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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-08-31 · Heft 36 (31.8.1875) · p. Seite 581

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 36 (31.8.1875)
Date
1875-08-31
Page
Seite 581 (sequence 11)
Language
German
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581 Leute keine Grenze setzen. Mißlingt der Ueberfall, so muffen wir morgen abziehen, und dies wird nicht ohne großen Schaden der Stadt geschehen. Die Erfüllung Deiner Bedingungen hängt also von Dir selbst und Deiner Geschicklichkeit ab." „Dann setzte ich aber voraus," fügte Me'i'r hinzu, „daß die Besatzung von dem Lärmen in der Stadt nichts gehört hat. was wohl bei dem starken conträren Winde möglich ist, und daß Niemand aus der Stadt zur Burg gelaufen, um die ihr drohende Gefahr bekannt zu geben. Ihr werdet dies wohl bedenken, um mich nicht eines Fehlers zu zeihen, den ich nicht begangen." „Gut, gut. Ich habe dafür gesorgt und alle Ausgänge der Stadt besetzen lassen. Jetzt sag' mir. was Du für einen Plan gefaßt." Er winkte den Leuten, zurückzutreten, und ging mit Me>r in einen Winkel des Zimmers, um sich mit ihm leise zu besprechen. Es mußte ihm zusagen, was Me-r ihm mirrheilte. Nach einiger Zeit befahl er zweien seiner Leute, hier zu bleiben, die Frau thun zu lassen, was sie wolle, aber die Kinder streng zu bewachen. Dann trat er mit Me'i'r, dem die beiden anderen Dragoner auf dem Fuße folgten, auf die Straße hinaus. Auf dem Markte war der größte Theil des feindlichen Trupps versammelt; in der ganzen Stadt waren Posten vertheilt. Mit möglichst geringem Geräusche zog die Schaar zum Thore hinaus, der Officier und Me'i'r an der Spitze. Die Nacht war dunkel; der Regen hatte aufgehört, aber der Wind jagte finsteres Gewölk am Himmel hin, an welchem kein Sternlein sichtbar war. Eine halbe Stunde von der Stadt gelangte die Schaar an einem Haufen Ruinen an, die Trümmer eines Klosters, das ein halbes Jahrhundert früher vor der Brandfackel des Krieges in Trümmer gesunken. Man hatte Steinhaufen zu überklettern und durch wildes Gestrüpp zu dringen. Merr führte den Officier nach einem Thurme, der ziemlich unversehrt geblieben. Im untern Raume befand sich eine Oefsnung, die früher wohl durch eine Thüre verschloffen gewesen. Er sprach: „Hier ist der unteridische Gang, der vom Kloster in den Hof der Burg führte. Er ist noch ziemlich gangbar und so Manchem in der Umgegend bekannt. Von der früheren Besatzung wurde er öfters benutzt, um einen heimlichen Ausflug zu machen. Die jetzige ist erst seit Kurzem eingerückt, neugeworbene Söldner des Herrn Markgrafen. Ob dieser der Gang bekannt ist, weiß ich nicht. Am oberen Ende ist er durch eine Pforte verschloffen, die nicht schwer zu öffnen sein wird, und einiges Gerölle liegt darum, das man hinwegräumen muß. Man wird mit Vorsicht vorangehen müffen, doch das ist Ew. Gnaden Sache." Der Ueberfall gelang vollständig. Von der Nähe eines Feindes hatte man keine Ahnung. Besondere Vorsichtsmaßregeln waren nicht getroffen. Die Kaiserlichen erreichten ungefährdet das Ende des unterirdischen Ganges, drangen in den Hof der Burg, überwältigten schnell die schläfrigen Wachtposten, vor denen sie wie aus dem Boden gestiegen erschienen, und überraschten den übrigen Theil der Besatzung im Schlafe; nur hier und da trafen sie aus einen kurzen, schnell beendigten Widerstand. Als die Sonne aufging, flatterte die kaiserliche Fahne von den Zinnen der Burg. Der commanvirende Officier hielt das Versprechen ein, das er Me'i'r gegeben, und forderte um so mehr von diesem auch die Erfüllung seiner zweiten Ausgabe. Ein panischer Schrecken war über die Landschaft ausgegangen, und man kam daher den Forderungen des Feindes widerstandslos nach, da sie mit dem scharfen Schwerte und mit geladener Büchse unterstützt wurden. Me'i'r suchte sich sein Gewiffen zu salviren, indem er den fouragirenden Trupps die Scheunen und Niederlagen der Begüterten nachwies, und sie möglichst von den Hütten der Armen zurückhielt. Aber er konnte es nicht verhindern, daß er oft genug bei den Kaiserlichen gesehen, und daß sein "Name als der eines abscheulichen Verräthers, der mit dem Feinde im Bunde gestanden, genannt wurde. Bald beschuldigte man ihn sogar, die Feinde herbeigerufen und in die Stadt gelaffen zu haben. Meir erfuhr dies bald; er konnte es sich ja im Voraus denken. Er litt unendlich darunter; seine Gestalt versiel, sein Antlitz furchte sich, sein Haar ergraute. Zwar wagte Niemand, so lange die Kaiserlichen da waren, ihm Etwas zu Leide zu thun. Aber wohin er kam, begegenete er feindlichen Blicken, Haß und Verachtung, und nicht selten verstand er die Flüche und Verwünschungen, die ihm leise zugeflüstert wurden. Ja, was ihn noch mehr kränkte, bisweilen wandten sich die Leute an ihn und boten ihm Bestechung an, um dem Feinde ihre Vorräthe verheimlichen zu helfen. Auch unmittelbaren Schaden erfuhr er, Niemand wollte mehr mit ihm zu schaffen haben, Niemand ihm Etwas ver- und abkaufen. Er sah in die düsterste Zukunft hinaus. Was sollte aus ihm werden, wenn die Kaiserlichen geschlagen oder von selbst wieder abziehen würden? ... Er konnte nur erröthen vor Scham und Aerger als der commandirende Officier ihm eine klingende Belohnung einhändigen wollte; er wies sie mit Abscheu zurück, und nahm nur ein ehrenvolles Zeugniß für seine geleisteten Dienste, weil er dies doch einmal in etwaigen Nothfällen gebrauchen konnte. Der Officier schüttelte den Kopf; das war ihm in der That noch nicht vorgekommen; und fast hätte er das Zeugniß zurückgefordert, weil er sich sagen mußte, daß toch nur die Furcht und der Schrecken den Gehorsam des Juten gefesselt hatte. Jndeß, was war daran gelegen; hatte er doch ganz andere Dinge aufmerksam zu erwägen. Me'i'r mußte einen Entschluß faffen. „Meine Rechnung mit ihnen ist abgeschlossen," sagte er zu sich selbst. „Ich habe keine Verpflichtung gegen sie; ich habe nichts von ihnen angenommen; ich habe freie Hand. Ihr habt mein Leben mit Schmach bedeckt, meinen Ehrennamen in Verruf gebracht, mich zu einem schändlichen Berrath durch die Schwerter gezwungen, die Ihr auf die Brust meines Weibes und meiner Kinder zücktet — Ihr seid zwiefach meine Feinde, und ich habe da8 Vergehen zu sühnen, das zu vollführen Ihr mich nölhigtet." 36*

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