Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 35 (24.8.1875)
- Date
- 1875-08-24
- Page
- Seite 565 (sequence 11)
- Language
- German
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565 man das Glück eines Volkes nach dem Maße des Gedeihens Einzelner beurtheilen. Man war hier in Amsterdam bescheiden in seinen Ansprüchen. Ueberall Verfolgung, hier wenigstens Erholung und Ruhe. Aber diese Morgenröthe nach der Finsterniß war noch kein Tag. Man wünscht sie nicht zurück diese Tage des Glanzes und der Große ohne Bürgerrecht, ohne Gleichheit vor dem Gesetze, ohne freie Bewegung. Man wird die Vergangenheit nicht mehr so sehr rühmen mit ihren beschränkenden Vorschriften mit Bezug auf die Ehe,' Erbschaften, Eidesleistung u. s. w. Nein, wir würden uns des Undanks schuldig machen und die Schätze der gesunden staatsrechtlichen und bürgerlichen Gesetzgebung, welche wir genießen, gering achten, wenn wir selbst einen Augenblick einstimmen könnten in den Chor Jener, welche zufrieden waren mit dem Guten, weil sie sich des Beffern noch nicht bewußt waren. Die Anwendung dieser Principien nach der französischen Revolution führte den Redner zu einer Skizze ihrer Entstehung und Ausführung. Nur mit mäßigem Enthusiasmus wurde das Geschenk des rohen Umsturzes angenommen, die Losung Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, veranlaßt das geliebte Oranierhaus die Flucht zu nehmen. Glücklich, daß später die Liebe zum regierenden Stammhause sich glänzend versöhnen ließ mit den Freiheitsgrundsätzen, welchen durch die allgemeine politische und sociale Wiedergeburt gehuldigt wurde. Stärker denn je ist unter der schützenden Hand Oraniens die Gemeinde in ihrem unabhängigem Bestehen vorwärts geschritten. Erkennen wir an, daß der Zeitabschnitt, in welchem die portugiesische israelitische Kirchenzemeinde zu ihrer Reorganisation zum System des Selfgovernment überging, auch derselbe war, worin ihr selbstständiges Bestehen mit ihrer ihr eigenen historischen Entwickelung als Fundament öffentlich auf's Neue erkannt und befestigt wurde. Nach einer Betrachtung über die Widerwärtigkeiten sagte der Sprecher, daß die Hoffnung begründet sei, die Gemeinde einer Zukunft von erneutem Kunstauswande und Blüthe entgegengehen zu sehen. Er wies auf die vielen mildthätigen Vereine hin, welche der Gemeinde zur Zierde dienen, aus die mitleidsvolle Sorgfalt durch Vertheilung von Kleidungsstücken, Nahrungsmitteln, Feuerungsmaterial an die Unterstützungsbedürftigen als günstige Zeugniffe für den Charakterzug der Wohlthätigkeit, welchen wir über Alles hochschätzen. Die Gemeinde hat Wohlthäter gehabt, denen kein Opfer zu groß war, sie in ihren theuersten Jntereffen zu unterstützen. Eine Uebersicht über die Vorbereitungen zur jetzigen Festfeier gab dem Redner folgende Worte ein, mit welchen er schloß: Möge es der Gemeinde vergönnt sein, den 12. August 1875 in ihren Annalen zu verzeichnen als den Tag, an welchem das zarte Band von Friede und Eintracht, welches sie umgiebt, enger geknüpft wurde, an welchem die gediegenen Grundlagen dieses Tempels unerschüttert gefunden wurden, an welchem seine Mauern noch keine einzige Fuge zeigten, durch welche schädigende Einflüffe einvringen konnten, den Tag, an welchem seine prächtigen Säulen niedersaheu auf die versammelte Menge, welche, so verschiedenartig auch in ihren Richtungen, einig war im brüderlichen Sinn, einig in Nächstenliebe, einig in Anhänglichkeit an das Vaterland und unseren Lanvesvater, an Nieverland und Oranien. Nach dem Bortrage der Festrede, welche wir ein sehr merkwürdiges Stuck nennen, voll von inniger Vaterlandsliebe und tiefer Huldigung unserer staatsrechtlichen Grundsätze, wurde Psalm 117—118 gesungen. Hierauf wurden die beiden Gedenksteine, durch die Gemeinde- Mitglieder gestiftet, enthüllt. Auf dem ersten stehen mit einer hebräischen Inschrift und der Jahreszahl 5435 in spanischer Sprache die Namen der verschiedenen kirchlichen Behörden aus jener Zeit; aus der zweiten steht Folgendes: Am elften Menachem 5635 wurde das 200-jährige Bestehen dieser Synagoge festlich gefeiert, und haben die dankbaren Mitglieder dieser Gemeinde die beiden Gedenksteine zu beiden Seiten des Hechal anbrrngen lassen zur bleibenden Erinnerung an diesen Freudentag und als Huldbeweis für die Kirchenbehörde, durch deren Sorgfalt dieses Gebäude für die Nachkommenschaft bewahrt wurde. Der Bürgermeister enthüllte diese Steine und bekundete in kurzen Worten seine Sympathie mit der heutigen Feier. Zugleich wurde der Synagoge ein Album mit dem Verzeichniffe aller Mitglieder, welche zur Errichtung der Gedenksteine Beittäge geleistet, übergeben. Mit einem Lobliede, einem Dankgebete durch den sunctionirenden Oberrabbiner ausgesprochen, und einem Schlußgesange, endete die Feier, welche um 1 Uhr begonnen, gegen 4 Uhr. Die Versammlung verließ den Tempel höchst befriedigt über den Empfang, welcher ihr zu Theil wurde, völlig befriedigt über die Festordnung und das Fest selbst und in der Ueberzeugung, daß die Gemeinde auf keine würdigere Weise diesen Erinnerungstag hätte feiern können. Wenn das Einfache das Merkmal des Schönen ist, so war dieses Fest schön in der vollsten Bedeutung des Wortes. Nach Beendigung der Feier sprach der Kirchenvorstand der städtischen Behörde seinen Dank für die Ehre aus, das Fest mit ihrer Anwesenheit verherrlicht zu haben. Correspou-ery. Brody, 8. August. Synagogen. Wenige Reformen, die in neuerer Zeit im Schoße der jüd. Religion hervorgerusen wurden, verdienen eine so warme Anerkennung, als jene im Bereiche des Synagogenwesens entstandene Veränderungen, welche den Gefühlen und Anschauungen der jetzigen Generation in so schöner Weise entsprechen. Äst es 35*