Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 36 (31.8.1875)
- Date
- 1875-08-31
- Page
- Seite 574 (sequence 4)
- Language
- German
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574 Rache, in Weißsagungen furchtbarer Ahndung Luft gemacht. Der jüdische Stamm wiederholte nur täglich: Einst kommt die Zeit, wo die ganze Menschheit den einzigen Gott erkennt und anbetet und dem socialen und sittlichen Gesetze dieses einzigen Gottes Gehorsam leistet in Recht, Frieden und Liebe. Ist dies nicht großartig? Aber es liegt darin auch ein glänzendes Zeugniß gegen die immer wiederkehrende Anschuldigung, daß die Juden nur von einem nationalen Messias träumen, der sie nach Palästina führen, den davidischen Thron aufrichten und alle Völker ihnen zu Knechten machen werde. Hier drängt sich uns nun die Frage auf: Sind seit der Zeit des Propheten, in den drittehalb Jahrtausenden, die seit seinem Ausspruche verflosien, Fortschritte gemacht worden von der Menschheit, die zu einer Verwirklichung der von ihm verkündeten Zukunft führen? Es ist ein langer Zeitraum, so daß man die Reihen der Tharsachen wohl zu übersehen vermag. Denn das Menschengeschlecht schreitet langsam, und aus bedeutsamen Fortschritt folgt oft nicht minder bemerklicher Rückschritt. Auch kömmt es hierbei nicht auf die Anschauung erleuchteter Geister, sondern aus die Gesammlheit der Masten an. Dennoch wird man unsre Frage bejahen wüsten. Das Chriftenthum und der Islam haben das »rri« zur Grundlage ihres Bekenntnisses gemacht. Doch haben beide, das erstere noch mehr als der zweite, diesen Gottesbezriff durch eine Reihe von Dogmen und Formen wieder durchaus verdunkelt, und seine Reinheit theils in mystischen Nebel, theils durch einseitige und widersprechende Vorstellungen so verhüllt, daß der Prophet ihn schwerlich darin erkennen wird. Allerdings das Sittengesetz ist durch sie zu einer allgemeinen Anerkennung und in mancherlei Richtung zu praktischer Anwendung gekommen. Auf socialem Gebiete hat die civilisirte Welt das Sklaventhum und die Leibeigenschaft überwunden, und nähert sich den mosaischen Principien mit starken Schritten. Dagegen hat das internationale Wesen noch wenig sichtbaren Fortschritt gemacht und wir brauchen nur auf die immer steigenden Waffenrüstungen und allgemeine Wehrhaftigkeit der civilisirten Staaten zu sehen, um dessen sicher zu sein. — Blicken wir auf unsre Gegenwart: so kann man sagen, daß die Gotteserkenntniß bei zahllosen Menschen eine festere Bahn gewonnen, und den verdunkelnden Kirchenglauben abgestreift hat. Kirchenglauben, wie er im Judenthum, Chriftenthum und Islam im Mittelalter sich gestaltet hat, ist von dem mosaischen und prophetischen Gottesbezriff sehr verschieden, allerdings in der einen dieser Religionen mehr als in der anderen. Wir sagen auch nicht „Gottglauben", denn diese Bezeichnung setzt voraus, als ob die Anschauung von Gott allein durch die Ueberlieferung und durch das Gefühl gegeben, und nicht durch die Erkenntniß unsres Verstandes gestützt, begründet, getragen werden könnte. Dies ist unmosaisch, unprophetisch und irrationell und gilt nur für die den Gottesbegriff verdunkelnden Dogmen. Aber dieser Verbreitung der reinen Gotteserkenntniß stehen doch in unsrer Zeit zwei ihr widerstreitende Momente entgegen. DaS erste besteht eben in der erneueren Befestigung des Kirchenglaubens, vorzugsweise in der ganzen katholischen Welt, eine Befestigung, die sich auf alle Elasten des Volkes ausdehnt und die nur der leugnen kann, der niemals innerhalb dieser Kreise Beobachtungen angestellt hat. Das andere Moment liegt in der sehr verbreiteten atheistischen Richtung der Geister. Diese tritt in der ganzen sg. gebildeten Welt mit einer Nacktheit und Sicherheit auf, wie kaum jemals früher, und benutzt jede auftauchende Hypothese, um sich den Schein der Zweifellosigkeit zu geben. Wir betonen mit Nachdruck das sg. gebildete Publikum, denn die Männer der echten Wiffenschaft gehören nicht dazu, wenigstens nicht .so weit sie sich auf ihre Wissenschaft stützen, und sich innerhalb derselben befinden. Nichts ist häufiger als in den öffentlichen Blättern an der Donau, an der Spree, wie am Rheine die Phrase zu lesen: „Die Wissenschaft hat den Glauben beseitigt", und unter Glauben verstehen sie die Erkenntniß und Anbetung Gottes. Wenn man dem oberflächlichen Leser eine solche Phrase immer wiederholt an den Kopf wirft, so hält er sie bald für richtig. Beabsichtigen dies die Schreiber, so gelingt ihnen dieses Manöver doch nur halb, denn sie scheuchen dadurch einen Theil ihrer Leser nur in den alten Kirchenglauben zurück, einen anderen Theil machen sie gegen alles Höhere und Ideale gleichgültig und abgestumpft. Und was enthält jene Phrase? Nichts als Unwahrheit. Welche Wissenschaft meinen sie? Die Philosophie nicht, denn diese erscheint ihnen nur als ein Gewebe von Syllogismen, und da diese ebenso oft, ja im Laufe der Zeiten viel öfter zur Stütze der Gotteserkenntniß, als zu deren Leugnung verwendet worden, so befeinden sie die Philosophie, wenn sie sich nicht zur Magd ihrer „Wissenschaft" hergiebt, wie die Scholastiker sie zur Magd der Kirche machten. Ihre Wissenschaft soll also die Naturwissenschaft sein. Die echte Naturwissenschaft aber will nichts als den unermeßlichen Kreis von Beobachtrrngen im Sinnlich-Wahrnehmbaren so weit es möglich durcharbeiten und sicher stellen, und aus diesen Beobachtungen durch Analyse und Induction die Gesetze erkennen, durch welche die körperlichen Dinge und Erscheinungen in ihrer Weise existiren und vor sich gehen. Vom Uebersinnlichen, von Gott, Geist und dem eigentlichen Wesen der Dinge weiß sie nichts, kann sie nichts wissen, sie gehören gar nicht zu dem Bereiche ihrer Forschungen. Sie versucht nicht einmal, die echte Wissenschaft, die Erklärung der von ihr festgestellten Erscheinungen zu geben. Sie sagt: So entsteht Electricität und so wirkt sie. Was ist aber Electricität? das weiß sie nicht und wird sie niemals wissen. Es ist also nicht die wahre Naturwissenschaft, welche der Gotteserkenntniß entgegentritt, sondern nur eine gegenwärtig allerdings nicht unbedeutende Zahl von Freunden der Naturwissenschaft, welche mit irgend einer der aus einseitigen Beobachtungen zusammengeschmiedeten Hypothesen über die Weltschöpfung in der Hand, die Gotteserkenntniß beseitigt zu haben, vorgeben. Wir sagen „einseitigen". Jede Hypothese, welche in ein einseitiges