Schiller, so dürfen Sie sich solcher Freiheiten auch bedienen, vorläufig aber sind Sie noch nicht so weit und müssen