Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 36 (31.8.1875)
- Date
- 1875-08-31
- Page
- Seite 576 (sequence 6)
- Language
- German
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576 man wirklich mit solchen Fragen und Formeln noch heutzutage^ der Religion wahrhaft zu dienen und die Völker zum Fortschritt zu bringen? . . . Eine andere Frage war, ob die Ordination in der anglikanischen Kirche gültig sei oder nicht? Hoffentlich wird man dies bejahen. Müssen wir vom jüdischen Standpunkte aus Liese Vereinigungsversuche als willkommen begrüßen, da hierdurch die religiöse Duldsamkeit nur kräftig gefördert werden kann, so bedauern wir doch aufrichtig, daß es sich dabei, wenigstens bis jetzt, um derartige Spitzfindigkeiten handelt, welche aus Stützung des alten Dogmenwesen hinauslaufen, aber den Geist der Zeit nur verletzen. Bonn, 17. August. (Privatmittheil.) Bei der in voriger Nummer besprochenen Frequenz der höheren Lehranstalten durch die jüdische Jugend drängt sich uns noch eine andere Frage auf. Der preußische Staat umfaßt so verschiedenartige Provinzen, daß es immerhin von Jnteresie ist, zu erfahren: findet dieser bedeutende Besuch der höheren Lehranstalten durch jüdische Schüler in allen Provinzen in gleichem oder ungleichem Maße statt? Zur Beantwortung dieser Frage scheuten wir nicht, eine Reihe von Berechnungen anzustellen, und das Ergebniß war folgendes. Nehmen wir zuerst die Gymnasien, Progymnasien und ihre Vorschulen in Betracht, so stellt sich folgende Reihe der Provinzen heraus: In Prov. Schlesien ein jüd. Gymnasiast auf 24 Juden Brandenburg - - - - 26 Pommern - - - - 26 Preußen - - - - 44 Posen - - - - 48 Sachsen - - - - 70 Hannover - - - - 71 Westphalen - - - - 74 Schleswig-Holstein - - - - 104 Rheinprovinz - - - - 142 Heffen-Nasiau - - - - 428 Berechnen wir aber die jüdischen Schüler sämmtlicher höherer Lehranstalten (Gymnasien, Progymnasien, Realschulen l. und II., höhere Bürgerschulen und ihrer resp. Vorschulen), so ergiebt sich folgende Tabelle: Brandenburg kommt e i n jüd. Schüler auf 18 Pommern - - - - - 19 Schlesien - -- - - - 19 Sachsen - -- - - - 26 Hannover - - - - - 26 Schleswig-Holstein - - - - - 30 Heffen-Naffau - - - - - 31 Preußen - - - - 33 Posen - - - - - 36 Rheinprovinz - - - 51 Vergleicht man beide Tabellen mit ihren bedeutenden Verschiedenheiten, so ergiebt sich: 1) in welchen Provinzen die Juden sich am meisten mit der Volksschule begnügen, womit nicht einmal gesagt ist, daß in diesen letzteren Provinzen die Volksschulen sich auf guter Stufe befanden, wie z. B. in der Rheinprovinz. 2.» In welchen Provinzen die Juden die wisienschaftliche Ausbildung auf den Gymnasien und in welchen sie die gewerbliche Ausbildung auf den Realschulen vorziehen. Nehmen wir z. B. Heffen-Naffau, wo bei einer jüdischen Bevölkerung von 36,390 Seelen 85 Schüler die Gymnasien, 1074 die Realschulen und 223 die höheren Bürgerschulen besuchen. Solche Zahlen sprechen sehr bestimmt. (Zu diesem Ergebniß in der Provinz Heffen- Nasiau, wie es sich in keiner andern Provinz wieder zeigt, tragt wohl die israelitische Realschule in Frankfurt a. M., Philanthropin genannt, sehr viel bei.) Frankfurt a. M., 20. August. (Privatm.) Soeben kommt uns ein fliegendes Blatt zu, welches ein Verzeichniß der wohlthätigen Vereine und Anstalten in der hiesigen israelitischen Gemeinde enthält. Dieselben sind zum Nutzen der Kranken, der Greise, armer Bräute, Wöchnerinnen, zur Holzvertheilung, zur Unterstützung für Lehrer und Commis, zur Beförderung ver Handwerke, zur Erziehung unbemittelter Mädchen, eine Leihcasie, zur Bekleidung, für Lehrer-Wittwen und Waisen, für Studirende und Hülfsbedürftige überhaupt. Man ersieht hieraus, daß es kaum einen Zweig der Wohlthätigkeit giebt, der nicht in's Auge gefaßt wäre. Noch einige Privatstiftungen sind nicht mit aufgeführt. Was das Alter betrifft, so ist es bemerkenswerth, daß bei dem hohen Alter der hiesigen Gemeinde doch keine dieser Chewroth und Anstalten aus älterer Zeit stammt. Von den 16 Nummern des Berzeichniffes gehören 6 dem vorigen Jahrhundert an, und zwar die Männerkrankencaffe 1738, die Frauenkrankencaffe 1761, für arme Wöchnerinnen 1745, zur Holzvertheilung 17 50 und zur Aussteuerung 1770; die anderen gehören sämmtlich der neuesten Zeit an. Es bestätigt dies die oflgemachte Wahrnehmung, daß die jüdischen Gemeinden sehr wenig der Wohlthätigkeit früherer Zeiten zu verdanken haben. München, 15. August. (Privatmitth.) Es wäre sehr zu verwundern gewesen, wenn die berüchtigten Artikel der Kreuzzeitung nicht in ultramontanen Blättern ein lautes Echo gefunden hätten. Sind doch die protestantischen und die katholischen Schwarzen ganz von demselben Caliber; nur daß die ersteren nur noch auf den eigenen schwachen Füßen stehen, während die andern, nachdem sie von den Regierungen nicht mehr hochgehalten werden, doch noch in der Volksmrffe eine Stütze finden. Es galt hier einen Angriff auf die verhaßten drei: Liberalismus, Deutsches Reich und Juden, von der Kreuzzeitung in ihrer Weise geschickt in einen Topf geworfen. Diese Art Brauerei ist langst bei den Ultramontanen heimisch, und konnte daher von ihnen leicht verwendet werden. In allen diesen Angelegenheiten mischen sich Parieisache und Persönlichkeiten immer zu einem Jnteresie, und wie bei der Kreuzzeitung im Hintergründe Wagen er stand,