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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-08-24 · Heft 35 (24.8.1875) · p. Seite 566

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 35 (24.8.1875)
Date
1875-08-24
Page
Seite 566 (sequence 12)
Language
German
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566 nicht als eine Wohlthat zu betrachten, daß an die Stelle der alten, um nicht mehr zu sagen, so wenig ehrwürdig aussehenden, winzigen Bethauser, die schönen, imposanten, lichtvollen Tempelhallen getreten, wie sie jetzt fast jede jüdische Gemeinde in Deutschland aufzuweisen hat und die sich schon hier und da im orthodoxen Galizien eingebürgert haben? Soll man sich nicht über jene von den aufgeklärten Glaubenslehrern vollzogenen Abänderungen im Ritus und religiösem Ceremoniell wahrhaft freuen, da diese Loch in ihrer alten, verrosteten Form, wie eine düstere, unheimliche Ruine in unsere Zeit hineinragen? So einleuchtend, so handgreiflich aber Las Gute und Nützliche dieser Umgestaltungen für jeden, der nicht geradezu mit Blindheit geschlagen, ist, so erfreuen sich dennoch hier leider nur sehr wenige Gemeinden solcher Einrichtungen, da in Galizien, im Lande des unbeschränkten Chassidismus, jeder Neuerung, so unwesentlich sie auch den Kern des Judenthums berührt, mit einem zerschmetternden „anatheiua sit“ begegnet wird. So sehen wir denn auch hier in Brody, wo doch schon ein großer Theil der Bevölkerung den freiern Ideen huldigt und bereits so manche nützliche Reform an's Tageslicht getreten, den Gottesdienst noch auf eine Stufe der äußersten Verwilderung, des krassesten Obskurantismus, daß man sich fragen muß, ob wir denn wirklich im Jahrhunderte der Civilisation leben. Es sind unseres Wissens diese Verhältnisse, die eine der klasfendsten Wunden des hiesigen Culturzustandes berühren, noch wenig in einem jüdischen Blatte besprochen worden. Die Ehrfurcht, nicht vor der Religion, sondern vor rem, was man mit Unrecht dafür nimmt, die Scheu, viele fromme Gemülher zu verletzen, hielt wohl Manchen zurück, an diesen berauernswerthen Zuständen zu rütteln; und doch ist die Bloslegung solcher Krebsschäden der erste Schritt zur Besierung, Indem wie bei körperlichen Krankheiten auch bei moralischen Uebeln jede Verheimlichung nur dazu dient, das Leiden zu erschweren! — Wir machen es uns zur Aufgabe, im Nachstehenden eine getreue Schilderung der Art und Weise, wie die religiösen Functionen hier verrichtet werden, wie die Betlocale, deren es hier — man staune über die ungeheuere Zahl! — nahezu an die Hundert giebt, beschaffen sind, sowie der seltsamen eigenartigen Besetzung des Vorbeteramtes in denselben zu geben. Vielleicht, daß jetzt, wo angesichts der hohen Feiertage, die im Anzuge sind, ein jeder den religiösen Dingen mehr Aufmerksamkeit zuwendet, die bcsterdenkenden, einflußreichen Mitglieder unserer Gemeinde die Sache sich zu Herzen nehmen und aus Mittel sinnen werden, Licht in diese chaotischen Zustände zu bringen, die eine Schmach für unsere Zeit sind. — Schon der äußere Anblick der hiesigen Bethäuser, deren es fast in jeder Straße mehrere giebt, macht einen düsteren, unangenehmen Eindruck, indem es meistens elende Baracken mit einem schmutzigen, übelriechenden Zugang sind, deren Außenwände von dem versammelten Publikum stets zu einer Bestimmung benutzt werden, die wir hier nicht näher bezeichnen können. Einen freundlicheren Anblick gewährt aber auch der innere, ziemlich beschränkte Raum keineswegs, indem auch hier überall Spuren größter Unreinlichkeit sichtbar sind und die darin herrschende Atmosphäre die Athmungsorgane nicht sehr angenehm berührt, was wohl zu begreifen ist, wenn man bedenkt, daß diese Orte des Nachts einem halben Dutzend „Batlonim" als Schlafstätte dienen und hier außerdem am Tage dem Nektar Branntwein recht wacker zugesprochen wird, ja zuweilen bei feierlichen Anläßen darin ganze Zechgelage abgehalten werden. Allerdings nehmen jene Bethäuser, deren Besucher nicht zur Claffe der Prasser und Schlemmer gehören, die sich nicht allzubescheiden den Namen „Chassirim" (Frommebeilegen, sich viel anständiger aus, da hier wenigstens das Trinken wegfällt, im Uebrigen ist es auch da nichr wesentlich bester bestellt. Bon einer ruhigen, stillen Andacht in ehrfurchtsvoller Stellung, wie sie allein dem Gebete die echte Weihe verleiht und die uns beim Eintritt in einen modernen Tempel wahrend des Gottesdienstes so tief ergreift, ist hier keine Spur. Da ist vielmehr ein Lärmen und Schreien, ein Toben und Pollern, ein Jammern und Aechzen, ein Hupfen und Springen, besonders an solchen Tagen, daß man sich nicht unter Betenden zu befinden, sondern unter Besestene sich versetzt zu sehen glaubt; es gewinnt oft den Anschein, als ob die Versammlung den Himmel mit Sturm erobern und pan force bie Vergebung ihrer Sünden erzwingen wollte. Obwohl der Vorbeter dazu da ist, die Gebete zu leiten, so gelingt es ihm nicht immer, sich vernehmbar zu machen, da er von den Anwesenden öfters überschrieen und übertobt wird; stimmt er zumal ein Lied an, so fällt alles in einem raschen Tempo mit ein und der Gesang ergießt sich wie ein reißender Bergstrom, ein Gesang, der freilich, um die Worte des Dichters zu gebrauchen, „Steine erweichen, Menschen rasend machen kann", zur Aufrechterhaltung einer andächtigen Stimmung aber nur wenig beiträgt. Wie übrigens bei Aufnahme eines Cantors zu Werke gegangen wird, verdient eine besondere Erwähnung, da dieses wohl dem ganzen, unsinnigen Gebühren die Krone aufsetzt. In manchen Bethäusern werden, was ganz einleuchtend ist, zu diesem Posten nur solche Personen herangezogen, die, wenn sie auch eine geregelte musikalische Ausbildung nicht genoffen, doch wenigstens die gangbaren, wie es hier heißt, noch vom Berge Sinai stammenden Melodien inne haben und ein leidliches Organ besitzen und da hört sich der Vortrag noch an. Nun giebt es aber Synagogen, in denen man über solche menschliche Schwächen weit hinaus ist und die künstlerische Befähigung des zu bestellenden Vorsängers als eine secundäre Sache betrachtend, alles Gewicht nur darauf legt, daß das auserkorene Individuum in Punkten der äußern Werkheiligkeil sich besonders hervorthue und von den geringsten vorgeschriebenen Gebräuchen keine Hand breit abweiche. Da aber gute, und analog auch fromme Leute, wie bekannt, gewöhnlich nur schlechte Musikanten sind, so bringt dieser Wahlmodus die seltsamsten Erscheinungen zu Tage, indem zuweilen Männer vor

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